Schleswig-Holstein Meerumschlungen (Entstehung)

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Als Verfasser des Schleswig-Holstein-Liedes wird gewöhnlich der Schleswiger Advokat Matthäus Friedrich Chemnitz genannt. Daß Chemnitz sich bei der Abfassung des Liedes an eine frühere Bearbeitung des gleichen Stoffes durch den Berliner Kreisjustizrat Dr. Karl Friedrich Straß anlehnte, wird fast in allen ausführlicheren Darstellungen erwähnt. Jedoch scheinen sowohl in Bezug auf das Entstehungsjahr des Straßschen Liedes, als auch in Bezug auf die Abhängigkeit der Chemnitzschen Lieddichtung von der Straßschen Fassung einige Irrtümer obzuwalten.

Hoffmann-Prahl , Petzet und Bernöhr stimmen darin überein, das Jahr 1842 als Entstehungsjahr der Straßschen Fassung anzusehen. Nach ihrer Darstellung soll Straß 1842 drei Lieder für ein Sängerfest in Schleswig eingesandt haben, an dessen Besuch er durch Krankheit verhindert war. Eins dieser drei Lieder sei die erste Fassung des Schleswig- Holstein-Liedes gewesen.

Entgegen dieser Ansieht heißt es bei Pröhle in dein Lebensabriß von Straß : „Ein 1852 von Straß für den Unterzeichneten aufgesetzter sehr ausführlicher Lebensabriß irrt darin, daß er den Ursprung des Gedichtes und ebenso das Fest in Schleswig in das Jahr 1842 verlegt. Auch gibt er an, daß Bellmann den Urtext von Straß komponiert und Chemnitz erst später seine Dichtung verfaßt habe. Die betreffenden Worte von Straß lassen jedoch vollkommen die Auslegung zu, daß der nicht vorhandene Urtext niemals auf einem Liederfeste gesungen ist, besonders da dasjenige zu Schleswig erst 1844 stattfand.“

Für die Aufklärung der Frage nach dem Entstehungsjahre der ersten Fassung sind nun einige Briefe von Wichtigkeit, die von Bellmann und Chemnitz in den Jahren 1843 und 1844 an Straß gerichtet wurden. Der erste Brief stammt von Bellmann , der Straß eine Komposition seines „Liedes für Deutsche“ übersendet, und ist vom 6. September 1843 datiert. Der zweite Brief, ebenfalls von Bellmann, beschäftigt sich mit dem Schleswig-Holstein-Liede. Ich lasse daher eine Abschrift folgen:

„Wohlgeborner Herr, Hochgeehrter Herr Kreis-Justizrat.

Mit wahrem Vergnügen habe ich Ihr geehrtes Schreiben vom 22. Juni empfangen. Die Theilnahme, die Sie durch Ihre schönen Gedichte unserem Gesangfeste bewiesen haben, hat mich sehr erfreut; nur bedauerte ich, daß Ihr Brief zu spät ankam, indem das Programm einige Wochen früher gedruckt und ausgegeben war. Einige Mitglieder des Festcommittees, denen ich Ihre Lieder zeigte, freuten sich Ihrer Teilnahme am Feste und wählten das zweite Lied, damit es bei der Tafel noch, wenn Zeit und Augenblick es gestatten, gesungen werde. Ich lege meine Komposition für Ew. Wohlgeboren hierbei und wünsche, sie möge dieselbe Zufriedenheit finden, die Sir meinem früheren Liede schenkten. Mein Streben war. so leicht wo möglich und im Volkston zu schreiben: ob ichs getroffen, werden Sie am besten beurtheilen. Wenn das Fest vorüber und ich wieder zur Ruhe gekommen, werde ich das dritte Ihrer schönen Lieder in Musik setzen. Das erste Lied spricht von Zwist, der eigentlich nicht in den Herzoffthümern existiert, wie unser Fest deutlich zeigen wird; denn das sogenannte rein« oder junge Holstein ist so wenig zahlreich, daß es im Ganzen nicht in Betracht kommen kann. Trennt uns auch weiter Raum, so werden wir ans doch geistig nahe seyn; ich reiche daher Ew. Wohlgeboren meine deutsche Rechte und rufe Ihnen aus vollem Herzen ein Lebewohl zu. Schleswig den 8. Juli 1844. (,G. Bellmann)

[…] Ich zitierte oben die Worte Pröhles, dem gegenüber Straß 1852 den Ursprung des Gedichtes in das Jahr 1842 verlegte. Im gleichen Sinne äußerte Straß sich in der Bei Bruhn in Schleswig erschienen Neuausgabe seiner „Gedichte“ . Dort findet sich das Lied an zweiter Stelle unter der Überschrift „Schleswig- Holstein. (Componiert von Bellmann, Hertzsprung u. a.).“ Eine Anmerkung unter dem Texte besagt: „Mit diesem Liede hat es eine eigene Bewandtniß. Der Unterzeichnete ist zwar dessen erster Urheber, aber nicht dessen Verfasser in der gegenwärtigen Gestalt. Die Sache ist diese. Im Jahre 1842 sollte der Unterzeichnete einem Liederfeste in Schleswig beiwohnen. Kränklichkeit zwang ihn aber nach Marienbad zu gehen; um jedoch seine Theilnahme zu bezeigen, sandte er drei Lieder, unter welchen eins war, das, vom Musikdirektor Bellmann componiert, bei dem Gesangfeste lebhaften Beifall fand.

Dieses Lied, dessen ursprünglichen Text der Unterzeichnete nicht mehr aufzufinden vermag, wurde von Herrn Advocaten Chemnitz zu Schleswig nach den Local- und Zeitverhältnissen umgearbeitet und ist so glücklich gewesen zum Volksliede zu werden. Obiger Text ist größtentheils Eigentum des Herrn Chemnitz. Dieser schrieb dem Unterzeichneten darüber Folgendes:“ —

Es folgt nun der oben angeführte Brief Chemnitz vom 3. August 1844, allerdings ohne Angabe des Datums. Die Behauptung Straß, das Lied sei 1842 entstanden, während er wenige Zeilen später den vom August 1844 datierten Brief niederschreibt, ist sehr auffallend und könnte verwirren, wenn ihr nicht das direkte Zeugnis des Bellmannschen Briefes vom 8. Juli 1844 gegenüberstände. Diesem Zeugnisse gegenüber erscheint es außer Zweifel, daß Straß Angabe, wenn nicht auf einem bloßen Schreibfehler, so doch auf einer Täuschung seines Gedächtnisses beruht, die durch verschiedene äußere Umstände unterstützt wurde.

1842 hatte Straß eine Reise durch Schleswig- Holstein unternommen und bei dieser Gelegenheit Bellmanns Bekanntschaft gemacht. Es ist nun leicht möglich, daß er zehn Jahre später das Jahr dieser Reise mit dem des Sängerfestes verwechselte. Diese Verwechslung lag um so näher, als in der Stadt Schleswig auch 1842 ein großes Volksfest, allerdings kein Sängerfest, stattgefunden hatte.

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