Vorwort: Alemannisches Kinderlied

Rochholz
in: Alemannisches Kinderlied (1857)

An sich Geringfügiges gewinnt schon Wert nach solchen Vergleichungen weit abstehender Zeiten, äußert J. Grimm. (Latein. Gedichte des X und XI Jahrhunderts page XVIII) Ganz natürlich enthalten wir uns daher jeder Entschuldigung darüber, daß wir an eine treue Aufsammlung des deutschen Kinderspruches Leben und Fleiß gewendet haben, lieber zeigen wir gleich, wie viel Wissenswertes und Schönes überall aus ihm neu erlernt werden kann von Gelehrten und Ungelehrten von Kindern und von Männern.

Ich habe auf der Südwand des Monterosa in Gressoney im Hochtale der Lesia den Auszählformeln und Spielreimen der dortigen Kinder zugehört und habe mit Erstaunen alsbald die Aehnlichkeit mit jenen Kinderreimen erkennen müssen, welche Müllenhoff in Schleswig Holstein und auf den deutschen Inseln aufgesammelt hat. Wie kamen diese Schleswiger und Sylterreime vom Meere weg an den höchsten Gletscher der italischen Alpen in ein Tal, wo die Gemse mit den Ziegen weidet, wo alle Kinder noch ohne Hebamme geboren ohne Impfung stark und ohne Schullehrer gescheit werden müssen?

Durch den Handel nicht, denn auf acht Stunden weit ißt hier die Bevölkerung nur einjähriges Brot und das ein Jahr eingeschlachtete Fleisch, durch die Gebildeten aber noch weniger, denn diese sprechen hier welsch. Der Kinderreim ist also in dem deutschredenden Lestatale so alt als die deutsche Einwanderung und Niederlassung daselbst, diese aber wird von dem dortigen Volke in die Hohenstaufenzeit gesetzt. Doch damit ist des Wunderbaren noch nicht genug, der Kinderreim ist erweislich allenthalben noch um vieles älter und ursprünglicher Er ist nach Inhalt und Form meistenteils einer und derselbe, wie ihn Grimm und Wolf in Hessen auffanden, wie ihn Fiedler in Anhalt-Dessau, Meier in Schwaben gesammelt hat. Der Kinderreim im Oldenburger und Bremerlande und derjenige an der österreichischen und ungarischen Donau unterscheiden sich oft noch weniger als Geschwister, sondern haben eine wahre Zwillingsähnlichkeit. Was Schröer in Preßburg, Zschischka und Schottky in Deutschböhmen und im Erzherzogtum an solchen Sprüchen aufzeichnete, neuerlich Mannhardt in Danzig, das gleicht alles auch unserem Kinderspruche an der Aare und am Jura.

Aller Unterschied zwischen diesen örtlich sich so entfernt bleibenden Kleinigkeiten ist bis in die Tausende von Sprüchen hinein kein anderer als ein mundartlicher. Wie soll man sich diese märchenhafte Ubiquität erklären Keine Zeit hat sich dieser unscheinbaren Dinge jemals ernstlich angenommen der Buchdruck hat sie nicht verbreitet Plan und Lehre sie nicht vorsätzlich jemals vererbt oder gefristet Gleichwohl sind sie aller Orten von jeher und als dieselben da und haben stets wie heute gelautet so weit wir ihnen in vergangene Zeiten nachzublicken vermögen Selbst dann schon wäre ihr Alter ein ganz unbegrenztes wenn sie sich durch mündliche Ueberlieferung von einem Lande zum andern wandernd fortgepflanzt haben würden Denn sie konnten sich nur mündlich und nur im hilflosen Kindermund fortpflanzen und noch dazu in solchen Zeiten die unsem Verkehr unsere Mittheilungsmittel unsere Jdeenan steckung noch nicht besaßen Allein der Kinderspruch beruht überhaupt nicht auf solcher mechanischen Abentlehnung und Verbreitung Seine mütterliche Wärme und ungelernte Jnnigkeit dieses unentbehrliche Wesen alles Kinderthuns liegt gerade darin daß er nicht ein Ankömmling ist sondern ein stets Dagewesener Niemand hat ihn jung gekannt wer sich auf ihn berief mußte sich zugleich auf Vater und Großvater berufen Jmmer war er so lange wie dies älteste Menschengedenken im Lande schon da und in der Familie schon herkömmlich Er war also nicht eingewandert nichts Fremdes Fremde Reden fremde Spiele ergötzen kein Kind fremde Sagen glaubt das Volk nicht Beide brauchen um geglaubt und getrieben zu sein einer unübersehbar langdauernden Tradition Beide

