Es scheint mir kein Zufall zu sein, wenn gerade in dieser Zeit die Gattung der Heimathymnen einsetzt. Zu den gegebenen Elementen des Volks- und Vaterlandsliedes, zu der Wirksamkeit des deutschen Männergesanges trat ein weiteres zeitgeschichtliches Moment. Für die deutschen Stämme begann die Gefahr, daß ihre Eigenart im nationalstaatlichen Gedanken aufginge. Und wie heute wieder das Bewußtsein vom nahen Untergange des Volksliedes eine allgemeine, bewußte Hinwendung zu ihm veranlaßt hat, so trug auch die Gefahr, welche die Eigenart der deutschen Stämme bedrohte, wesentlich zur Betonung dieser Eigenart bei, und es ist nicht verwunderlich, daß unter diesen Umständen literarische Erzeugnisse von der Art der Heimathymnen überall ein williges Ohr fanden.

Noch nach einer anderen Richtung hin ist die politische Lyrik für die Entwicklung der Heimathymnen förderlich gewesen. Dadurch, daß sie politische Rheinlieder schuf, die die Rheinfrage in aller Herzen lebendig erhielten, ebnete sie den Boden für die Rheinlieder überhaupt. Da die Rheinlieder die Anfänge der Heimathymnen bezeichnen, so ist es nötig, an dieser Stelle auf sie und ihre Entstehungsbedingungen näher einzugehen.

Die besondere Stellung der Rheinlieder.

Riehl sagt in seiner „Naturgeschichte des Volkes“:   „Karl der Große gründete den Stuhl seiner Weltmacht im westlichen Mitteldeutschland. Durch ihn wird der Rhein erst recht der König der deutschen Flüsse. Die dichterische Feier rheinischer Natur, rheinischen Geistes, rheinischer Sage und Geschichte zieht sich von da an durch alle Zeitstufen unseres Volkslebens. Die Heimwehseligkeit nach dem Rhein, die den Deutschen auch dann so oft beschleicht, wenn er kein Rheinländer ist, ist zugleich das Heimweh nach der verklungenen Herrlichkeit der poetischen Jugendtage unserer nationalen Macht.“

Gleichgültig, ob dies der Grund für die ,, Heimwehseligkeit“ des Deutschen nach dem Rhein ist, ob der Grund nicht vielmehr in der Sehnsucht des Nordländers nach dem Süden und der südlicheren Landschaft zu suchen ist, gewiß ist jedenfalls, daß der Rhein zu allen Zeiten von den deutschen Sängern gepriesen wurde. Zu seiner landschaftlichen Schönheit trat seine Bedeutung als deutscher Strom von der Quelle bis zur Mündung, als politische Grenze gegen den Erbfeind. Vom 17. Jahrhundert an gewinnt diese Bedeutung in der Literatur immer breiteren Raum. Schon damals singt der Freiherr von Abschatz:

„Herbey, daß man die Krötten, Die unsern Rhein betretten,
Mit aller Macht zurücke Zur Son und Seine schicke.“

In der patriotischen Lyrik des 19. Jahrhunderts wurde der alte, nie völlig verklungene Ton ganz besonders kräftig wieder angeschlagen. Zur Zeit der Befreiungskriege waren es in erster Linie Arndt und Schenkendorf, später Herwegh, Becker, Prutz und viele andere, die den Deutschen das Wort „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands
Grenze!“ zuriefen und das Interesse für die Rheinfrage lebendig erhielten. Neben diesen politischen Liedern finden sich früh poetische Erzeugnisse zum Preise der rheinischen Landschaft und des rheinischen Lebens.

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