Vorwort: Allgemeines Deutsches Kommersbuch 100. Auflage

Prof. Dr. Eduard Heyck
in: Allgemeines Deutsches Kommersbuch

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Der musikalische Hausgeist des Bonner Liederbüchleins war Justus Wilhelm Lyra, der Sohn eines westfälischen Freiwilligen der großen Kriege. Sechzehn Weisen zu neuen Texten gab er als seine eigenen hinzu, unter ihnen: “Der Mai ist gekommen”, “Meine Mus’ ist gegangen”, “Die bange Nacht ist nun herum” und “Zwischen Frankreich und dem Böhmerwald«. Rudolf Löwenstein, nachmals bekannt als Kladderadatschmann und namentlich aus dem Kriegsiahr 1870 durch volkstümliche, siegesstolze Zeitgedichte, brachte als Breslauer Inaktiver und fleißiger Redaktionshelfer  eine humorvoll behagliche schlesische Note hinzu. Der eigentliche Führer der ungenannten Veranstalter war aber Hermann Schauenburg, aus Bünde in der Grafschaft Ravensberg stammend und somit wie Lyra Westfale. Westfälische eichene Deutschheit kränzte sich mit rheinischen Beben und rheinisch poetischer Studentenlust.

Der Dr.  Herrmann Schauenburg verpflanzte darnach den·Ausbau seiner Schöpfung nach Lahr, wo sein Bruder Moritz ein durch den gleichen unabhängigen Vaterlandssinn hervorragender Verleger geworden war. Es geschähe dem Andenken Moritz Schauenburgs unrecht, würdc an dieser Stelle nicht betont, was auch ihm das Buch und die Studentenwelt verdankt. Um nur eines herauszuheben: er hatte die Würdigung für den akademischen Humor Scheffels, dessen Proben damals vereinzelt in die Öffentlichkeit drangen, setzte sich auf die Bahn nach Heidelherg und stieg zum Pfarrer von Ziegelhausen, und so sind die Scheffelschen Lieder aus dem Halbdunkel des Engern —  nebst denen des sich sehr langsam Bahn brechenden “Trompeter” — ans freie Tageslicht gehoben worden.

Es kam das erste Lahrer Preisausschreiben an die Komponisten, das denkwürdigste von allen. Schauenburg gab die “Lieder aus dem Engern” im Verlag heraus, mit dem jungen Kommersbuch gingen sie, gingen “Altheidelberg, du feine” oder “Wohlauf, die Luft geht frisch und rein” und der bis dahin wenig bekannte Name Scheffel in die Welt hinaus; es ist nicht zuviel gesagt: auf Flügeln Lahrer Melodien ward der Dichter des Ekkehard zum Gipfel bejubelter Volkstümlichkeit, die mit der freudigen Zeit unter Bismarck zusammenfällt, emporgetragen.

So im Zusammenwirken des an literarischen Freundschaften reichen Arztes (1876 zu Moers), des tatkräftigen Verlegers und der musikalischen Beteiligung des unvergesslichen Friedrich Silcher erblühte das Allgemeine Deutsche Kommersbuch.

Was sein Titel, damals beziehungvoller, als er uns heute klingt, ausdrücken wollte, das hat es zu seinem Teil  vollwichtig erfüllt und auf die nationale Entwicklung durch den sich nformende Geist der Jugend, wie durch den begeisterungsfähigen Willen tatfroher Männer seine Einflüsse ausgewirkt. Und in Erneuerung dessen, was es von den “Deutschen Liedern” übernommen, blieb es der stete Jungbrunnen des wertvoll schönen, wie des poetisch humorvollen Liedes, ward es für die Inhalte der geselligen Fröhlichkeit zu einer literarischen Macht. Dichter bis zu dem Bang eines K. F. Meyer, Leuthold, Storm, W. H. Riehl, Wilh. Hertz wurden der akademischen Sangbarkeit erobert, die Poeten des Humors seit Hornseck und Eichrodt bis Heinrich Seidel gesellten sich hinzu, die klangvolle Reihe hochangesehener Musiker, die sich dem Lahrer Buche freundschaftlich verbanden, hat zu diesen Erfolgen mehr oder minder entscheidend beigetragen und u. a. ist durch die frühe Abtsche Melodie ja auch die fast an den Zauberlehrling gemahnende Popularität Rudolf Baumbachs vermittelt morden. Aber allzeit hielt das Buch der Poeten und Kapellmeister an dem echten Volksliederschatz in eindrucksvollen Treuen fest und kann es zu feinen Genugtuungen zählen, wenn heute die Freude an ihm, mit oder ohne Zupfgeigen, sich so herzhaft verjüngt hat.

