Der englische Nationalgesang

Franz Magnus Böhme (in: Volkstümliche Lieder der Deutschen, 1895, S. 538ff)

Dieses berühmte englische Volkslied „God save the king„, welches in England nicht wenig dazu beigetragen hat, den Nationalgeist zu beseelen, ist verschiedenen Verfassern zugeschrieben worden. Einige sagen, Händel habe die Musik dazu komponiert, das ist ganz unhaltbare Annahme und Verwechslung. (s. davon unten) Nach andern soll Text und Melodie von Henry Carey 1743 sein, das ist die noch heute vertretene und wohl die richtige Annahme. Wieder andere wollten nachweisen, das Lied sei schon unter der Regierung Jakob I 1605 entstanden und der Komponist sei Dr. John Bull. Diese Ansicht hat vieles für sich und ist in neuerer Zeit zur Geltung gekommen.

Schon der engl Musikhistoriker Dr. Burneg meint, sie sei unter Jakob I aufgekommen, als der Prinz von Oranien an der Küste hauste. Da erschien 1822 eine erschöpfende Untersuchung von Clark, welche nach zu weisen versucht hat, Dr. John Bull sei der Komponist. Das Buch ist betitelt „An Account of the national Anthem entitled God save the king with authorities taken from Sion College Library the ancient records of the Merchant Tailors Company the old ChaqueBook of this Majesty’s Chapel Selected edited and arranged by Richard Clark Gentleman of his Majesty’s Chapel Royal Deputy Vicar Choral of St Paul’s Cathedral and of Westminster Abbey and Secretary to the Glee Clubb“, London. Printed for W. Wright, Fleet Street, 1822.

Nach diesem Buche wurde „God save the king“ zuerst gesungen 1605 bei einem Fest der Groß-Kleiderhändler (Merchant Taylors Company) zu Ehren des Königs Jakob I zur Beglückwünschung wegen glücklicher Errettung nach der Pulververschwörung. Die Musik sei von Dr. John Bull, damals Angestelltem an der Kapelle und Hoforganisten des Königs, der bedeutendste Clavier und Orgelspieler seiner Zeit und Komponist.

Woher wollte man das wissen? Dr. Pepusch in London, ein geborner Berliner und Zeitgenosse Händels, sammelte die nur im Manuskript vorhanden, hin und her zerstreuten Kompositionen John Bulls. Darunter findet sich vom Jahre 1619 ein Thema zu Variationen, welches sehr große Ähnlichkeit mit der Melodie von „God save the King“ hat, leider ist aber ein Text aus jener Zeit nicht aufzuweisen. Auch erschien von Dr. John Bulls Werken ein vollständiges Verzeichnis in „Lives of the Professors of Gresham college“, London, 1740. Nach dem Sturz der Stuarts und Hinrichtung Carls durch Cromwell wagte niemand mehr diese Hymne zu singen und so kam sie in Vergessenheit, bis erst 1745 sie wieder hervorgezogen und der Dynastie Hannover, regierend seit 1714, angepasst wurde.

Mistress Tibber sang sie durch ihren Bruder Dr. Arne (Komponist des Rule Britannia) für Orchester instrumentiert, zuerst wieder 1745 im Drurilane Theater nach der unglücklichen Unternehmung des Prätendenten von Schottland. Sie wurde mit stürmischem Beifall aufgenommen und blieb seitdem englisches Volkslied, das der loyale Engländer bei feierlicher Gelegenheit stehend mitsingt oder anhört.

John Bull, geboren in der Grafschaft Sommerset 1593, wurde nach eifrigen Studien Dr. der Musik in Oxford und bald darauf von der Königin Elisabeth zum Hoforganisten und Professor am Collegium Gresham ernannt. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit begab er sich auf Reisen, besuchte Deutschland und Frankreich, mußte aber auf Befehl seiner eifersüchtigen Königin wieder nach England in seine amtlichen Stellung zurückkehren. Später wurde er Organist des Königs Jakob I und soll das Lied „God save the King“ gemacht haben, als der König durch Entdeckung einer Pulververschwörung im November 1605 glücklich einer Lebensgefahr entgangen war. Dank und Anerkennung scheint er dafür in seinem Vaterlande nicht gefunden zu haben, denn er ging später wieder nach dem Festlande, kam 1617 nach Antwerpen, erhielt dort die Organistenstelle an der Kathedrale, leistete am 29 Dez 1617 seinen Amtseid und starb daselbst am 12 März 1628.

