Das Lied in der Fassung unter A ist zuerst gedruckt in Herders Schrift „Von deutscher Art und Kunst“ (Hamburg 1773, S. 57) dort mitgeteilt von Herder in seinem Aufsatze „Auszug aus einem Briefwechsel über Oisian und die Lieder alter Völker“. Dort steht es als ein „Fabelliedchen“ ohne Goethe’s Namen und noch S. 34 daselbst die Angabe, dass es aus Volksmund aufgenommen sei. Wiederum steht das Lied vom „Röschen auf der Heide“ in Herder’s Volksliedern II (B 1779 2 Buch Nr 23) und wieder mit der ausdrücklichen Bemerkung: „Aus mündlicher Sage“.

Später hat Goethe dieses Lied mit einigen Änderungen in seine Gedichte aufgenommen, gilt bis heute die Textfassung unter B als ein Gedicht von Goethe. Ist das Lied nun Volkslied oder ein Produkt von Goethe? Wie kommt Goethe zur Urheberschaft? Hat er sich gegen Herder einen Scherz erlaubt, indem er das Lied an Herder, für den er 1771 im Elsaß Volkslieder sammelte, einsandte, ohne seinen Namen zu nennen ? War es vielleicht ein Gedächtnisfehler auf Seiten Herder’s, dass er das Lied als der mündlichen Überlieferung entnommen bezeichnete?  Warum hat denn Goethe nach den neuen Ausgaben von Herder’s Volksliedern 1819 und 1825, da er doch noch lebte, das Lied nicht als sein Eigentum zurückgefordert? Warum hat ebensowenig Herder Goethe’n auf sein unrechtmäßiges Eigentum aufmerksam gemacht ? Ist wohl Herder mit Zustimmung Goethe’s eine Mystification zuzutrauen oder eine solche von Goethe anzunehmen?

..

Darüber ist schon viel geschrieben worden, ohne dass der Sachverhalt klargelegt worden wäre. Zwei eingehende Abhandlungen stehen im Archiv für Literaturgeschichte, eine Bd. V 84 ff von B. Suphan, der die Lesart A für ein Volkslied betrachtet, also Herder zustimmt und eine zweite von Dr Herm Dunger Bd X 193 ff, der beide Lesarten dem Goethe zuschreibt. Diese wohlbegründete Ansicht teile auch ich und erkenne mit Dunger in alter und neuer Fassung nur Goethe’s Arbeit auf Grund eines viel ältern Volksliedes, das Verschweigen des Namens auf Goethe’s Seite, kann nur eine absichtliche Täuschung gegen Herder und das Lesepublikum sein.

Das Heidenröslein kann kein Volkslied sein. Wie glücklich darin auch der Ton des Volksliedes getroffen worden, so ist das Gedicht doch zu kunstvoll, zu vollendet.

„Mit wenig Pinselstrichen ist das kleine Gemälde hingeworfen. Welch ein dramatisches Leben in den wenigen Zeilen, wie geschlossen die Schilderung, wie knapp und treffend der Ausdruck. Kein Wort zu viel, jede Farbe auf dem rechten Flecke aufgesetzt, das vermag nur ein Meister des Liedes wie Goethe, die Volkspoesie kann es nicht. (Dunger)

Für Kenner des Volksgesanges der Vorzeit gilt schon längst das Gedicht vom Heidenröslein, wie es bei Herder und Goethe vorliegt, zwar nicht für ein Volkslied, sondern für Umdichtung und Zusammenziebung eines Volksliedes aus dem 16. Jahrh mit dem Anfange „Sie gleicht wohl einem Rosenstock“ (Abdr bei Uhland Nr 50 und Liederhort II 426). Dieses ältere Lied muß Goethe gekannt haben und hat es benutzt, denn darin wird derselbe Inhalt besungen, mit demselben Refrain „Röslein auf der Heiden“, nur ist die Allegorie dort nicht durchgeführt wie bei Goethe. Die Quelle des alten Liedes (Liederbuch Pauls v d Arltst, 1602) war nicht selten und kann Goethe sie recht wohl auf der Straßburger Bibliothek gefunden haben, wo er 1771 historische Studien zu seinem Götz v Berlichingen machte.