Eine Zeitrichtung, die eine bemerkenswerte Antwort ist auf das Abschwenken der literarischen Dichtung zum betonteren Ich-Künstlertum. Die Auguren der modernen Lyrik haben keine Lieder. Ihre Sprache ist das Gedicht, das die veredelte Gemeingültigkeit nicht hat, die die Kraft der alten Heroldsweise war. Wir finden den Sänger nicht mehr, um den sich die Herzlichkeit drängt, der er mit den Wunderkräften des melodisch Rauschenden, Poetischen ihre eigensten Seelenschwingungen spricht. Und damit ist auch der Abglanz merkbar verblichen, den jeweils eine Zelt des schönen Liedes auf die glücklichen Stunden der nicht im Hauptberuf mitdichtenden Poeten übt. Das Wunderhorn der schönen Gemeinsamkeitslieder, in das mir onv Freunden des Kommersbuches sooft ermuntert werden, nur frisch non neuem zu greifen, kann erst ein neuer Umschwung wieder füllen. Er wird schon kommen, und immerhin sind einige, die dorthin die Brücke schlagen, da. Die Verlagshandlung hat indessen wieder das Ihrige getan, um mit dem Stabe Mosis und der Propheten an den Felsen des Liederquells zu schlagen, und die enger ausgewählten diesmaligen Vertonungen will sie versuchsweise als Referendum zur  Selbstentscheidung an die Allgemeinheit bringen —-.

Daß sich die Auflagenzahl zur 100 rundet, bot keinen Anlaß zu einem neuen Kurs. Wer Sinn für die Geschichte des Buches hat, wird zwischen den letzten Auflagen vor der 51., die mit reichlich viel Nachgiebigkeit redigiert waren, und der 100. sichtliche Veränderungen in Inhalt und im Geschmack feststellen können, die nach und nach vorgenommen sind. Denn das gegebene Wesen des Kommersbuches ist Tradition, und so müssen wir auch weiter, insofern es ein stetiges Aufwärtsführen gilt, schon ein wenig den schwer bepackten Skifahrer gleichen, der bedächtig im Treppenschritt zur Höhe steigt, die Füße — waagerecht setzend. Ein Buch, das für niemanden Inhalte hat, die er nicht lieber auch vermissen würde, und das jedem alles bringt, was ihm gefällt, ist unerfüllbar. Auch der reifere Hasis, der sich gelegentlich im Plätzlein vor der Schentk gerne niedersetzt, wird es nicht vergessen haben, daß die bacchantische Übertreibung, wie sie die Jugend liebt, sich im singenden Übermut am harmlosesten verpufft und daß überhaupt die brüderlichen Freundschaften der Studenten noch immer die beste Umgrenzung einer den jungen Semestern fast allzu groß geschenkten Freiheit sind. Mag dann ihr fröhlicher, doch nie alleiniger Mittelpunkt die Kneipe sein oder die Sportgeselligkeit, was wir die letzten sind, nicht freudig zu begrüßen. Ein gutes studentisches Liederbuch soll nicht von seinen Biernägeln abhängig sein. um Stimmung und freudigen Herzschlag zu bringen. Drum wurde auch hier und da ein reines Lesestück eingeschoben, das weniger die Melodie als die Gedanken trägt.

Echter Frohsinn war nie im Lager einer selbstbegnügten Versimpelung. Und vollends nicht der Idealismus, der die Jugend des Herzens, auch bei weißen Köpfen, ist und dessen wir heute so gut als vor hundert Jahren, wenn nicht mehr, bedürfen. Unerschrockene Klärungen, Erwachen zum ungeblendeten Erkennen, Festigungen und
Zusammenfindungen zum ethischeii Entschluß, Abschütteluug der alten Untugend des Deutschen, so wenig von selber “bereit” zu sein und wie ein Knecht immer erst den derben Stoß zu brauchen, der ihn in Bewegung setzt, — das sind die Möglichkeiten, um aus dieser veräußerlichten, ziellosen, bildungslosen Periode wieder herauszukommein, in die wir, seit es uns zu gut ging, hineingeraten sind. Nicht so, daß die Jugend Taktik und Marschplan bestimme, aber daß sie in Fähnrichstreue vor den Führern her die Banner trage, daß sie durch ihren Mut die Entschlossenen mehre und daß sie, wie sie es immer in ihren schönen siegdeutenden Zeiten getan hat, das schwere Ganze von Heerbann und Landsturm mit ihrem eigensten Sinne durchdringe: redlich, selbstlos, treuherzig, kühn und frei! Ja in allen Dingen frei! Denn von allem Guten und Großen die Wurzel ist des Freien Selbstachtung, und die Freiheit gehört keiner Partei.

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Liederthema: Volksliedbücher
Liederzeit: (1914)
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