Geschichtliche Entwicklung der Heimathymnen

Gertrud Stendal (in: Die Heimathymnen der preußischen Provinzen)

Von den späteren Heimathymnen unterscheiden sie sich im wesentlichen dadurch, daß sie nicht eigentlich Lieder, sondern Gedichte sind, d. h. nicht von vornherein für den Gesang, sondern vielmehr für die Lektüre bzw. die Deklamation bestimmt waren und aus diesem Grunde eine allgemeine Volkstümlichkeit nicht erlangen konnten.

Da entstand 1840 das Beckersche Rheinlied, forderte zahllose Musiker zur Komposition heraus und lenkte die Aufmerksamkeit der Tonkünstler wie des Publikums von neuem auf den Rhein und die Rheinländer. In demselben Jahre erhielt das schon vor 1827 entstandene Gedicht „Sehnsucht nach dem Rhein“ seine kongeniale
Melodie und wurde sofort zum Volksliede. So bezeichnen die Rheinlieder, von der patriotischen Lyrik besonders stark beeinflußt und in ihrer Wirkung auf die Volksseele begünstigt, die Anfänge der deutschen Heimathymnen.

Die Heimathymnen von 1840 bis 1850

Mit Ausnahme der schleswig-holsteinschen Lieder, die infolge ihrer politischen Tendenz eine Sonderstellung
einnehmen, weisen die Lieder der vierziger Jahre schon die charakteristischen Grundzüge der Heimathymnen
überhaupt auf. Das Gefühl der Liebe zu einem enger begrenzten Gebiete ist das Grundlegende und wird durch eine Darstellung der Vorzüge des besungenen Gebietes zu motivieren versucht.

Die Wirkung auf das Publikum ist bei allen diesen Liedern die gleiche. Alle Heimathymnen des Jahrzehnts von 1840 bis 1850 sind zu Volksliedern geworden. Teils werden sie in ganz Deutschland gesungen, teils nur in den von ihnen verherrlichten Gebieten. Jedenfalls sind sie sämtlich bis in unsere Zeit lebendig geblieben. Ohne Zweifel haben die Melodien an dieser Volkstümlichkeit einen wesentlichen Anteil; denn alle Heimathymnen der vierziger Jahre fanden entweder Komponisten, die ihre Melodien den Bedürfnissen des Volkes anzupassen verstanden, oder sie wurden nach bekannten und beliebten Volksweisen gesungen. Dazu kamen für die einzelnen Lieder noch besondere
Umstände, die ihre Verbreitung begünstigten. Die Rheinlieder waren auf Grund der politischen Verhältnisse in den vierziger Jahren besonders an der Tagesordnung, und es kann nicht überraschen, daß zu einer Zeit, in der Beckers politisches Rheinlied die Köpfe erhitzte, auch Lieder zum Preise der rheinischen Romantik in der Rheingegend wie in ganz Deutschland gern gesungen und gehört wurden.

Die schleswig-holsteinschen Lieder wurden ebenfalls von den Zeitverhältnissen getragen. Sie sprachen das aus, was die Volksseele augenblicklich erfüllte, und fanden daher in aller Herzen Widerhall. Durchaus verschieden von diesen sind die drei im Jahre 1850 entstandenen Heimathymnen: „In Ostfreesland is’t am besten“ von Hektor, das „Pommernlied“ von Pompe und das „Masurenlied“ von Dewischeit, die sämtlich die Sehnsucht nach der Heimat zu ihrem Gegenstande gemacht haben. Im Gegensatz zu den oben besprochenen Liedern sind sie nicht über die Grenzen ihrer engeren Heimat hinausgedrungen, aber innerhalb derselben zu wirklichen Volksliedern geworden. Der Grund hierfür ist neben der musikalischen Seite die eigenartige Behandlung des Stoffes. War es bei Dewischeits Masurenliede die eigentümliche Form und die charakteristische Melodie, die ihm seine Volkstümlichkeit verschaffte, so wurde bei den beiden anderen Liedern sicher das starke Vorherrschen des sentimentalen Zuges von  entscheidendem Einflüsse auf ihre Verbreitung. In der ostfriesischen Heimathymne wurde diese durch die Anwendung des Dialektes noch besonders begünstigt.

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