Vorwort: Kinderlieder der deutschen Schweiz

Gertrud Züricher
in: Kinderlieder der deutschen Schweiz, 19126

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In unserer Zeit erwacht allerorten der Sinn für alte Überlieferungen. Schon seit langem hat man überall eifrig nach alten Volksliedern gefahndet und reiche Ernte gehalten, wie z. B. die grossen Sammlungen von ErkBöhme beweisen. Jünger ist das Interesse für den bescheidensten Zweig des Volksliedes, für das volkstümliche Kinderlied. Seit Rochholz als einer der ersten seine Sammlung, hauptsächlich aus dem Kt. Aargau, herausgab, sind in Deutschland verschiedene grosse Sammlungen entstanden, Wie-besonders die von Franz Magnus Böhme, die sich über alle deutschen Gaue erstreckt und auch Rochholz stark benutzt.

In der Schweiz ist sonst wenig mehr von Bedeutung zu finden. In Solothurn gab Schild als „Gross-ätti us em Leberberg”, in Basel Brenner eine kleine Sammlung heraus; im Jahr 1902 erschien dann meine bernische Sammlung „Kinderlied und Kinderspiel im Kanton Bern”, die schon über 1000 Texte enthielt, mehr als jede frühere Sammlung. Eine allgemein schweizerische Sammlung aber fehlte bis jetzt.

Im Winter 1900—1901 hielt Herr Prof. Dr. Singer in Bern ein Kolleg über Volkskunde, worin er zu allerlei Sammlungen anregte. Das gab den Anlass zu meiner bernischen und damit auch zu dieser Sammlung. Da ich von meiner eigenen Jugendzeit her sehr viele Verslein kannte und dazu als Lehrerin hoffen konnte, leicht weitere Beiträge zu erhalten, interessierte mich die Arbeit sehr, und im folgenden Jahr konnte die bernische Sammlung im Verlag der Schweiz. Gesellschaft für Volkskunde erscheinen. Da ich schon damals nebenher manchen Beitrag aus ändern Kantonen erhielt, liess ich mich nach einigem Widerstreben von Herrn Prof. Singer überreden, die Sammlung auf die ganze Schweiz auszudehnen. Hätte ich damals die ganze Grosse der Aufgabe geahnt, sie wäre wohl unterblieben. Da es für einen einzelnen Menschen, der seinen Beruf auszufüllen hat, eine sehr grosse Arbeit war, dauerte es nun auch mehr als 20 Jahre, bis ich sie fertig vorlegen kann.

Dass es damals höchste Zeit war, zu sammeln, ist mir erst im Lauf der Jahre immer klarer geworden. Viele der ältesten, wertvollsten und originellsten Beiträge erhielt ich von alten Mütterchen, die seither gestorben sind, so dass heute wohl vieles überhaupt nicht mehr aufzutreiben gewesen wäre. Vieles mag auch der Krieg weggefegt haben, aber verderblicher für diesen Zweig unserer Literatur wirkte wohl die Überflutung mit fremder Ware, die dem Volk in bequemer Weise allerlei Verse bot, ohne dass das Gedächtnis angestrengt zu werden brauchte. Unser schweizerisches Gut verdient gesammelt, gehütet und vor der Vergessenheit bewahrt zu werden. Wenn auch viele Verslein Allgemeingut des ganzen deutschen Sprachgebietes sind, hat doch die Schweiz einen grossen Schatz von ureigenem Gut, das sich anderwärts nicht findet. Auch weisen von den stark verbreiteten Verslein oft die originellsten, best erhaltenen und daher wohl ältesten Varianten nach der Schweiz hin, so dass manches jetzt weithin verbreitete Verslein ursprünglich auch aus der Schweiz stammen dürfte. Hatte doch schon Böhme in seiner grossen deutschen Sammlung stark aus Rochholz einerseits geschöpft und anderseits aus Simrock und Stöber; wenn man aber dort nachschlägt, findet sich immer wieder der Vermerk „schweizerisch”. Andere Verslein sind wohl nur deswegen nicht gewandert, weil sie besonders im Reim Dialektwörter enthalten, die sich nicht gut ins Schriftdeutsche übertragen lassen. Umgekehrt finden sich in der Schweiz auch wieder Verslein, halb oder ganz im Dialekt, die wohl vom Ausland stammen, aber von den Schweizerkindern ihrem Schnabel angepasst worden sind.

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Liederthema: Volksliedbücher
Liederzeit: (1926)
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