Auf schwachen Füßen steht der Beweis von Clark für seine Annahme, dennoch haben Männer von musikalischem Ruf, darunter W. Chapell (Popular Music of the Olden Time 1860), Fétis und auch Hoffmann von Fallersleben (Volksthümliche Lieder Nr 441) sie zu der ihrigen gemacht. Ihnen gegenüber steht Chrysander, der in seiner erschöpfenden Abhandlung im Jahrbuch für musikalische Wissenschaft I 1863 S 287 – 407: Henry Carey und der Ursprung des Königsgesanges „God save the King“ wohl auf immer die Zweifel beseitigt hat und nur für Carey stimmt. Ebenso Cunwirgs Musical Times 1878. Auch Erk hielt an der älteren Angabe fest, wie auch Friedländer Kommersbuch, S 156. In dem englischen „Dictionary of Music“ von Grove ist’s unentschieden gelassen, ob Carey oder John Bull der Komponist sei.

So viel ist gewiß, dass im Jahre 1745, als Dr Arne das Lied für das Drurylane Theater und Dr Barnedi es für den Convent Garden in Orchestermusik setzt, niemand den Komponisten kannte, ebensowenig den Dichter. In demselben Jahre wurde der Text zum ersten Male auf fliegenden Blättern und auch im Gentleman’s Magazine Oktoberheft 1745 gedruckt, in 3 Strophen wie oben unter B.

Derselbe wird ein „loyal song“ für zwei Stimmen genannt und bemerkt, er sei auf beiden königlichen Theatern abgesungen worden. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat man zu den 3 Strophen noch eine andere hinzugefügt. So wurde zu Ehren des Marschalls Mode nach Besiegung der schottischen Aufrührer 1745 eine Strophe und wieder im Jahre 1800, als von einem Unsinnigen im Drurylane-Theater nach dem König geschossen worden, eine neue Strophe von Sheridan hinzugedichtet.

Erst am Ende des 18 Jahrhunderts suchte der Sohn George Saville Carey zu erweisen, daß sein Vater Henry Carey der Dichter und Komponist des „God save the King“ sei. Er konnte freilich die Musik nicht urkundlich und mit dem Namen des Dichter-Komponisten vorlegen, sondern sich nur auf das Zeugnis eines älteren Freundes seines verstorbenen Vaters, nämlich des J. Christoph Schmidt (1795) berufen, das unten folgt. Auch in einer besonderen Schrift „The words of the most favourite Pieces compiled by Richard Clark“ 1814 wird es wahrscheinlich gemacht, dass Henry Carey der Verfasser des Königsgesanges sei. Diese Ansicht teilt auch W. Chappel in Nationalmusik 1840, aber beide englische Schriftsteller haben später ihre Ansicht aufgegeben und für John Bull gestimmt, wie wir oben lasen.

Dieser Henry Carey war der uneheliche Sohn Georges Saville, Marquis v Halifax, er lebte in London als Musiklehrer, talentvoller Dichter und Komponist von Cantaten und komischen Gesängen und Verfasser von Operntexten für andere Komponisten, bis er kaum 50 Jahre alt, in tiefster Armut aus Verzweiflung seinem Leben am 4. Oktober 1743 ein Ende machte. Er hinterließ eine Witwe mit 4 Kindern, aber auch einige ungedrucke Kompositionen, darunter das zu Anfang des Jahres 1744 in London von Simpson ohne des Verfassers Namen im Thesaurus Musicus gedruckte englische Nationallied.

Warum fehlt der Name auf dem ältesten Drucke? Chappel meint, der Verleger Simpson habe unrechtmäßiges Eigentum gedruckt und darum den Autor verschwiegen. Chrysander glaubt, weil Ch. Schmidt zu dem Liede den Baß gesetzt, sei das Manuskript umgeschrieben worden und darum der Name fortgeblieben. Auffallend bleibt, dass auch im Jahre 1745 bei wiederholter öffentlicher Aufführung, niemand den Namen des Dichters und Komponisten erfuhr.

