Vorhandene Volkslieder-Sammlungen

Arthur Hübner (in: Der Heimatforscher, Band IV, 1926)

Wer es also heute unternimmt, Lieder der Heimat zu sammeln, findet mancherlei Vorbereitung und Wegweisung. Wo noch keine größere landschaftliche Volksliedersammlung vorliegt, werden in der Regel die lokalen volks- oder heimatkundlichen Vereine darüber Auskunft geben können, ob ein Werk solcher Art im Entstehen ist: mancherorts findet heute der Sammler Gelegenheit, sich einer im Zuge befindlichen Volksliederaufnahme einzureihen. Aber er hat darüber hinaus die Freude, auf einem Boden zu arbeiten, dem er noch eigene neue Frucht abgewinnen kann.

DIE WEISEN

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Alle Volksliedsammlung und -betrachtung bleibt auf halbem Wege stecken, wenn sie nicht zu den Texten die Melodien fügt. Das Lied ist nur ein halbes ohne seine Melodie; man tut ihm im Grunde unrecht, wenn man, etwa zum Zwecke ästhetischer Betrachtung, den Text isoliert. Für das singende Volk bedeutet die Weise oft mehr als die Worte. Sie trägt oft den Text und kann bestimmend werden für seine formale und inhaltliche Entwicklung. Diese feste Bindung von Wort und Weise ist eine Tatsache, die man theoretisch immer anerkannt hat; schon Herder bekennt in der Vorrede seiner Volkslieder; „Das Wesen des Liedes ist Gesang.“

Trotzdem blieb die Beschäftigung mit dem Volkslied, wie man bei der literarischen Einstellung Herders und seiner Nachfahren auf diesem Felde unschwer begreift, jahrzehntelang wesentlich auf das Lied als poetisches Gebilde beschränkt. Wenigstens verzichteten die umfassenden und einflußreichen Sammlungen zunächst durchweg auf die Beigabe von Melodien; nur in lokal begrenzten, das echteste Volkslied suchenden Ausgaben wagte sich alsbald auch die Weise hervor.

Die erste ganz große provinziale Sammlung, die auch den Melodien ihr volles Recht werden läßt, brachte in den vierziger Jahren Schlesien hervor (Hoffmann von Fallersleben und Ernst Richter, Schlesische Volkslieder mit Melodien, Leipzig 1842.); aber erst seit den neunziger Jahren ist es, wenigstens für anspruchsvollere Werke zur Regel geworden, daß sie Texte und Melodien vereinen und dem einen dieselbe wissenschaftliche Sorgfalt widmen wie dem ändern. Von den umfassenden Sammlungen ist es erst der „Deutsche Liederhort“ (s. S. 15), der auf die Melodien vollen Nachdruck legt; dies Werk ist geradezu hervorgewachsen aus dem musikalischen Interesse seines Begründers E r k. Es ist auch heute noch ein unentbehrliches Hilfsmittel, wenn man den Melodien zumal älterer Volkslieder nachgehen will, obgleich sein Vollender Böhme auch den Weisen gegenüber die letzte Treue vermissen läßt. Neben den wissenschaftlich gerichteten Werken häufen sich in den letzten Jahrzehnten Volksliedausgaben, die volkstümliche Liedweisen in mehrstimmigem Satz erneuern; daß sie als Quellen des Volksgesanges nur mit größter Vorsicht benutzt werden können, braucht kaum bemerkt zu werden.

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