Vorwort zu „Erotische Volkslieder aus Deutschland“ (1910)

Hans Ostwald (in: Erotische Volkslieder aus Deutschland, 1910, Hersg: Hans Ostwald . Eberhard Frowein Verlag, Berlin.)

Zu den sehr weit verbreiteten erotischen Liedern gehört auch die Geschichte von dem Pater, der die kranke Nonne heilt. Die Geilheit der Pfarrer und der Nonnen ist überhaupt in einer außerordentlich beträchtlichen Zahl von Volksgedichten verspottet. Der Bauer, der den Pfarrer in der Kammer bei seiner Frau findet, läßt ihn dort halb verhungern oder schlägt kräftig drein. Und den Mädchen wird geraten, nicht Nonne zu werden. Sonst fielen sie den Pfaffen zum Opfer.

Aber auch über andere Berufe zirkulieren viele erotische Volkslieder. Von dem Kesselflicker singt man:

Ein Kesselflicker, dem´s gut geht,
Verdient sein täglich Brot.
Wenn er sein Handwerk nur versteht,
So leid´t er keine Not.
Und er macht sich gar nichts draus
Tra tri trallalla –
Und flickt alle Pfannen aus.
Tra tri juchhe!

Die schönen Weiber rufen ihn in ihre Häuser und drücken ihm Taler in die Hände. So geht´s fast allen herumziehenden Handwerkern. Sie sind der begehrte Liebling der Frauen. Am heftigsten wird dem Kaminfeger nachgestellt, der denn auch soviel zu tun hat, daß er die Alte, die ihn auch beansprucht, verschmäht.
Außerdem gibt es zahllose Lieder, die mehr oder weniger witzig gereimte Anekdoten erzählen. Eins beginnt:

Die Bäuerin in die Kirche ging,
Deß war der Bauer froh;
Er sprach zu seiner Dienstmagd:
Geh mit, wir schneiden Stroh.

Die heimkehrende Bäuerin findet die beiden beieinander. Aber sie ist gar nicht entrüstet, sondern sagt, das sei ihr eben recht. Der Bauer solle es nur mit der Magd halten, sie halte sich an den Knecht. So bekommt denn auch die angebliche Sittenreinheit der Bauern ihren satirischen Stich. Die städtischen Handwerker werden jedoch ebenfalls nicht verschont.

+In einem Lied vom auslaufenden Faß wird die diebische Magd geschildert. Eins der heitersten Lieder dieser Art ist das vom Rutschaputschala – die Geschichte vom alten Mann und dem jungen Weib.Die Schlauheit der Frauen siegt auch hier wieder über den schwachsinnigen Mann.

In anderen Liedern wird wieder die Unerfahrenheit der jungen Mädchen abgemalt, die sich leicht verführen lassen. Eine ziemlich große Gruppe weiß die Reize der Mädchen und Frauen sehr geschickt zu schildern. Das schwarzbraune Mädchen hat einen schönen Mund „Das Küssen drauf ist meine“. Es hat eine schöne Brust – und es hat noch vieles anderes Schöne, das dem Geliebten gehöre. Ein sehr hübsches und schelmisches Lied dieser Gruppe fängt so an:

Schwarzbraunes Mädchen, schönes Jungfer Lieschen.
Darf ich einmal zu dir kommen, wenn ich kann und wenn ich will?
„Vor meine Haustür darfst du wohl kommen.
Aber, aber weiter darfst du nicht.“

Bei der nächsten Frage erlaubt sie ihm bis zur Kammertür zu kommen. Dann darf er bis ans Bett kommen – „Aber, aber weiter darfst du nicht!“ Nachher darf er auch ins Bett – und an ihren Busen –: „Aber, aber weiter darfst du nicht!“ So wird ihr Widerstehn lächerlich gemacht. Außer diesen größeren, durch ganz Deutschland verbreiteten Liedern gibt’s noch unzählige kleine Reime, und zwar meist Tanzreime. Alle sind voll Humor und Zeugungskraft. Und viele bringen durchaus den Volkscharakter der Gegend, aus der sie stammen.

Eine ähnliche frische Tonart haben die zahllosen Scherzreime, Bauernregeln, Fabrikschnurren und Vierzeiler. – Solche spaßigen und kernigen Lieder sollten nicht unterdrückt werden. Denn sie sind wahrhaftiger als das schale modische Versgeklapper der Gassenhauer, – und sie sind ein Bestandteil der Lebensfreude unseres Volkes. Sie gleichen dem, was der Vogel seinem Weibchen singt, ehe sie das Nest voller Junge haben.

Singt aber das Volk nicht mehr von der Liebe, so wie es eben die Liebe versteht – derb, zeugungskräftig, sinnenfroh – dann hat es die Lebenslust verloren. Dann pflanzt es sich nicht mehr fort. Wir sollten uns freuen, daß unser Volk noch nicht in zimperliche Grübelei verfallen ist, daß es noch voll ungebrochener Lebenskraft steckt. Diese Sammlung darf wohl als ein Zeichen dafür gelten. Und der Humor und die Lyrik manchen Liedes waren wohl wert, aufgezeichnet und aufgehoben zu werden.

Sind doch diese Lieder auch ein erfreuliches Zeichen, wie urwüchsig das deutsche Volkslied ist. Die meisten Lieder bekam ich gleichzeitig aus allen Teilen Deutschlands. Besonders viele aus Mitteldeutschland. Oft weichen die Fassungen voneinander ab. Aber ich konnte natürlich nicht alle Abweichungen drucken lassen. Die Hauptsache ist ja, daß die Lieder nicht verloren gehen. Mehr will ich nicht.

Im Frühling 1910 , Hans Ostwald
(Vielen Dank allen, die sammeln geholfen! H. O.)

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