Für die Verfasserschaft durch Carey sprechen aber folgende vollwichtige Zeugnisse: Dr med Hartington, seiner Zeit ein ausgezeichneter Koncertsänger, namentlich in Händelschen Oratorien, in Bath wohnend und Hausarzt des damals hochbejahrten Joh. Christoph Schmidt, schrieb auf Befragen folgendes am 13 Juni 1775 an George Saville Carey:

Werther Herr ! Die Nachricht, deren Sie erwähnen, nämlich dass Ihr Vater der Verfasser und Komponist der Worte und Musik von „God save great George our King“ sei, ist gewiß richtig. Jener höchst achtenswerte Mann, Herr Schmidt, mein würdiger Freund und Patient, hat mir oft erzählt, was folgt, nämlich dass Ihr Vater mit den Worten und der Musik zu ihm kam und ihn bat, den Baß von welchem Hr Schmidt ihm sagte, dass er nicht ganz passend sei, zu Korrigieren und auf Ersuchen Ihres Vaters schrieb er einen andern Baß in korrekter Harmonie. Herr Schmidt, welchem ich Ihren Brief heute am 13 Juni vorlas, wiederholte das Gesagte. Sein vorgerücktes Alter und augenblickliche Schwäche machen ihn zum Schreiben unfähig, aber auf seine Autorität hin stehe ich für die Wahrheit. Sollte diese Nachricht im geringsten vorteilhaft für Sie ausschlagen, so würde es die aufrichtigste Genugtuung und Freude gewähren Ihrem … W Hartington

PS: Mein Verlangen ließ mich oft nach dem Autor fragen, bevor Herr Schmidt mir obiges erzählte und ich war oft falsch berichtet, Herr Schmidt meint verstanden zu haben, Ihr Vater wolle diesen Gesang als Teil einer Geburtstagsode oder etwas der ähnlichen verwenden, wie dem nun sein mag, kein gekrönter Hofpoet noch Komponist hat die Welt mit einer Produktion beschenkt, welche mehr huldigend oder allgemeiner eingänglich wäre.“

Brief bei Chrysander, Jahrbuch für musitalische Wissenschaft I S 374, dort auch das englische Original des Briefes. Eine gerichtliche Zeugenaussage kann nicht bündiger sein als die hier gegebene und man muss den grundzuverlässigen Charakter von Schmidt kennen und von seiner genauen vertrauten Bekanntschaft mit Carey wissen, um die Unmöglichkeit eines Irrtums einzusehen, setzt Chrysander hinzu. In einem Berichte über Schmidts Leben „Anectodes of Handel and Smith“ p 43 lesen wir Henry Carey komponierte den populären Gesang „God save great George our King“ Aber obschon er viel Genie für Musik hatte, war er doch der Regeln der Komposition unkundig und  wandte sich an Schmidt, er möge die Arie mit einem Basse versehen.

Der Bericht ist von einem Verwandten Schmidts verfasst und mochte dieser wiederholt gesprächsweise sich so wie hier steht geäußert haben. Es ist ein zweites Zeugnis für Careys Verfasserschaft. Dass man Händel als Komponist des „God save the King“ nannte, war entweder Notenhändler-Reklame, um mit dem Namen des berühmten Meisters mehr Käufer für das Stück zu locken, oder aber es war Verwechslung, denn Händel hatte 1727 bei der Thronbesteigung des Königs Georg II ein Krönungsanthem auf folgende Bibelstelle komponiert: Zadok the Priest and Nathan the Prophet anointed Salomon King And all the people rejoiced and said God save the King long live the King may the King live for ever Amen Alleluja (Zadok der Priester und Nathan der Prophet salbten den König Salomon Und alles Volk frohlockte und sprach Gott schütze den König lang lebe der König mag der König leben auf ewig Amen Halleluja)

Wenn die Franzosen behaupten das englische Nationallied stamme aus Frankreich, sei schon unter Ludwig XVI bekannt und durch Lully komponiert, Händel habe es von daher mit nach England gebracht, so ist das ein unbegründetes Gerede, durch gewesene Klosterfrauen auf gekommen. Musikhistoriker, darunter der gründliche Fétis wissen nicht davon, wissen aber dass Händel mit keinem Fuße Frankreich betreten hat. Aus England kam das Lied nach Frankreich und wurde übersetz,  unbestreitbar ist, dass um 1779 in Frankreich folgender ähnlicher Text vorhanden war:

