Wenn in dem Jahrzehnt von 1840 bis 1850 eine größere Anzahl dieser Lieder auftauchte, die sämtlich volkstümlich wurden, so liegt der Schluß nahe, daß Zeitströmungen existierten, die ihnen sowohl die dichterische Produktion als auch das Publikum geneigt machten. Alle diese Zeitströmungen sind als Äußerungen des nationalen Gedankens aufzufassen, der seit dem Zeitalter Friedrichs des Großen im deutschen Volke wieder lebendig geworden war. In ihm wurzeln die drei untereinander aufs engste verknüpften Richtungen, die für die Entwicklung der Heimathymnen bedeutungsvoll wurden: das Volkslied, das Vaterlandslied und der deutsche Männergesang. Wie der Einfluß der beiden ersteren sich vorwiegend auf den Inhalt der Heimathymnen erstreckte, so wurde der im 19. Jahrhundert zu hervorragender nationaler Bedeutung gelangte deutsche Männergesang besonders für ihre äußere Form und ihre Verbreitung im Publikum entscheidend.

Wie im Zeitalter Friedrichs des Großen der französische Einfluß in der deutschen Literatur in den Hintergrund zu treten begann und die in hervorragendster Weise durch Klopstock vertretene erste Epoche des deutschen Vaterlandsgesanges einsetzte, wie dann die vaterländischen Ideen Klopstocks von den Dichtern des Hainbundes aufgenommen wurden und während der politischen Not und Erhebung in den Liedern der Freiheitssänger die hohe Blüte patriotischer Lyrik zeitigten, so begann zu derselben Zeit eine andere Seite des nationalen Gedankens Frucht zu tragen. Hatte Klopstock dem durch die Siege Friedrichs des Großen wieder erstarkten deutschen Nationalgefühl gegenüber der französischen Entartung Ausdruck verliehen, so stellte Herder, angeregt durch Percys 1765 erschienene Sammlung „Reliques of Ancient English Poetry“, der gekünstelten Gelehrtenpoesie das Volkslied gegenüber, damit war der Hinweis auf die deutsche Yolkspoesie überhaupt gegeben, zugleich aber ein Hinweis auf das deutsche Volkstum und seine verschiedenartigen Äußerungen je nach dem Stammescharakter der deutschen Gegenden.

Weiteren Kreisen wurde die Würdigung sowohl des Vaterlandsliedes als auch des von Herder wieder erweckten, durch „Des Knaben Wunderhorn“ und die deutsche Romantik überhaupt zur literarischen Geltung gebrachten deutschen Volksliedes im weiteren Verlaufe des 19. Jahrhunderts vom deutschen Männergesange vermittelt. Will man die Richtung, in welcher der deutsche Männergesang sich bewegte, näher charakterisieren, so kann man sie als eine volkstümliche und nationale bezeichnen. Ihn als eine rein musikalische Bewegung aufzufassen, ist schon deshalb verfehlt, weil sein eigentliches Gebiet, der Gesang, also die Vereinigung von Wort und Ton, einen deutlichen Hinweis auf seine literarische Bedeutung gibt. Dadurch, daß der Gesang sich dann von der Instrumentalbegleitung loslöste, kam das Wort als der Melodie ebenbürtig zur vollen Geltung und Würdigung. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte der Männergesang reiches Material in den Vaterlandsliedern der Befreiungskriege, in den durch Herder wieder lebendig gewordenen Volksliedern, sowie in den volkstümlichen Liedern bedeutender, am Volksliede geschulter Lyriker.

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