Vorwort zu „Erotische Volkslieder aus Deutschland“ (1910)

Hans Ostwald (in: Erotische Volkslieder aus Deutschland, 1910, Hersg: Hans Ostwald . Eberhard Frowein Verlag, Berlin.)

Die in dem Liede geschilderte Situation weist auf das mittelalterliche Deutschland hin, dessen Hurenhäuser oft vor den Toren lagen. Dieser aus Thüringen stammende Fassung reiht sich eine an, die von den Krefelder Tanzhusaren stammt und deren Ausdrücke viel unverhüllter sind. Der Anne-Marie wird geweissagt, daß sie keinen Mann bekommt. Sie antwortet, daß sie sich selber zu helfen wissen werde. Eine schlesische Variante der „Anne-Marie“ ist nicht weniger derb; ihr Schluß lautet:

:,: Anne-Marie, was fängst du jetzt an? :,:
„Komm in mein Bettelein, mach mir ein Kindelein!

An solcher Deutlichkeit steht keine Landschaft hinter der andern zurück. Ein niederrheinisches Lied beginnt:

Wer steht vor der Tür?
„’s ist ein Grenadier!“
Mein Herr, was führt Sie her,
Und was ist Ihr Begehr?
Ich möchte schlafen fein
Bei Ihrem Töchterlein!“

Die Tochter kommt sich noch zu klein vor – aber die Mutter sagt ihr deutlich, daß sie das nicht glaube. Dann bittet die Tochter, die Mutter solle das Licht anzünden, weil der Grenadier sie nicht finden könne. Im letzten Vers wehrt sie ab: sie brauche kein Licht mehr, er habe sie schon gefunden.

Dies Lied führt uns in Zustände ein, die stark an Prostitution erinnern. Solche Lieder scheint’s wirklich außerordentlich viel zu geben. Eins berichtet von einem Abenteuer in einem Hamburger Kaffeehaus. Der Fremde, der hereingewinkt wurde, sollte für die Kanapeefreude fünf Groschen zahlen – und wurde hinausgeworfen, weil er kein Geld nicht besaß. Ein anderes Lied berichtet von einem Bauer, der in die Stadt geht, von einem Mädchen aus Liebe genommen wird, ihr dann aber doch fünf Gulden zahlen muß – und obendrein eine galante Krankheit mitbekommt. Er beteuert:

Muß in die Stadt nein gehn,
Mich um ein Weib umsehn,
Die ich heiraten kann.
Denn von den Mädchen, die auf der Straße liegen
Kommt mir keine wieder dran.

Auch in einem anderen Lied spielt die Dirnenkrankheit eine Rolle. Im Wiener Dialekt bringt es eine ganze Krankheitsgeschichte – zum Zeichen, daß im Prostitutionsbetrieb diese Dinge einen weiten Raum einnehmen. Sie werden aber stets mit einem gewissen Humor geschildert. Das Wiener Dirnenlied schließt ebenfalls:

Auf´s Stiegerl bin i kumma,
Vergelt´s Gott! hab i gsagt.
Jetzt hat mei arme Lotte
An Feldzug mitgemacht.

Ein anderes, durch ganz Deutschland – und zwar nicht nur in Dirnenkreisen – verbreitetes Lied beginnt:

Meine Mutter will´s nicht leiden,
Daß ich eine Hure bin –

Die Dirne aber ist stolz darauf und preist ihren Leib, der ihr manchen Taler einbringt.

Seiten: 1 2 3

Volksmusik:
Liederzeit:

Tage der Kommune