Bremer Stadtmusikanten

Vorwort: Die Lieder der Heimat

Arthur Hübner
in: Der Heimatforscher IV, 1926

Aber auch wenn sich der Enthusiasmus für das Volk und seine Dichtung in bescheideneren Grenzen hält und hielt, als sie ein solcher romantischer Ausspruch verrät, — es ist unverkennbar, daß derartige Stimmungen die Volksliedbetrachtung und die Volksliedersammlung des ganzen 19. Jahrhunderts und auch der folgenden Jahrzehnte noch stärker oder schwächer beeinflußt haben, namentlich wo sich Laien ihrer annahmen. (Wie schwer auch heutige Forscher noch an diesem Erbe tragen, beleuchtet eine Äußerung Gustav Jungbauers(s. u. S.32 Anm.), der einmal bemerkt, „daß es irrig ist zu glauben, im Volke fänden sich nur echte Dichter; in Wirklichkeit findet man hier wie unter den Kunstdichtern nicht selten Individuen, die zu der verbreiteten Gattung der Dichterlinge gehören“. Volksd. a. d. Böhmerw. S. XVIII. 10)

Wer als Forscher Heimatkunde treiben will, kommt mit einer so gewählten Auffassung des Volkes und seiner Dichtung nicht voran; er muß sich freihalten von solchen Voreingenommenheiten und Idealisierungen, wie sie die Erörterungen über das Volkslied, auch die wissenschaftlichen, heute noch weithin durchtränken. Denn Heimat ist nicht nur das möglichst weltentrückte Dorf, sondern auch die Stadt; und auch die Stadt hat Lieder, sogar Fabrikarbeiterinnen der Großstadt singen noch. Freilich, was sie singen, entspricht oft nicht der weichen, verträumten Vorstellung, die sich uns gemeinhin mit dem Worte Volkslied verbindet. Sowohl nach Inhalt, wie nach Form und Herkunft ist es vielfach anderer Art, als es die romantische Definition des Volksliedes gestattet.

Aber auch in dem entlegensten Dorf stößt man heute auf Lieder, die sich ohne weiteres als nicht volksentsprossen, als Eindringlinge aus der Stadt erkennen lassen. Es ist ein großes Unrecht, das die Volkskunde begangen hat, und ein falsches und blindes Vornehmtun, von dem sie auch heute noch nicht freizusprechen ist, wenn sie das Volk der Stadt nicht anders als entartet und verdorben zu sehen vermag und vor allem, was dort zu Hause ist oder von dort seinen Weg aufs Land genommen hat, am liebsten die Augen schlösse. Ihrer erklärten Aufgabe, das Volk zu erkunden, wird sie auf diese Weise jedenfalls schlecht gerecht; dazu gehört vor allem, daß man das Volk gelten läßt, wo man es findet und wie man es findet, daß man also auch die Lieder, die das Volk singt, nimmt, wo man sie findet und wie man sie findet, ohne Beschönigung, Auswahl und Abstriche, ohne sich von schiefen Definitionen des Begriffes Volkslied den Blick trüben zu lassen.

Die Heimatkunde hat in diesen Dingen geradezu eine Aufgabe: dadurch, daß sie den Blick des Forschers beschränkt, rein geographisch genommen, kann sie ihn vertiefen. Es ist unverkennbar, daß im gegenwärtigen Betrieb der Volkskunde eine Richtung die Vorhand hat, die gegenüber dem Stoff seinen Träger und Gestalter zu kurz kommen läßt. Stoff geschichtliche, Stoff vergleichende Untersuchungen beherrschen auf dem Gebiete der Volksüberlieferungen, welcher Art sie seien, heute die Szene, Untersuchungen, die in der Regel das Blickfeld nicht weit genug nehmen können.

Der festere und engere Rahmen dagegen, in den der Forscher als Heimatforscher gestellt ist, erleichtert nicht nur, sondern fordert fast eine Betrachtung, die dem Blick eine andere Zielrichtung gibt, eine Richtung statt auf die allgemeinen Wesenszüge und Lebensbedingungen eines Zweiges des geistigen Volksbesitzes vielmehr auf sein Besonderes, Auszeichnendes, das eben nur aus dem Kreise der Heimat und aus dem Menschen der Heimat deutbar wird. Es ist also mehr als ein bloßer Unterschied des Horizontes, was den wissenschaftlichen Betrieb der Volkskunde und den der Heimatkunde sondert oder sondern soll. Um so nötiger, daß sich der Heimatforscher nicht die Hände binden läßt durch Definitionen und Formulierungen, wie sie eine anders eingestellte Betrachtungsweise sich geschaffen hat.

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Volkslieder-Thema: Volkslied-Forschung
(1926)
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