müssen also selber noch der Kindheit unseres Volkslebens den frühesten Jahrhunderten unserer Geschichte angehören Und so ist es auch Halliwells englische und Chambers schottische Sammlung von Kinderliedern sind durchgängig den deutschen um so mehr ähnlich und gleich je älter und ursprünglicher sie selber sind und müssen also mindestens eben so alt sein als die Einwanderung deutscher Stämme in Britannien Wie sie schon in vorchristlicher Zeit mit den Sachsen und Angeln über Meer gezogen sind eben so war auch der Kinderspruch mit der norwegischen Auswanderung einst nach Jsland gekommen Darum sind diein der isländ Edda enthaltenen Räthsel und Sprüche denen in Landstads norwegischen Volksliedern so auffallend ähnlich Die Eddaischen Sprüche sind um das 12 Jahrhundert die norwegischen aber erst in dem unfrigen aufgezeichnet Und doch gleichen beide wiederum den althochdeutschen Kindersprüchen wie ihrer etliche von den Mönchen in St Gallen um das Jahr Tausend aufgeschrieben oder vielmehr als bloße zufällige Federproben in die Lateinhandschriften hineingefetzt worden sind Daß aber diese Kindersprüche einer grauen Vorzeit mit denen unserer heutigen Kinderwelt fortwährend zusammenstimmen dies ist eben die überraschende Thatsache welche von unserm eignen Buche fast bei jeder Zeile nachgewiesen werden kann Je mehr nach der Völkerwanderung die deutschen Volksstämme sich auch in verschiedenartige Sprachstämme sonderten um so unmöglicher wurde ein gegenseitiges Abborgen dieser Reimsprüche aus gegenseitig sich entfremdeten Mundarten und Sprachen der Kinderspruch muß also so alt sein wie unsere deutsche Heldensage welche vor der Völkerwanderung bei allen deutschen Volksstämmen einheimisch war von ihnen mit in die Fremde hinausgenommen wurde und in den sagenhaften Erinnerungen des Scandinaviers und Angelsachsen heute noch eben so fortdauert wie beim Schwaben Hessen und Bayer Weil der Langobarde und Gothe in Jtalien seßhaft wurde und der Franke in Gallien darnm gleicht selbst in diesen gallischen und italischen Landstrichen noch mancher einzelne Kinderreim nach Jnhalt und Form dem unfrigen So weitgreifend und gewagt auch dem Unbelesenen diese Behauptung VII

erscheinen muß so steht sie doch für den Forscher bereits außer Zweifel Aus Frankreich liefert unser eignes Buch schon einige Beweise und bald werden wir deren in Fülle haben wenn dorten die nach Firmenichs Vorgang veranstaltete Aufsammlung der mundartlichen Lieder und Sprüche ihren fleißigen Fortgang nimmt Aus Unter Jtalien sogar liefert F Liebrechts Pentamerone Breslau 1846 einige Beispiele von denen hier eines ausgehoben sein soll Galiani der Sammler neapolitanischer Kinder und Märchensprüchlein verzeichnet einen Reim den die Kinder Neapels beim schlechten Wetter noch heut zu Tage singen und mit ungeschickter Deutung bemerkt er dazu Wir glauben es ist aus der Zeit des Kaisers Friedrich II Der Reim lautet esee eses Lole Dies heißt Komm hervor o Sonne erwärme unsern Kaiser Der deutsche Reim der beim Regenwetter gilt lautet Sonne komm hervor Mit deiner goldnen Feder Regen bleibe weg Mit deiner langen Nase Regen Regen rusch Der König fahrt zu Busch Natürlich kümmert sich das Kindersprüchlein nicht um Kaiser und Diplomaten es meint den König der im Himmel als Wetterherr sitzt und die langnasigen Wetterheren in ihre Wälder zurückjagt Und dieses Sprüchlein ist überall bei uns gültig an der Elbe und Weser an Ober und Niederrhein Jst nun der Kinderspruch solcher Abkunft so gehört er mit in unfre deutschen Hausalterthümer alsdann wird er ursprüngliche Anschauungen und Glaubenszüge aus dem Germanenleben oft in der ursprünglichen Schönheit naturgeborner Volkspoesie aussprechen er wird ferner auch die noch ungeschriebene Geschichte derKinderzucht und des Familienlebens enthalten wie es vor mehr als tausend Jahren gewesen ist Und von VIII Vorwort

