Eine Glosse über „Der Sänger hält im Felde die Fahnenwacht“

Zur Kritik der Gassenhauer

Michael Chrinarsetti (in: Unsere volksthümlichen Lieder mit Fortsetzung und Nachträgen, S. 173 (Herausgegeben von Hoffmann von Fallersleben))

In einem kleinen Unterhaltungsblatte, wovon mir ein Bruchstück zu Händen kam, findet sich unter der Überschrift „Zur Kritik der Gassenhauer“ folgende, ergötzliche Herzensergießung: Die Fahnenwacht von Michael Chrinarsetti.

„Der Sänger hält im Feld die Fahnenwacht
In seinem Arme ruht das Schwert das scharfe
So steht er singend in der dunklen Nacht
Und spielt dazu mit blutger Hand die Harfe“

..

So fängt ein Lied an, das in Berlin und Leipzig jeder Kaufmannsdiener singt und jedes Harfenmädchen klimpert. So oft ich dieses Lied hörte, und ich habe es Gott sei’s geklagt unendlich oft hören müssen, hat mich der Sänger gedauert, nämlich nicht der Sänger, der es sang, sondern der Sänger im Liede, der besungen wird. Was hat dieser unglückliche Mann alles zu tun! Man lese nur die obigen vier Zeilen und man wird finden dass ein Herkules dazu gehört, um das in 14 Tagen zu vollbringen, was der arme Mensch auf einmal tun muss: Zuerst muss er die Fahnenwacht halten, wie er das macht, weiss ich nicht, aber es ist doch immer eine Beschäftigung, besonders wenn man nichts weiter zu tun hat.

Ferner: „In seinem Arme ruht das scharfe Schwert“.

Möglich, dass das Schwert über der langweiligen Fahnenwacht eingeschlafen ist, es ruhe sanft. Aber es ist scharf und der Arm, in dem es ruht, muss sich vor Verwundung hüten. Der Sänger muss also das Schwert flach an den Leib drücken, denn sonst fällt es trotzdem, dass es ruht, herunter und schneidet ihm zwei bis drei Zehen ab. Indem er also das scharfe Schwert flach an sich drückt, steht der Sänger, er kann sich also nicht einmal setzen in der dunklen Nacht, und singt:

Was er singt, kommt später, nämlich dass er die Dame, die er liebt, nicht nennt, wir brauchen’s auch gar nicht zu wissen. Es ist nur zu hoffen, dass er nicht zu laut singt, denn sonst wacht am Ende das ruhende Schwert auf, und es ist, wie gesagt, scharf. Übrigens beiläufig, das Schwert würde durchaus nicht scharf sein, wenn der Sänger nicht später die Harfe spielte, dazu gehört durchaus ein scharfes Schwert, und man kann sagen, das Schwert ist nicht geschliffen, sondern gereimt.

Aber nun kommt das Beste: Dieser unglückliche Mensch, dieser Sänger, der 1.) die Fahnenwacht, 2.) das Schwert zu halten, 3.) zu stehen und 4.) zu singen hat, soll nun auch noch Harfe spielen. Bekanntlich steht die Harfe nicht von selbst, sondern muss gehalten werden, und gewöhnlich spielt man sie auch mit beiden Händen. Wie soll unser Sänger, nun welcher steht, was beim Harfenspielen sehr unbequem sein muss, die Harfe halten.

Mit der linken Hand drückt er, wie schon gesagt, das Schwert an den Leib, mit der rechten Hand spielt er, womit hält er die Harfe? Ich vermute mit dem Kinn, das er fest auf die Harfe stützt, um ihr einigen Halt zu verleihen. So spielt er also, aber neues Unglück, die rechte Hand, mit der er allein spielen kann, ist blutig, er ist also doch wohl nicht ganz vorsichtig mit dem scharfen Schwerte umgegangen. Wie gefährlich kann dieses Manoeuvre für ihn werden? Abgesehen davon, dass die Saiten der Harfe von den darauf fallenden Blutstropfen jedenfalls rosten werden, kann auch leicht der Brand in die Wunde kommen, wenn er der Hand nicht Ruhe gönnt und keinen Verband umlegt.

Armer Sänger! Ein Bild des Jammers, gleich einem Sägebocke, stehst Du da im Wundfieber und singst von der Dame, die Du liebst und Gott sei Dank nicht nennst, und willst, o armer Krüppel, für Freiheit, Recht und Licht kämpfen. Wahrlich, Du bedarfst des Trostes, der in dem Bewusstsein liegt, dass alle Kaufmannsdiener und Harfenmädchen von Leipzig und Berlin für Dich schwärmen!

Volksmusik:
Liederzeit:

Tage der Kommune