Wir wollen mit Pfaff und Adel raufen

Musikalische Blasphemien aus sieben Jahrhunderten

(in: Mit freundlicher Genehmigung von: FolkWorld - Ausgabe 32 12/2006 - Artikel von Walkin' T:-)M)

Na hoppala aber auch: Religiöser Fundamentalismus ist wieder stark im Kommen. Die einen regen sich über Mohammed-Karikaturen und Mozart-Aufführungen auf, die andere Fraktion über die Papst-Satire „Popetown“ auf MTV. Oomph wird kritisiert wegen ihres Liedes „Gott ist ein Popstar“, die finnischen Eurochanson-Abräumer Lordik wegen ihres „Hard Rock Halleluja“. Eigentlich ziemlich lächerlich, wenn es nicht so ernst wäre. Denn schon fordert der bairische Ministerpräsident härtere Strafen für Gotteslästerer.

Darf man über Religion, Gott, seine Stellvertreter auf Erden und die Kirche lästern? Heilige und Propheten verspotten? Glaubenssätze, Dogmen und Rituale lächerlich machen? Oder ist es im Gegenteil nicht sogar dringend notwendig, diese zu kritisieren und zu hinterfragen?
Die Geschichte zeigt jedenfalls eines: Nicht nur Zeichner, sondern auch Sänger, Musikanten, Troubadoure und Liedermacher haben die sogenannte Blasphemie trotz Zensur, Inquisition und Volksverhetzungs-Paragraphen immer schon lustvoll mitgemacht. Folgen Sie uns auf einen musikalischen Streifzug durch 600 Jahre Verletzung religiöser Gefühle!

Ich sollt ein Nonne werden (14. Jhd.)

Ich sollt ein Nonne werden
Ich hatt kein Lust dazu
Ich schlaf nicht gern alleine
Geh in die Kirch nicht froh
Und wann es kommt um Mitternacht
Schlägt man die Glocken an
Da hab ich armes Mägdelein
Noch keinen Schlaf getan
Wenn ich vor die Äbtissin komm
Sieht sie mich sauer an
Viel lieber würd ich freien
Einen jungen hübschen Mann

Ein in den Klöstern gebräuchliches Sprichwort sagt: Man kommt zusammen, ohne sich zu kennen, man lebt miteinander, ohne sich zu lieben, und stirbt, ohne beweint zu werden. Mancher, den seine bigotten Eltern dem Klosterleben in früher Jugend geopfert hatten, sprach mit heißen Tränen den Wunsch aus, dass ihn die Mutter bei der Geburt doch lieber ersäuft als in ein Kloster geschickt haben möchte. (Corvin) Nach der Limburger Chronik sang und pfiffe man dieses Lied bereits 1359.

Wir wollens Gott vom Himmel clagen (1476)

Wir wollens Gott vom Himmel clagen,
Kirie eleyson.
Das wir die pfaffen nicht zue todt sollen schlagen,
Kirie eleyson.

Anno domini 1476 hat sich im dorff Nicolaushaszen in der graffschaft Wertheimb am flusz Tauber ligendt ein hirt erhebt und hefftig wider die obrigkwit, clerysey geprediget, auch dasz waszer, waidt, holtz solten gemain sein, kein zoll noch gelaithgelt geben. Dieser beukher predigte so lang wider die pfaffhaith, dasz die walende unnder andern offentlich sangen: Wir wollens … (Steinitz)

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