gleicher Bedeutsamkeit werden alsdann auch die Kinderspiele Sie sind ergiebige Fundgruben für unsere Sittengeschichte sie zeigen uns noch den altheidnischen Fest und Opfertanz die in Waffenschmuck begangenen Volksfeste des Sommer Empfangs und der Osterspiele nebst einer ganzen Reihe dramatisch dargestellter Thiermärchen bei denen noch Bräuche aus dem germanischen Gerichtsverfahren sammt Götternamen Zaubermitteln und Segensformeln oft in ihren urkundlich echtenWorten laut werden Und damit ist Schillers Wort glänzend gerechtfertigt Hoher Sinn liegt oft in kindischem Spiel Ein sonst für gering wenn nicht gar für läppisch gehaltener Gegenstand gewinnt so neuen allgemeinen Reiz und seine wissenschaftliche Bedeutsamkeit So viel von dem Alter der Abkunft und dem Werthe des deutschen Kinderspruches überhaupt und nun wenden wir uns dieser Sammlung zu Was will und vermag sie Sie will Mythe Sprache Zucht und Kunst der Ahnen zusammen in dem ihr gegönnten kleinen Raume nachweisen damit man das Vorhandensein dieser Güter auf größeren Gebieten um so gewisser einsehe und sich dieses Gewinnstes erfreue Dem Literaturhistoriker kann dieses Buch eine noch ungeahnet reiche Quelle werden bei der Behandlung unseres allgemeinen deutschen Volksliedes dem Sprachforscher eröffnet es fast mit jedem Worte ein frisches Feld der Ausbeute dem Bürger gewährt es ein reineres Verständniß unseres Volksgeistes es bestärkt sein Vertrauen auf die Unverderbbarkeit der Menschennatur Dem Pädagogen muß es das älteste Handbuch traditioneller Erziehungslehre heißen für den Lehrer ist es die echteste Reimstbel es beschenkt die von ihm geleiteten Sprechübungen mit dem naturgemäßesten heitersten Material Für bescheidene Haushaltungen ist es ein ungeschminktes bürgerlich redendes Weihnachtsbuch mit keiner Mode erwachsen kann es auch mit keiner veralten Es ist ungemacht wie echte Kinderfreude es hat einen eigenen Schirm und Schild der es vor dem füßlichen Getändel sonstiger Erziehungsschriften bewahrt den sprachgeschichtlichen Sinn Vätern

und Müttern hilft es Gedächtniß und Phantasie des Kindes schärfen Sein Tausend von Sprüchen uno Reimen wird der kleinen Seele gesunder sein als das Zuckerbrot der Ingendromane die von Bettelleuten und Millionären erzählen und es wird sich befähigt zeigen die Pest des Jugendlebens zu bannen die Langeweile Solcherlei Hoffnungen und Versprechen klingen viel zu schön als daß man sie nicht noch erweisen müßte Daher hier noch ein paar weitere Erklärungen Die Sprache dieses Buches ist eine blos mundartliche ja sie geht aus dem Landschaftlichen noch einige Schritte weiter ins Enge und Kleine hinab bis zur isolirten Redegewohnheit der Familie und der Kinderstube Es beginnt mit dem eigentlichen Säuglings ABC es ist das erste Taschenwörterbuch des kleinsten Duodezmenschen neben dem Groß quart des deutschen Wörterbuchs der Brüder Grimm Auch dies wird den Freunden der Sprachbetrachtung von Werth sein Es zeigt wie der Naturlaut zum regelrechten formbeherrschten Worte wird wie das unwillkürliche Lallen in das erfinderische Sprachvermögen übergeht Der Geist der Sprache liegt hier freilich noch in Wiege und Windel aber er läßt sich was belangreicher ist manches Mal hier auf der That ertappen in dem Weben seiner Lautgeheimnisse sich belauschen Auch solcherlei Wortmilben haben ihren wissenschaftlichen Erfolg ihre praktische Seite und gehören mit zum allgemeinen Sprachschatz Jn Sprache und Natur mißt man nicht nach Groß und Klein da giebt es kein Wichtig und Unwichtig Die wahre Wissenschaft hat keine andere Grundlage als die genaueste Kunde des Details das Finden und Betrachten des Jnnern der Dinge Dies ist die Weisung welche an den Entdecker eines Welt gesetzes und an den Sammler des vereinzelten Pflänzchens gleichmäßig ergeht Schiller sagt Wer etwas Treffliches leisten will der sammle still und unerschlafft im kleinsten Punkt die größte Kraft Was besagt dies weiter als was jeglicher Arbeiter schon sprichwörtlich weiß Wer in die Tiefe kommen will muß an derselben Stelle graben Dieses Buch muß daher beweisen daß es sich und seine Gewinnste selber versteht und dafür bedurfte es der von ihm angezogenen Belegstellen