Hat aber auch Goethe unleugbar die Farben und die ganze Stimmung seinem Vorbilde entlehnt, so bleibt doch die Komposition die echt Goethe’sch ist und an andere Jugendgedichte des Meisters erinnert, sein Eigentum. Wenden wir uns zum Inhalte des Liedes: Goethe’s Heidenröslein und das ihm zum Vorbild dienende alte Volkslied sind allegorische Gedichte. Beide behandeln unter dem Bilde eines Rösleins das Geschick eines jungen Mädchens, das einem von leidenschaftlicher Liebe entbrannten Jünglinge trotz versuchter Gegenwehr sich ergeben muß. Denn das von Rosenbrechen im wörtlichen Sinne nicht die Rede ist, folgt unwiderleglich aus Zeile 18, wo Goethe das Bild der alten Ausgabe verlassend schreibt: „Half ihr doch kein Weh und Ach!“

Erst später (1825) verwandelte er das Wort „ihr“ in „ihm“ was sprachlich richtiger ist, aber beide Ausdrücke beziehen sich doch aufs Röslein, nicht auf den Knaben. Weniger verhüllt ist der Schluß der älteren Fassung: Auch hier wehrt sich das Röschen (= Mädchen) gegen die ungestüme Liebeswerbung des Knaben, aber als ihr Widerstand gebrochen, als sie nach allem Sträuben sich hat ergeben müssen, so vergißt sie ihr Leiden im Vollgenuß sinnlicher Lust.

Herder scheint dies Heideröslein-Gedicht nur flüchtig angesehen und den Sinn des Liedes gar nicht verstanden zu haben, als er es 1773 drucken ließ. Er führt es mit folgenden merkwürdigen Worten ein: „Zu unsern Zeiten wird so viel von Liedern für Kinder gesprochen, wollen Sie ein älteres deutsches hören. Es enthält gar keine transcendente Weisheit und Moral, mit der die Kinder zeitig genug überhäuft werden, es ist nichts als ein kindisches Fabelliedchen. „Es sah ein Knab ein Röslein stehn“ (folgt der Abdruck der Fassung A).  Zum Schluß fügt Herder hinzu: Ist das nicht Kinderton ?

Herder hat also trotzdem durch die Worte „es vergaß beim Genuß das Leiden“ die Deutung nahegelegt war, dennoch durch „das kindische Ritornell“, wie er den Refrain nennt, sich bestimmen lassen, in dem Gedichte ein unverfängliches Kinderlied zu sehen. Bis heute spielt dieses Liebeslied nicht bloß im Koncertsaal mit Schubert’s Musik, sondern auch in Schulliederheften eine große Rolle und ist unter allen Liedern Goethes das populärste geworden. Mag es unbedenklich in den Schulen fort gesungen werden, denn die Jugend hält es mit Herder für ein einfaches Naturliedchen, mit einer Geschichte, die sich zwischen einer Rose und einem Knaben begeben hat.

Der Knabe hat das Röslein gebrochen, das mit seinen Dornen vergebens sich gewehrt hat, es hat ihm nichts geholfen, es mußte sich brechen lassen. Und ganz recht ists, wenn die Kinder Mitleid mit dem armen Röslein haben. Auch schadet es nichts, wenn die Alten sich mit dem Streite zwischen dem Röslein und Knaben zufriedenstellen. Aber auf die Frage, ob die Jugend in die innerste Bedeutung dieses Liebesliedes einzuführen sei, ist entschieden mit Nein zu antworten. (So denkt auch Götzinger „Deutsche Dichter“, 5 Aufl I S 524).  Kinder verstehen ohne Erklärung das märchenhafte Liedchen, und die heranwachsende Jugend wird von selbst die letzte Deutung der Allegorie in Goethes Sinne zeitig genug finden.

In Neudrucken von Herder’s Volksliedern ist in der 4. Zeile der Schlußstrophe „er“ statt „es“ zu lesen, damit wird der ganze Sinn des Liedes verdreht. Weil durch das „er“ auf einmal der wilde jetzt jammernde Knabe in den Vordergrund tritt, ist Einheit und Stimmung gestört. Höchstens wäre dann sinnbildlich der Satz dargestellt: „Wie keine Rose ohne Dornen, so keine Liebe ohne Leid“. An diese Deutung halten sich vielleicht die meisten Hörer, wenn sie überhaupt beim Vortrag dieses ohne Musik schon reizenden Liedes, noch Lust und Zeit zum Denken haben.

Franz-Magnus Böhme, in Volkstümliche Lieder der Deutschen 1895

Lied-Geschichte:
Volksmusik:
Liederzeit:

Tage der Kommune