Vorhandene Volkslieder-Sammlungen

Arthur Hübner (in: Der Heimatforscher, Band IV, 1926)

Es hat sich heute, nicht zuletzt unter dem Einfluß des vorbildlichen Werkes von Carl Köhler und John Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar (Halle 1896), ein ziemlich fester Typus für landschaftliche Liedersammlungen herausgebildet. Er beschränkt sich nicht auf die Wiedergabe der Texte, sondern fügt die Melodien bei, er bringt bei einem mehrfach aufgezeichneten Volkslied nicht nur eine, d.h. die ,,beste“ Fassung, sondern bucht auch Varianten; er bietet Anmerkungen, die nicht nur über Ort und nähere Umstände der Aufzeichnung genaue Auskunft geben, sondern auch in Gestalt von Literaturangaben über das weitere Vorkommen des betreffenden Liedes, gegebenenfalls auch über seinen Ursprung unterrichten.

Das wichtigste aber ist, daß er als Volkslied mehr und mehr anerkennt, was das Volk eben wirklich singt, vor allem nicht mehr die sogenannten volkstümlichen Lieder beiseite schiebt, d. h. jene Lieder, denen auf den ersten Blick anzusehen ist, daß sie nicht im Volke entsprungen sind. Eine Spur der alten Befangenheit glaubt man freilich auch bei diesen modernen Sammlungen meist noch feststellen zu müssen. Wenigstens begegnet man vorläufig erst vereinzelt einem Sammler, der den Mut hat, ein Lied wie „Siehst du wol, da kimmt er“ in seine Ausgabe aufzunehmen; und es gehört hinein, wenn es im übrigen die Kennzeichen des Volksliedes zeigt.

Das wesentlich Neue an diesen modernen Werken (Als Beispiele seien genannt: Elizabeth Marriage, Volkslieder aus der badischen Pfalz, Halle 1902; Georg Heeger und Wilh. Wüst, Volkslieder aus der Rheinpfalz, 2 Bände, Kaiserslautern 1909; Othmar Meisinger, Volkslieder aus dem badischen Oberlande, Heidelberg 1913; Aug. Lämmle, Schwäbische Volkskunde. 2. Buch: Die Volkslieder in Schwaben, Stuttgart 1924.) gegenüber den umfassenden älteren Sammlungen besteht also darin, daß sie auf einer im engeren Sinne volkskundlichen Einstellung beruhen.

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Mit einer bloßen landschaftlichen Begrenzung des einzuheimsenden Liedergutes ist es natürlich nicht getan; fruchtbar im Sinne der Heimatkunde wird diese neue Einstellung erst, wenn sich mit ihr eine Betrachtungsweise verbindet, die das Lied ganz bewußt als einen Künder und Deuter heimatlicher Art und heimatlichen Lebens zu sehen versucht, als e i n e n neben vielen anderen. Daher mehren sich denn in jüngerer Zeit landschaftliche Darstellungen des Volksliedes, die sich eingliedern in den Rahmen einer weitgespannten Landes-oder Landschaftskunde; namentlich die heute fast wie die Pilze aus dem Boden schießenden knapper gefaßten „Volkskunden“ bestimmter Gebiete weisen regelmäßig auch dem Volksliede seinen besonderen Abschnitt zu.

Aber die etwas hilflose Art, die gerade sie dem Volksliede gegenüber manchmal an den Tag legen, läßt erkennen, daß die rechte heimatkundliche Betrachtungsweise des Volksliedes erst noch gewonnen werden soll. Es bleibt bei ihnen oft genug noch fühlbar, daß die Sicht des Heimatforschers eingeschränkt ist auf Blickrichtungen, wie sie andere und ältere Formen der Volksliedbetrachtung genommen hatten.

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