Vorwort: Kinder-Gärtlein 2 (Naive Inhalte)

Der Herausgeber der „Dichtungen aus der Kinderwelt“ (1815) sagt von solchen (naiven) Kinderreimen, Sie sind eben so lieblich und hold, so heiter einfach und schuldlos, als es die Kinderseelen selber sind. Das Kosliedchen z B

„Mein Kindchen ist fein
Könnt feiner es sein?
Es hat mir versprochen
Sein Herzchen gehör mein

Wie ist es so fein? Könnt feiner es sein ? Und wie der Kinderseele die Welt frei und ganz vorliegt und sie die Dinge und Geschichtchen, so wie sie durch einander und gleichzeitig in dem Sinnenleben sind, aufzufassen und zusammen zu halten sich erfreut, eben so drollig auch und wunderlich sind sehr viele dieser Dichtungen zusammengesetzt, daß sie nur durch den Kindessinn selbst oder doch nur durch einen vollkommenen kindlichen Sinn entstanden sein können. Herzliche Mütter haben gewiß diese Dichtungen auch erzeugt. Den besorgten Müttern möchte es vielleicht angenehm sein, noch ein fremdes Urteil über diese Kinder- und Ammenreime zu vernehmen.

Der Herausgeber teilt deshalb hier einen Auszug der Einleitung aus der am Schlusse dieser Vorrede angeführten Schrift „Die Mutterschule“ von Fr. Köhler denselben zu ihrer Beruhigung mit. Dieser Verfasser sagt nämlich: Gehören die Wiegenlieder, Mutterscherze und Ammenmährchen auch in eine Mutterschule? Es haben zwar die letzten fünfzig Jahre sich angelegen sein lassen, sie zu verdrängen, allein es ist ihnen gottlob noch nicht ganz gelungen und wird ihnen nicht ganz gelingen, so lange noch ein höherer Geist der menschlichen Entwickelung ihre Bahnen vorzeichnet als der kalte berechnende systematische Verstand.

Im Gemüt muß jede Bildung ihre Wurzel haben, wenn sie echt und dauernd und beglückend sein soll, und diese Wiegenlieder, Mutterscherze und Ammenmährchen sind die Samenkörner, welche zu dieser Bildung in die verborgenen Tiefen des Gemütes ausgestreut werden, darum dürfen wir ihnen den Platz in einer Mutterschule nicht versagen.

Die Aufklärungsperiode hat wirklich ihre Einseitigkeit nicht auffallender an den Tag legen können als dadurch, daß sie ihren Einfluß auch auf die Kinderstube ausdehnen wollte, da er doch, wenn er wohltätig und heilsam bleiben soll nur in die Schule gehört. Es ist als ob der klapperdürre Tod das blühende träumende Kindlein aus der Wiege nimmt und mit ihm liebäugelt. Das Rasseln und Klappern der dürren Knochen ist keine wohltönende Musik für das Ohr des Kindes und es wird darum nicht eher aufhören zu schreien, bis es wieder ruhig in seiner Wiege liegt, wie freundlich auch der Knochenmann es angrinse.


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Liederthema: Volksliedbücher
(1843)
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