Bedeutung des Spiels

A. Schlipköter
in: Was sollen wir spielen?

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Das Spiel ist das edelste und schönste Vergnügen unserer Kinder und sollte auch für Erwachsene eine Quelle reinster Freuden sein.

Leider bildet heutzutage in fast allen Gegenden unseres Vaterlandes der Tanzsaal den Mittelpunkt der meisten Vergnügungen. Selbst in den abgelegensten Dörfern hat man schon heutzutage für eine gute Einrichtung eines solchen gesorgt. Wer wollte über ein Tänzchen in Ehren spotten! Aber leider muß man gestehen, daß auch in unserer Zeit die Tanzlust in durchaus tadelnswerter Weise entwickelt und bei vielen Menschen so zur Leidenschaft geworden ist, daß solchen der Tanzsaal am Sonntag der liebste Aufenthaltsort wird.

Besonders ist dies vielfach der Fall in den ländlichen Gegenden, wo den Bewohnern wenige Abwechslung geboten werden. Ja, die Tanzsucht wird tatsächlich gegenwärtig ein Unglück für manches Mädchen und viele Burschen. Bei aufmerksamer Beobachtung kann man sich des trauriger: Urteils nicht verschließen, daß die Tanzsucht häufig eine Klippe wird, an der die Ehre beider Geschlechter strandet. Auch verleitet die Tanzsucht zu unnützen Ausgaben. Jedoch können diese wirtschaftlichen Schäden, welche mit solcher Vergnügungssucht eng verknüpft sind, nicht als die schlimmsten betrachtet werden.

Viel trauriger sind die sittlichen Folgen. Die Lust an einem ruhigen, rechtschaffenen Leben und edlerer Freuden und Genüssen erstirbt. Der Verkehr der Geschlechter wird namentlich durch den Einfluß der Tanzmusilen ein erschreckend dreister. Oft führen betrunkene Burschen halbbetrunkene Mädchen heim. Der Charakter manches Jünglings und mancher Jungfrau geht so allmählich zugrunde. Sagt doch mit Recht ein einsichtsvolIer Erzieher: »Auf dem Tanzboden erbleicht die Unschuld, auf dem Wege nach Hause wird sie zu Grabe getragen«

Mancher wird mir entgegenhalten, das Tanzen sei doch eine gesunde Bewegung des Körpers. Ja, freilich! Wenn die Tänze von sehr kurzer Dauer sind und nur sehr mäßig getanzt wird. Aber, wo geschieht das! Man bedenke nur einmal, wie sehr das Gehirn zu leiden hat durch die fortwährend fast gleichen Sprünge immer in derselben Runde. Welche ungewohnte Arbeit ist ferner das Tanzen für den Körper! Wie sehr haben die inneren Organe, wie Leber, Nieren und andere Teile des Körpers durch das stetige Springen zu leiden!

Wie schnell und unnatürlich wird der Schweiß entwickelt! Wie plötzlich wird der Körper wieder durch einen kühlen Trunk oder durch Luftzug abgekühlt! Wie wird anstandshalber kein Tänzchen abgeschlagen! Endlich, was für eine schlechte, staubige und wenig sauerstoffhaltige Luft ist in einem Tanzsaal, in welchem 200 Menschen sich befinden, vorhanden! Sollte man es glauben, daß es noch genug Eltern gibt, die da meinen, sie müßten ihre Kinder schon vor der Schulzeit diese allgemeine Kunst erlernen lassen, als wenn sie fürs Leben notwendig wäre!

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Liederthema: Volkslied-Forschung
(1910)
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