Grand Dieu sauvez le roi
Grand Dieu sauvez le roi
Vengez le roi
Que toujours glorieux
Louis victorieux
Voie ses ennemis
Toujours soumis
Grand Dieu sauvez le roi
Grand Dieu vengez le roi
Vive le roi

Eine darauf bezügliche Erklärung von 3 Damen des Klosters St Cyr 1819 den 10 Sept zu Versailles abgegeben,  verdient hier in Übersetzung aufgeführt zu werden:

Wir Unterzeichneten, ehemalige Mitglieder des königl. Hauses von Saint Cyr, Diozese von Chartres, bestätigen gern um der Wahrheit die Ehre zu geben und in einer Absicht, welche nichts Profanes oder Frivoles hat, dass dieses Lied „God save the King“, welches heute für ein englisches Lied gehalten wird, vollständig dasselbe ist, welches wir in unserer Genossenschaft gehört, in welcher dasselbe überliefert worden aus der Zeit Ludwig des Großen (XIV) unseres hohen Begründers. Diese Musik ward komponiert, wie man uns seit unserer Jugend versicherte, von dem bekannten Baptist Lully 1687, welcher noch mehrere andere Lieder für unser Haus machte. Was das Lied betrifft, sei bemerkt, dass alle Damen welche dort waren, diese Melodie jedes mal anstimmten, wenn der König in die Kapelle von St Cyr eintrat. Eine der Unterzeichneten hat dasselbe noch mit großem Chore singen hören, als König Ludwig der Märtyrer (XVI) das königl Haus mit seiner Gemahlin im Jahre 1779 besuchte; auf den Rat des hl Präsidenten d’Ormesson, des Direktors von St Cyr, wurde beschlossen, Se. Majestät nach dem alten Gebrauch mit diesem Bittgesange zu begrüßen. So kommt es, dass fast jede von uns die Worte oder die Melodie dieses Liedes kennt. Wir können daher versichern, dass es genau übereinstimmt mit dem, welches man engl. Nationallied nennt. Was die Worte betrifft, die wir unten genau kopieren, so hat man uns gesagt, dass sie von der Madame Brinon, der ehemaligen Oberin von St Cyr, welche sehr gebildet war und gut dichtete, verfertigt worden sein. (Abdruck des Textes bloß obige Strophe) Wir bestätigen daher …,  nachdem wir Gegenwärtiges mit unserm Siegel versehen.
Versailles am 10 Sept 1819
Anna Thibault de la Norage —  P de Monstier — Julienne de Pelagrey“
Folgt zuletzt die Unterschrift durch den Maire von Versailles, Marquis de Lalonde

So weit das Zeugnis von französischen Damen, das wiederholt auch in deutschen Zeitungen, zuletzt in der Kölner Volkszeitung, Dezember 1893 abgedruckt wurde. Es bestätigt nur, dass um 1779 ein französischer Gesang ähnlich dem „God save the King“ vorhanden war, aber der Nachweis, dass der Urheber von Melodie und Text in Frankreich zu suchen sei, ist damit nicht erbracht. Bis jetzt ist für England die Entstehung des Königsliedes nachgewiesen, von da kam es nach Deutschland, vor 1782 nach Holland und nach Frankreich vor 1779.

Wer hat das englische Lied nach Deutschland verpflanzt? Vermutlich Studenten Der Kieler Student Aug. Niemann hatte 1781 das alte Studentenlied „Der Landesvater“ verbessert und dazu als Nr. 2 die englische Nationalmelodie Hereingezogen zu seinem Texte „Heil Kaiser Joseph Heil“ (6 Str, s oben S 411) Also schon ehe Harris 1790 sein Lied für den dänischen Untertan dichtete, das dann mit wenig Änderung G. Schumacher als „Heil dir im Siegerkranz“ 1793 einführte (s. oben Nr 15), sangen Studenten das englische Lied mit deutschem Texte. Überhaupt sind Studenten es gewesen, welche zuerst vaterländische Lieder einführten und sie sind es, die solche, mit glühender Jugendbegeisterung, bis zur Gegenwart singen. Das eigentliche, vom Volke gesungene Vaterlandslied, begann in Deutschland mit „Heil dir im Siegerkranz“ in der Schweiz mit etlichen patriotischen Liedern von Lavater und in Frankreich mit der Marseillaise.

Lied-Geschichte:


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Tage der Kommune