Vorwort: Die Lieder der Heimat

Arthur Hübner
in: Der Heimatforscher IV, 1926

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Wer sich heute ernsthaft mit den Liedern des Volkes abgeben will, findet sich durch das viele, was die letzten Jahrzehnte an grundlegenden Erörterungen zu diesem Thema gebracht haben, fast eher gehemmt und beirrt als gefördert. Die Definitionen des Begriffes “Volkslied” sind kaum noch zu zählen, und sie gehen weit auseinander. Sie grenzen ebenso den Begriff “Volk” verschieden ab, wie sie verschieden urteilen über die Frage, wieviel vom Liedbesitz des jeweiligen “Volkes” die Bezeichnung Volkslied verdient; sie werten den Ursprung dieses Liedes ebenso verschieden wie seine Qualitäten.

Der Heimatforscher kann im Grunde ohne jede Definition auskommen; denn seine Teilnahme soll selbstverständlich allem gelten, was die Heimat an Liedern kennt. Aber gerade damit er sich vor Einseitigkeiten hüte, muß ihm deutlich sein, wie ein solches Auseinander der Meinungen möglich ist. Da spielen zunächst tatsächliche Unterschiede im landschaftlichen Charakter und in der Ausbreitung des Volksgesanges ihre Rolle: wer in einem österreichischen Alpenlande zu Hause ist, kann zu einer anderen Vorstellung von seinem Wesen gelangen, als ein Angehöriger eines verschlossenen niederdeutschen Stammes oder gar ein Kind der Großstadt.

Aber das letztlich Entscheidende sind subjektive Momente: eine bestimmte gefühlsmäßige Einstellung zum Volk, seinen Fähigkeiten und Leistungen trägt bei jedem, der das Wesen des Volksliedes zu ergründen versuchte, die eigentliche Verantwortung und haftet für gewisse Formulierungen. So war es bei Herder, der bei uns in Deutschland das Volkslied als Jungbrunnen für eine versteinerte Kunstdichtung entdeckte, bei dem Aufklärer Nicolai, der solche Auffassungen lächerlich zu machen versuchte, so war es bei den Romantikern und so ist es bis heute geblieben.

Jacob Grimm sah das wesentliche Merkmal aller Volkspoesie darin, daß sie nicht von einzelnen und namhaften Dichtern hervorgegangen, vielmehr unter dem Volk selbst, im Munde des Volkes entsprossen sei. Also nicht ein einzelner, sondern die Gesamtheit, der Volksgeist selber dichtet die Volksgesänge: sie sollen sich “sozusagen von selber an- und fortgesungen haben”. Und für den neugierigen Frager, der diesen Vorgang gedeutet wissen wollte, hatte er die Antwort: “Über die Art, wie das zugegangen, liegt der Schleier des Geheimnisses gedeckt, an das man Glauben haben soll.” (Jac. Grimm, Über den altdeutschen Meistergesang, Göttingen 1811, Vorrede.)

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Liederthema: Volkslied-Forschung
(1926)
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