legstellen aus alten und neuen Werken über Geschichte und Sprache Jhm kann der Leser mißtrauen diesen Quellen aber nicht Zu verficht und Einsicht in die Richtigkeit der mitgetheilten Sätze möchte es verbreiten dafür häuft es oft Citate Nicht aber will es mit einer weitschweifigen Erudition um sich werfen Es verschweigt im Gegentheil oftmals das Duzend Bände das es eines einzigen Sprüchleins oder Wörtleins wegen umsonst durchlesen mußte und ist herzlich froh das eine Buch angeben zu können welches den gesuchten Aufschluß ihm wirklich darbot Wo es daher den Leser mit einer lateinischen oder gar mit einer gothischen Formel erschrecken muß wo es ihn mit einer ganzen Linie bloßer Nummern ermüdet die aus andern Schriften oft wegen eines einzigen kurzen Kinderräthsels angeführt werden da zeigt es damit ganz ehrlich den Ernst und das Alter der erklärten Sache an es erweckt damit dem Gegenstande jenes wissenschaftliche Vertrauen dessen er würdig ist und das er heute sich erst noch erwerben muß Dazu werden dann freilich Grimms und der Fachgenossen Arbeiten auch mit benutzt aber wahrlich immer bescheiden Jch will nicht den Bergsee in die Quelle meiner Hauswiese ableiten Die mundartliche Färbung in allen Sprüchen fällt vielleicht etlichen Lesern noch unbequem aber sie ist diesen einfachen Kindern der Natur so nothwendig wie das Grün dem Grashalm Fiedler Anhalt Dessauer Volksreime 1 Auch die paar Derbheiten die in jeder Volksrede unvermeidlich sind können unserm conventionellen Leben zuwider scheinen um so weniger sind sie es der kindlichen Unbefangenheit Jedes Wort ein Stück der Seele heißt es bei Nizemii Wie man die Dinge ansieht sehen sie uns wieder an pflegte Hippel zu sagen Kants Freund und I Grimm Wb 1 XXXIV bekennt hierüber vor unserer Gegenwart Spott Witz Zorn Schelte können nicht anders laut werden als in einem kühnen Wort selbst in der Bibel gebricht es nicht an Wörtern die bei der feinen Gesellschaft verpönt find Auch noch Göthe hat es wobl gefühlt daß ein unzarter Ausdruck da wo er hingehört nicht erspart sein könne Es giebt kein Wort in der Sprache das nicht irgendwo das beste wäre und an seiner rechten

Stelle Das Volk trägt keine Handschuhe und sein Wort kann unsauber sein aber es giebt Barbaren in lasierten Stiefeln und deren Wort ist glatt und schlüpfrig zugleich Jn unserem Buche ist dem Unvermeidlichen der Kinderbedürsnisse nicht ausgewichen aber ihm auch nicht entgegen gegangen Außerdem herrscht überall die Sprache des Liedes und Spruches die jede unabstchtliche Nacktheit wiederum zudeckt und so geschieht hier was Göthe von den Legenden sagt Sie kamen nackt vom Himmel an Und wußten nicht sich zu benehmen Die Poesie zog ihnen Kleider an Und Keines brauchte sich zu schämen Auf eine Abschätzung des poetischen Werthes der in dem hier gelieferten Material sich findet mag ich mich nicht einlassen Der Macht und Naturwüchsigkeit die in vielen dieser Sprüche liegt ist keiner unserer neuen Dichter nahe gekommen Aber die Seele läßt sich nicht beweisen sondern nur erkennen An diesen Sprüchen hat unsere ästhetische Bildung erst noch zu lernen Deswegen gerade sind z B Schillers Räthsel so kindlich klar weil sie eben so wie unsere Kinderräthsel thun sich an der Anschauung des zu schildernden Naturobjektes selber entzücken Aber wo Schiller erst zur Beschreibung sich ausbmten muß da hatdasVolks räthsel die Sacheschon meinem Wurf beisammen Auch Schillers berühmtes Lied von der Glocke wußte sich mit keinem geschickteren Motto zu zieren als dasjenige ist das der Kindermund in allen Provinzen der tönenden Glocke unterlegt Und sollte es zuletzt noch auf die Lehrhaftigkeit und auf den didactischen Nutzen ankommen da man ja diese Frage zuletzt an alles Mögliche stellen kann so wird bald entschieden sein welcherlei poetische Thiere das Vernünftigere und Ueberzeugendere auszusprechen haben ob diejenigen in einer Fabel Gellerts und Pfeffels oder ob unsere redenden und angeredeten Thiere Darüber war auch schon Luther entschieden Spielend hatte er selber einige Fabeln gedichtet und sich auch um den verdeutschten Aesop vorübergehend angenommen gehabt allein höher

