Wer war Ännchen von Tharau?

Franz-Magnus Böhme (in: Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895, S. 290 Anmerkungen zu 'Ännchen von Tharau") )

Wer war das Ännchen von Tharau, das Simon Dach besingt? Über ihre Lebensumstände erfahren wir aus der Kirchenchronk von Tharau, mitgeteilt in Preußische Provinzialblätter 1840, S 380 folgendes:

„Der Pfarrer Andreas Neander, welcher 1630 gestorben, hatte von seiner Ehegattin geb. Sparberin nebst einem Sohne eine einzige von Gestalt angenehme Tochter Namens Anna hinterlassen. Das ist die im Lied besungene Anke von Tharow, das in Albertis Arien zu finden ist und vom berühmten preußischen Poeten Simon Dach, welcher damalen noch ein Studiosus (?) gewesen, bei deroselben Hochzeit gemacht worden, indem dieselbe nach ihres seligen Vaters Tode, 11 Jahr alt, in die Pflege und Auferziehung ihres Vormundes Herrn Stolzenberg’s Kaufmanns kam und im 18 Jahr ihres Alters ist verheiratet worden an Herrn Johann Partatius, der Zeit Pfarrer in Trempen (Insterburgischen Amts) nachmalen aber in Laukischken (Labiauschen Amts), woselbst sie nach des Partatius Tode noch zwei Successores in dem selben Pfarramte, nämlich Herrn Gruben und Herrn Melchior Brilstein, geheiratet hatte.

..

Endlich hat einer ihrer Söhne von der ersten Ehe, Herr Friedrich Partatius, littauischer Pfarrer in Insterburg, sie, da sie verwitwet und ganz unvermögend gewesen, zur Verpflegung zu sich genommen. Und da auch derselbige zu ihrem großen Leidwesen Anno 1688 am Osterfest verstorben, ist sie von dessen Wittib Frau Elisabeth, geborene Schützin, bis an ihr seliges Ende verpflegt und zu Insterburg Anno 1689 um Michaeli im 74sten Jahre ihres Alters begraben worden.“

Diese Kirchenbuch- und Familiennachrichten sind glaubwürdig, da sie vom Pfarrer Anton Pfeiffer in Tharau herrühren, der mit der obenerwähnten Schwiegertochter Annchens (Frau Elisabeth geb. Schütz) verheiratet war.

Historisch erwiesen ist somit, das Simon Dach als Konrektor in Königsberg 1637 das Lied im Namen seines Freundes Pfarrers Partatius, des Bräutigams von Anna Neander (geboren um 1619, gestorben 1689) zu deren Hochzeit gedichtet hat. Von einer Liebe Dach’s zu dem Mädchen und etwaiger Eifersucht sagt das harmlose Hochzeitscarmen nichts und wissen davon auch die Familiennotizen nichts. (Vergl. auch Oesterley: Simon Dach. literarischer Verein in Stuttgart 1876, S 34-39, wo auch 1837 ala Entstehungejahr des Liedes angenommen wird.)

Der Name Ännchen von Tharau hat drittehalb Jahrhundert überdauert und wird noch ferner leben in der Erinnerung aller Freunde einer gemütlichen Poesie. Nicht weil sie etwa eine geistreiche Dame gewesen, Memoiren geschrieben oder im Briefwechsel mit berühmten Männern gestanden, sondern einfach aus dem Grunde lebt ihr Name fort, weil sie einen Dichter fand, der sie besang.

Warum aber hat Dach dieses Mädchen besungen? Mit der Antwort darauf war man gleich bereit: „Er hat sie geliebt.“ Wie man zweifeln muss, daß jede Lydie und Phyllis, Lyce und Chloe, welche Horaz besungen, auch seine Geliebte gewesen, so darf man auch hier zweifeln. Wäre es aber so gewesen, warum ward sie nicht seine Gemahlin? Auch hier wird man bald antworten: „Sie hat ihn verschmäht, sie hat einen Andern vorgezogen.“ Und so hat sich allerdings die Sage gestaltet, die selbst von manchem Literator als Wahrheit angenommen wurde.

So schreibt Wilhelm Müller (Bibliothek deutscher Dichter des 17 Jahrhunderts, V. Bd Leipzig 1823): Dach liebte die Pfarrtochter von Tharau, einem Dörfchen bei Königsberg, aber ein glücklicherer Nebenbuhler machte ihm den Besitz des Mädchens streitig und behauptete das Feld. — Dass aber die Sage von Dach’s unerwiderter Liebe eben nur Sage und sein Gedicht nicht aus Rache, sondern zum Scherz für die Hochzeit seines Freundes verfasst, ist geht aus mitgeteilter Stelle der Kirchenchronik hervor.

In Preußen gibts ein Sprichwort: So schön wie „Anke von Tharau“, welches diesem Gedichte Dach’s seine Entstehung verdankt. (Frischbier: Preuß. Sprichwörter Königberg 1864 S 9)

Aus diesem Liede hat Willibald Alexis seinen Stoff zu einem Lustspiel gezogen, darin freilich die Lebensumstände der Betreffenden ganz umgeändert und das Ganze nur Erdichtung ist, nicht einmal an der einfachen Sage hat er sich begnügt, sondern Unwahrheiten gesetzt. So ist der Ortsname Tharau zum adeligen Familiennamen geworden, der ehrenwerte Professor der Poesie erscheint als ein pedantischer, fast kindischer Mann.

Heinrich Hoffmann hat denselben Stoff zu einer lyrischen Oper verarbeitet, zu welcher Roderich Fels das Textbuch schrieb. Wahrheit und Dichtung ist darin noch mehr durcheinander geworfen und alles opernhaft zusammengestellt. Doch was schadets. Es ist ein hübsches Kunstwerk, das vielseitig Beifall gefunden. In dieser Oper liebt Dach selbst die Anna und erhält bei der Grundsteinlegung zur Kirche in Tharau das Jawort. Bald darauf erscheint ein Kinderfreund von ihr, Studiosus der Theologie, Johannes von Berkow und bringt Aufruhr in ihre Seele. Sie hält aber ihr Wort und weist Johannes Antrag zurück, worauf sich dieser als Fähndrich anwerben lässt durch Jost von Hennewitz, kurbrandenburgischer Werbeoffizier. Als die Landsknechte wiederkehren, bricht Anna’s Liebe zum Johannes unaufhaltsam durch und Prof Dach tritt edelmütig zurük, hebt auch die Relegation, auf die er als Rektor der Universität Königsberg über Johannes ausgesprochen und reklamiert ihn von der Truppe. Zuletzt löst sich alles in Wohlgefallen auf, auch Gretchen, Annas Freundin, welche ihren Teil beitrug, Dach zum Verzicht zu bewegen findet ihren Freier in Jost von Hennewitz.

Franz-Magnus Böhme, in: Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895, S. 290 Anmerkungen zu ‚Ännchen von Tharau“)

Lied-Geschichte:
Volksmusik:

Tage der Kommune