Steinitz V: Die Volksliedforschung

Wolfgang Steinitz (in: Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten, Band I, 1954, Seite XXV f)

Grimm, Uhland und Fallersleben

Jakob Grimm, während der napoleonischen Zeit ein glühender Patriot, legte 1837 aus Protest gegen die Willkür des hannoverschen Herzogs seine Göttinger Professur nieder; teilte er 1848 als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung die Illusionen der Mehrheit des Parlaments, so äußerte er 1858, erbittert über die preußische Reaktion nach 1848, in einem Brief:

„Wie oft muß einem das traurige Schicksal unsers Vaterlandes in den Sinn kommen und auf das Herz fallen und das Leben verbittern. Es ist an gar keine Rettung zu denken, wenn sie nicht durch große Gefahren und Umwälzungen herbeigeführt wird. Es kann nur durch rücksichtslose Gewalt geholfen werden. Je älter ich werde, desto demokratischer gesinnt bin ich. Säße ich nochmals in einer Nationalversammlung, ich würde viel mehr mit Uhland, Schoder stimmen, denn die Verfassung inı das Geleise der bestehenden Verhältnisse zu zwängen, kann zu keinem Heil führen. Wir hängen an unsern vielen Errungenschaften und fürchten uns vor rohem Ausbruch der Gewalt, doch wie klein ist unser Stolz, wenn ihm keine Größe des Vaterlands im Híntergrunde steht. In den Wissenschaften ist etwas Unvertilgbares, sie werden nach jedem Stillstand neu und desto kräftiger ausschlagen.“ (Wilh. Scherer, Jacob Grimm. Berlin 1885, S. 253.)

Auf dem Gebiet der Volkskunde gewöhnlich nur durch seine Arbeiten über Märchen, Sagen, Mythologie und Rechtsaltertümer bekannt, war er auch ein ausgezeichneter Kenner und Sammler des deutschen Volksliedes, wie die in seinem Nachlaß erhaltenen und hoffentlich bald erscheinenden Aufzeichnungen zeigen. Seine Volksverbundenheit zeigt sich auch darin, daß er, der große Wissenschaftler, es nicht verschmähte, die Märchen und Sagen nicht nur als fachwissenschaftliche Sammlungen, sondern als Lektüre für das deutsche Volk, in liebevoller Arbeit und mit feinstem Einfühlungsvermögen bearbeitet, herauszugeben.

Ludwig Uhland, der schon 1806 Beiträge zum Wunderhorn geliefert hatte, wurde 1829 Professor der deutschen Sprache in Tübingen. Als Abgeordneter in der württembergischen Ständekammer der Opposition angehörend, wird er 1833 seiner Professur enthoben. 1848/49 gehört er in der Frankfurter Nationalversammlung zur Gruppe der demokratischen Linken. „Der elegische Dichter, der die katholisch-feudalistische Vergangenheit in so schönen Balladen und Romanzen zu besingen wußte, der Ossian des Mittelalters, wurde seitdem in der württembergischen Ständeversammlung ein eifriger Vertreter der Volksrechte, ein kühner Sprecher für Bürgergleichheit und Geistesfreiheit. Daß diese demokratische und protestantische Gesinnung bei ihm echt und lauter ist, bewies Herr Uhland durch die großen persönlichen Opfer, die er ihr brachte; hatte er einst den Dichterlorbeer errungen, so erwarb er auch jetzt den Eichenkranz der Bürgertugend.“ (Heinrich Heine, „Die romantische Schule“, 1835.) Seine „Alten hoch- und niederdeutschen Volkslieder“ (2 Bände, 1844/45) sind auch für die vorliegende Arbeit eine wichtige Quelle gewesen.

August Heinrich Hoffmann, (Im folgenden habe ich die Autobiographie Hoffmanns v. Fallersleben „Mein Leben“ sowie die Darstellung Bruno Kaisers in seinem Buch „Die Achtundvierziger. Ein Lesebuch für unsere Zeit“, Weimar 1952, S. 158f., benutzt.) der sich nach seinem Geburtsort von Fallersleben nannte, war ein Demokrat und Patriot, ein mutiger Kämpfer gegen reaktionäre Fürstenherrschaft, Adel und kirchliche Dunkelmänner, die er in scharfen Gedichten geißelte. „Der Inhalt dieser Gedichte hat als ein durchaus verwerflicher erkannt werden müssen“, heißt es in dem Erlaß, mit dem er 1842 wegen seiner demokratischen Haltung als Professor an der Universität Breslau entlassen wurde. In dem 1854 zu Dresden erschienenen „Handbuch für jeden deutschen Polizeibeamten“: „Anzeiger für die politische Polizei Deutschlands auf die Zeit vom 1. Januar 1848 bis zur Gegenwart“ lautet die Eintragung über Hoffmann von Fallersleben:

„Hoffmann von Fallersleben, Literat und ehemals Professor, als welcher er wegen seiner ultraliberalen Gesinnung abgesetzt wurde, seine ,Unpolitischen Lieder‘ sind verboten, sowie überhaupt die überwiegende Mehrzahl seiner literarischen Produkte ihn als einen Feind der bestehenden Ruhe und Ordnung, als einen Feind der Fürsten und Regierungen dokumentieren. Er ist auch schon aus mehreren Städten Deutschlands wegen seiner politischen Gefährlichkeit ausgewiesen worden.“

Ungeachtet all dieser Verfolgungen blieb Hoffmann v. Fallersleben „in der Heimat, wo er ein kärgliches Dasein fristete und gezwungen war, Stück für Stück seiner geliebten Bibliothek zu verkaufen . . . In seiner wissenschaftlichen Tätigkeit hat sich der Dichter nicht geringes Verdienst um die deutsche Volksdichtung erworben, zahlreich sind die Volkslieder, die er gesammelt und herausgegeben hat, eine Neuausgabe des ,Reinecke Fuchs“ stammt von ihm, er veranstaltete wichtige Zusammenfassungen von ,Politischen Gedichten aus der deutschen Vorzeit“ oder von ,Aphorismen und Sprichwörtern aus dem 16. und 17. Jahrhundert, meist politischen Inhalts“.

Schon die Titel lassen erkennen, daß es Hoffmann nicht auf eine wahllose Zusammenstellung ankam, sondern daß er auch als Gelehrter mit kritischer Parteinahme seine Arbeit in den Dienst der fortschrittlichen Entwicklung des deutschen Volkes stellen wollte“ (Bruno Kaiser, a. a. O., S. 160f)

Von Hoffmann von Fallersleben stammt die – neben den späteren „Fränkischen Volksliedern“ von Ditfurth – beste und reichste landschaftliche deutsche Volksliedersammlung aus dem vorigen Jahrhundert: Hoffmann von Fallersleben und E. Richter, der den musikalischen Teil besorgte, Schlesische Volkslieder, Leipzig 1842. Daß diese im Jahr seiner Entlassung aus der Professur erschienene Sammlung eine große Zahl von demokratischen und scharf oppositionellen Liedern der Soldaten, Bauern und Handwerker enthält, ist angesichts der unlöslichen Verbundenheit seiner Haltung in Wissenschaft und öffentlichem Leben nur natürlich. Ähnlich wie bei Jakob Grimm zeigt sich die Volksverbundenheit Hoffmanns von Fallersleben auch in der großen Zahl seiner Lieder, insbesondere der Kinderlieder, die, im echten Volksliedton gehalten, in den Volksgesang eingegangen sind.

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