und bedeutungsvoller blieben ihm jene Thiermärchen die er seit seiner Jugend im Angedenken bewahrt hatte Jch möcht mich der wundersamen Historien so ich aus zarter Kindheit herübergenommen oder auch wie sie mir vorkommen sind in meinem Leben nicht einschlagen um kein Gold Grimm KM 3 265 Nach solchen Grundsätzen ist der erste Theil unseres Werkes angelegt er enthält die poetischen Producte des Kinderlebens Der zweite Theil ist Prosa und beschäftigt sich mit dem Kinderspiel Jener ist ein Kinderliederschatz dieser ist ein Kinderspielsaal Auch über diesen zweiten Theil sei hier noch ein Wort vergönnt Er ist ein sich selbst haltendes sich selbst erklärendes Ganzes Alles in ihm ist Original unentlehnt zum erstenmal aufgezeichnet er enthält nur solcherlei das im Volke selbst entstanden und freiwillig vorhanden ist kein doctrinell ausgesonnenes Kindervergnügen kein eingeschulmeistertes Verstandesspiel Jede Einzelheit wird in ihrer Entstehung und ihrem Alter geschichtlich nachgewiesen in ihrer ursprünglichen Art und Bedeutung erklärt so weit dies unsere Quellen bisher gestatten Jn späterer Zeit werden wir auch hierin noch weiter blicken können Jede Spielformel die Art der Spielnamen der Werkzeuge u A wird mit den unterstützenden Stellen aus unsern ältern deutschen Autoren belegt und sämmtliches wird in Kürze und ohne Trockenheit abzuthun gesucht Dem Geschichtsschreiber sagt Guts muths in den Jugendspielen welchem es nicht darauf ankommt Regenten sondern vielmehr Volksbivgraphien zu bearbeiten sollten diese verrätherischen Kleinigkeiten nicht entwischen Fremd sind diese Dinge Keinem es ist aller Eltern ältestes Erbe Es hat ihnen selbst einst alle Träume und Gedanken erfüllt ihre ganze Kinderseligkeit ausgemacht Nun thut es ihrem Kinde wiederum denselben Dienst singt es wiederum in den Schlaf begrüßt es singend beim Erwachen und begleitet es hinaus auf den Anger zum Spiel mit Seinesgleichen So sieht man daß der Kinderspruch ein Raeengedicht und daß er unvergänglich ist weil es die Raee selbst ist Dies ist die Weisheit aus dem Sprichworte Wie die Alten sungen so zwitschern auch die Jungen

