Als der Großvater die Großmutter nahm (Auflage 1922)

Kurt Tucholsky (in: Die Weltbühne, 1.6.1922)

Schlager sind Lieder, bestehend aus Musik und Worten, die kaum noch etwas mit ihren Autoren zu tun haben, sondern die aus der Literatur zum Gebrauchsgegenstand des Volkes oder des jeweiligen Volkskreises avanciert oder degradiert sind. Solche Lieder zum sonntäglichen Gebrauch des deutschen Bürgertums aus den Jahren 1740 bis 1840 hat Gustav Wustmann, der Schöpfer des ausgezeichneten Werkes ›Allerhand Sprachdummheiten‹, veranstaltet, und ihre Neuausgabe liegt jetzt vor. (›Als der Großvater die Großmutter nahm‹, im Insel-Verlag.)

Da sind sie alle noch einmal, jene heute schon ganz oder halb verschollenen Lieder, deren letzte leise Klänge wir noch aus dem Munde unsrer Großeltern haben herüberwehen hören: ›Denkst du daran, mein tapferer Lagienka‹ und ›Fordere niemand, mein Schicksal zu hören‹ und ›Fern im Süd das schöne Spanien‹ und ›Es kann ja nicht alles so bleiben hier unter dem wechselnden Mond‹ und viele andre. Kulturgeschichten lügen. Lieder lügen nicht. Sondern sie enthüllen objektiv und klar die Seelenverfassung der Geschlechter, die sie gesungen haben, und das ist interessant genug.

Eine reiche Literatur lag zum Aufblättern vor diesem Bürgertum – heraus nahm es sich, was seinem Geisteszustand am meisten zusagte: das Süße und das Empfindsame und das Zerklüftet-Romantische (man denke an die alten Öldrucke, die noch in manchen schweizer Hotels zu hängen pflegen) – das Edle und das Leis-Neckische.

Es ist fesselnd, zu beobachten, was mit so einem Lied geschieht, wenn es in aller Munde ist, wie es eine ganz andre Klangwirkung bekommt, als die war, die dem Dichter vorgeschwebt hat; viele Zeilen erstarren und werden zu einem einzigen Begriff (bei ›Drunten im Unterland, da ists halt fein‹ denkt sich zum Schluß niemand mehr etwas, sondern das wird nur noch um des Rhythmus willen gesungen); manche Gedichte werden zu Kinderliedern; manche erhalten einen komischen Beigeschmack.

Auch Lieder werden geboren, leben, haben ein Schicksal und sterben. Es ist übrigens an diesen Liedern auf das deutlichste zu sehen, wie Worte nicht den Gehalt zwischen den Zeilen aufbewahren können, nicht jenes Unnennbare, das dem Lied erst seine Farbe gibt. Sing einem ganz alten Mann das ›Maurische Ständchen‹ vor – er wird die Assoziationen: Werbung, Gefallsucht, Abweisung, das Parfum eines Haares haben, du aber hältst die graue Mathematik in Händen und wunderst dich über den alten Mann …  Ihr werdet hübsche Dinge in dem Bändchen finden.

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