Bremer Stadtmusikanten

Vorwort: Die Lieder der Heimat

Arthur Hübner
in: Der Heimatforscher IV, 1926

Dieser romantische Traum von dem dichtenden Volk ist verflogen; niemand bezweifelt heute mehr, daß auch beim Volkslied der Dichter als ein einzelner nicht ausgeschaltet werden darf. Noch nicht verflogen aber ist die empfindungsmäßige Einstellung zum Volke, ist jener Glaube, aus dem die Romantik, rousseauisch bestimmt, den Mut zu solchen Gedanken schöpfte: das Volk in seiner Einfalt und Unschuld ist das Herz der Nation; in ihm offenbart sich nicht nur ihre Artung reiner als in den Schichten höherer Bildung, sondern in ihm steckt auch die größere produktive Kraft; ihm ist, als ein gütiges Geschenk seines Genius, von Natur eigen, was höheren Schichten ihre Kultur nicht geben, sondern nur nehmen kann.

Von dieser Grundanschauung ist es nur ein Schritt bis zu jener schwärmerischen Auffassung, die dieses Volk begabt mit Anlagen und Kräften, die es befähigen, improvisatorisch, keiner Regel und Schule folgend, Dichtungen zu schaffen, die nicht nur ihren eigentümlichen Wert haben, sondern unter Umständen, als durchaus gleichgeordnete Größen, der Kunstdichtung als ästhetisches Muster vorgerückt werden können.

Wer solchen Meinungen zuneigt, ist begreiflicherweise beengt, wenn er daran geht, Begriff und Gebiet des Volksliedes abzugrenzen. Er nimmt als ,,Volk“ nicht die unteren sozialen Schichten der Nation schlechthin, sondern schränkt den Begriff ein auf die naturnahen Kreise der Landbevölkerung; je weiter geistiger Bildung und städtischer Kultur entrückt, um so echter und unverdorbener scheint sich ihm das Volk darzustellen. Und er nimmt als Volkslied nicht den ganzen Liedbesitz dieses seines „Volkes“, sondern nur das, was davon echt und unverdorben, d. h. eben diesem Volke in einem seiner Angehörigen entsprungen ist.

Und da denn selbst bei liebevoller Betrachtung durchaus nicht alles, was vom Volke gedichtet ist oder scheint, als wertvoll oder gar mustergültig gelten kann, so siebt er noch einmal und erkennt als echte Volkslieder nur solche an, die neben bestimmten stilistischen Zügen die Merkmale der Naivität, Ursprünglichkeit, Kindlichkeit, kurzum des Unbewußt-Poetischen tragen. (Es ist vor allem der verdiente Begründer des Wiener Volksgesangvereins Josef Pommer, der dieser Auffassung des Volksliedes in unserer Generation den Weg bereitet hat; er hat sie in einer von ihm begründeten Zeitschrift und einer Reihe von Flugschriften vertreten – s. das Literaturverzeichnis).

Es liegt auf der Hand, daß eine solche Begriffsbestimmung nur erwachsen kann auf dem Boden einer romantischen Vorstellung vom Volk. Das beste an ihr ist die Liebe; das wissen ihre Verfechter wohl auch selbst; denn sonst könnten sie nicht gelegentlich dem nüchternen Verstand das Richteramt in Dingen des Volksliedes streitig machen wollen. „Richter ist nur das warme Herz, der naive Sinn des mit seinem Volke innig vertrauten Mannes! Wer das Volk nicht kennt und liebt, kann auch das Volkslied nicht erkennen und schätzen nach Gebühr!“ (Pommers Zs. Bd. l, S. 12.)

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Volkslieder-Thema: Volkslied-Forschung
(1926)
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