Einst es sind kaum fünfzig Jahre stießen tiefere Gemüther auf die Lieder des Volkes und bald wurde deren Bedeutung erkannt die bis dahin Verachteten waren gefeiert Die Verwandten und Freunde unserer Brüder Grimm lachten über die kindische Beschäftigung dieser Männer mit den Märchen und Sagen des Volkes und jetzt lesen und studieren fast mehr Männer als Kinder dieselben In den letzteren Jahren noch dachte man wenig an die Kinderlieder und Spiele und jetzt schlagen wir Gold aus ihnen seit sie gesammelt vorliegen Ebenso wird es mit den Räthseln Sprüchlein ufw gehen wenn sich nur einmal gottgesegnete Hände um sie bemühen Dies ist ein Wort das noch der edle dem Vaterland zu früh entrissene JW Wolf Hess Sag paF XV in der Freude über das Gedeihen erhob in das er unser Wissen von uns selbst unser einheimisches vaterländisches Wissen kommen sah So gelangt denn die zunehmende Bildung unserer Gegenwart zu neuen Einsichten und legt unerwartete frische Proben ab Wir stoßen uns nicht mehr schmerzlich an den bloßen Wurzeln des alten Baumes unter dem wir sonst ruhten wie Arnim im Wunderhorn einst geklagt hat sondern es ist ihm ein neues Wachsthum angekommen Statt kranker Wasserschößlinge treibt er vielseitige starke Aeste und das Laubdach zu dem sie sich wölben wird einst Alle zusammen in die wohlthätigen Schatten der Heimathslust und der Herzensbefriedigung wieder versammeln Diese Hoffnung sendet uns bereits ihre schönen Vorboten Wissen und Er kenntniß gilt uns als eine menschheitliche Berechtigung und alle Stämme des deutschen Volkes bringen dafür fortgesetzte Opfer Opfer durch welche die deutsche Bildung eine allgemeine alle Stände umfassende wird Opfer durchweiche das Wissen aufhören wird ein Monopol etlicher Glücklicher oder jene Gattung heidnischer Zivilisation zu sein für welche die große Masse als Lastthier arbeitete und selber im Schmutz der Armuth und Unwissenheit verblieb Dieses Streben unterscheidet uns am deutlichsten von den Bildungsversuchen anderer Völker Der geschichtliche Sinn ist uns aufgegangen Auf ihn hat der greise FC Schlosser seine Weltgeschichte für das deutsche Volk gegründet und der

allgemeine Erfolg seines Werkes bewies die Richtigkeit des vorausgemachten Schlusses So ist auch die sprach und sittengeschicktliche Erkenntniß in Zunahme Als neulich J Grimm sein großes deutsches Wörterbuch begann war dies kein buchhändlerisches Wagniß mehr sondern ein von der Liebe und Ausdauer des ganzen Publikums getragenes Unternehmen Es traf zusammen mit der Blüthe die der Sinn für Naturwissenschaften so lange vernachlässigt bei uns gewonnen hat Neben den Wundern der Nutzen bringenden Technik hat uns eine lerngeduldige Wißbegier eingenommen und Humboldts Kosmos ist ein bereits populärer Gegenstand unter uns Drei ergraute Flügelmänner geben das Losungswort die Fürsten schauen auf sie das Volk hält mit ihnen Schritt und läßt die Achselzücker seitwärts stehen Vaterland Sprache und Natur welche Ehren und Reichthümer erstehen dem Volke das diesen drei Genien in liebevoller Hingebung dient welche heimath liche Lust und Freundlichkeit kehrt damit in die Gemüther zurück das Einst und das Jetzt mit einem sanften Lichte umsäumend Und dies sind nicht bloße Traumbilder Selbst schon dieses Büchlein hier darf sich einem deutschen König weihen es ist unter seiner Obhut gediehen es verdankt ihm Licht Luft und Leben Er hatKünstler und Dichter um sich gleichwohl hat er auch ein Ohr für den kunstlosen Reim des deutschen Kindes und sür das oft rauhe Wort der Berge So stehen immergrüne Fichten die Marmortreppen zur Walhalla an der Donau hinauf so blüht das stille Edelweiß im Gebirge um sein Waldschloß zu Hohenschwangau So nimmt auch auf den Thronen wiederum deutsche Sin nigkeit ihren Platz So werden wir wieder bei uns selbst einheimisch nachdem wir alles fremde Salz zu lange verkostet haben Das fremde Land ist eine Schwarzbeere das eigne Land eine Erdbeere Es ist einem nur da wohl wo man schon war daheim nicht in Rom und Athen nicht am Nil und Jordan Hier bechenno ih mih hier bin ih heime hinnan bin ih purtig hier sol ih kestaton So übersetzte vor achthundert Jahren der St Galler Mönch sich die Trostsätze des Römers Bo ethius oollsol ti pkilos eä Zratk 90 So beginnt auch auf den

Gesangfesten unserer heutigen Männerchöre ein immer zuerst angestimmtes Lied mit den Worten Heimath Heimath über Alles Aarau Ostern 185 EL Nochholz

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Volkslieder-Thema: Volksliedbücher
(1856)
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