Julius Otto: Das treue deutsche Herz

Ehrenkranz für einen Liedertafel-Vater

(in: Die Gartenlaube, Heft 34, 1877)

Julius Otto„Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst! Auf wenige unserer deutschen Sänger des Volkes dürfte dies Wort berechtigtere Anwendung finden als auf Ihn, der sein oft schmerzlich ernstes Leben durch die heitere Kunst zu verschönen und die Ideale seiner Jugend über alle Schatten, mit welchen das Leben sie zu verdunkeln drohte, bis in ein gottbegnadetes hohes Alter hinauf ungetrübt zu bewahren wußte.

Mit dem Namen „Julius Otto“ wachen tausend liebe Erinnerungen in uns auf, die wie sonnige Jugendträume uns noch im Alter umspielen. Und wer sich die Empfänglichkeit für dieselben bewahrt hat, der wird uns zustimmen, daß der Krone des deutschen Sängerthums ein köstlicher Edelstein entfallen ist, als in Dresden am Abend des 5. März dieses Jahres das „treue deutsche Herz“ des geliebten Sängers, des Altmeisters des deutschen Liedes, Julius Otto’s, zu schlagen aufgehört. „Ihm schenkte des Gesanges Gabe, der Lieder süßen Mund Apoll“, und diese Lippen hat der Tod verschlossen, der Quell der Lieder ist versiecht, welche das Saitenspiel des fast dreiundsiebenzigjährigen Sängers noch vor wenigen Monden durchrauschten. „Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und uns war er mehr,“ so mochte mancher der Männer, Sänger und Freunde denken und fühlen, als wir im Schneegestöber des neunten März die letzte Blume, die letzte Hand voll Erde auf den Sarg hinabgeworfen, der die sterblichen Reste des Unvergeßlichen umschloß und uns sein stets so liebevoll freundliches Antlitz für immer entzog! Auf sein nun schon grünes und blühendes Grab wollen wir keine sogenannte Lebensbeschreibung, sondern nur ein Blatt der Erinnerung an den lieben Sänger und Freund niederlegen, mit der Mahnung: „Vergeßt den treuen Todten nicht, und schmücket auch seine Urne mit dem Eichenkranz!“ Mögen diese wenigen Zeilen hierzu beitragen, und gelingt es ihnen, dann ist ihr Zweck erfüllt.

Am ersten September 1804 wurde Ernst Julius Otto auf der Festung Königstein im Königreich Sachsen geboren, wo sein Vater Apotheker war. Der wackere Cantor Albani in Königstein, sein erster Lehrer, entdeckte zuerst und bildete des Knaben musikalische Fähigkeiten. Im neunten Lebensjahre spielte der kleine Julius beim Gottesdienste die Orgel und sang bei Kirchenmusiken die Sopransoli. Seiner schönen Stimme verdankte er seine Aufnahme als Alumnus (Freischüler) der altberühmten Kreuzschule in Dresden, und zwar zugleich als Rathsdiscantist (Solosänger) mit einem wöchentlichen Gehalte von zehn guten Groschen, einer für damalige Zeit und für einen zehnjährigen Jungen bedeutenden Summe. Cantor Th. Weinlig gab ihm den ersten theoretischen Unterricht in der Musik, den Weinlig’s Nachfolger, Fr. Uber, so erfolgreich fortsetzte, daß er einmal, durch Krankheit am eigenen Schaffen behindert, dem dreizehnjährigen Otto die Composition einer Cantate für Chor, Solo und volles Orchester übertragen konnte, welche in der Kreuzkirche unter des jungen Componisten eigener Direction aufgeführt wurde. Der außerordentliche Erfolg dieses Wagnisses gab ihm Muth zum Componiren zahlreicher ähnlicher Musikstücke, von denen seine Abschieds-Motetten bei feierlichen Entlassungen der Abiturienten der Kreuzschule sich allgemeiner Anerkennung erfreuten.

Mit großem Fleiße bereitete sich Otto auf sein Fachstudium, die Theologie, vor und erwarb sich namentlich in der lateinischen, griechischen und hebräischen Sprache so tüchtige Kenntnisse, daß er als Primaner nicht nur lateinische Disputationen im Beisein des Rectors leitete, sondern auch manchem lateinischen Gedichte das Dasein schenkte.

Achtzehn Jahre alt bezog Otto die Universität Leipzigs, ließ [568] sich hier jedoch sehr bald von dem begonnenen Studium der Theologie abwendig machen, um sich der ihn unwiderstehlich anziehenden Musik mit Leib und Seele für immer hinzugeben. Die damaligen Cantoren der Thomasschule, Schicht und Weinlig, wie die Dirigenten der Gewandhausconcerte, Schulz und Pohlenz, trugen wesentlich zu dieser Bekehrung bei und unterstützten ihn treulich. Die ersteren brachten zahlreiche seiner neuen geistlichen Compositionen in der Kirche zur Aufführung, die letztgenannten förderten durch die Erlaubniß des freien Besuches von Proben und Aufführungen der Concerte wesentlich sein Studium der berühmtesten Tonmeister der verschiedenen Zeiten.

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  • Heinrich Kämpchen (23. Mai 1847)

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