Vorwort: Kinder-Gärtlein 2 (Naive Inhalte)

Heinrich Weikert
in: Kinder-Gärtlein (1843)

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Es scheint demnach diesen, meinen anspruchslosen Klienten, eben so wenig ein Recht auf ihre Existenz abgesprochen werden zu können, als ihnen ein Platz in der Mutterschule streitig gemacht werden kann. Und so will ich es denn wagen, diese blöden Kinder der Tradition den Augen des Publikums bloß zu stellen. Es wird ja kein Rezensent oder Kritikus diesen schüchternen Wesen das Leid antun, sie scharf anzusehen oder gar mit Fingern auf sie zu weisen und sie zum Gelächter auszustellen.

Ich sag’s ihm vorher, sie würden ihm vor Scham unter den Händen sterben. Wäre der so lange sanft und unaufhörlich fortfließende Strom der Tradition nicht eine Zeit lang gewaltsam abgedämmt worden, so würde die Publikation dieser Tändeleien überflüssig sein und sogar als eine Profanierung der Geheimlehre der Kinderstuben angesehen und getadelt werden können.

Aber seitdem die Töchter in den Töchterschulen und Privatstunden Logik. Mathematik. Physik. Statistik. Ästhetik und Kalendermachen lernen ist es ihnen nicht zu verargen, daß sie über allen diesen hohen Künsten und stattlichen Wissenschaften vergessen, womit sie einst so süß zu Bett gebracht worden sind und wenn sie Mütter werden, nicht wissen, wie sie auch ihre Kleinen dem süßen Schlummer in die Arme legen sollen. Mit Kalendermachen und allen den andern freien und schönen Künsten geht es doch nicht so gut als mit den alten vergessenen Wiegenliedern wie erfahrne Wärterinnen berichten. Auch sollen die Kinder sich gar kläglich und unruhig gebärden, wenn ihnen die neuesten Opernarien vorgesungen werden, es ist noch nicht ausgemacht ob ihnen die Ohren oder das Herz dabei weh tut.

In die alten Wiegenlieder aber stimmen sie gern selbst mit ein und führen so ein Duett mit der Mutter aus, bei dem ein mütterliches Herz gewiß eine seligere Genüge empfindet als bei den köstlichsten Duetten unserer größten Opernsetzer. So mögen denn diese Schneeglöckchen Veilchen und Tausendschönchen aus dem Garten der Poesie durch Farbe Duft und Gestalt die Großen und die Kleinen noch lange erfreuen.

Lehrer aber, die vielleicht Bedenken tragen möchten von diesem Kindergärtlein in Klein Kinderschulen Gebrauch zu machen, mögen noch hier die Stimme eines Pädagogen vernehmen, dem Niemand Stimmfähigkeit absprechen wird.

Schwarz in seiner Erziehungslehre Th 2 Seite 309 sagt nämlich: “Aber was soll man mit dem Kinde sprechen ? Die Natur gibt es ja an die Hand. Sprich ihm fröhlich und spielend Silben, Worte, ganze Redensarten vor, es sei Verstand darin oder nicht. Du wirst bald sehen, ob Du das Kind damit unterhälst und daß der Unsinn doch für Dein Kind Sinn genug enthält, denn es hört einen geliebten Ton. Redselige Mütter, welche munter und drollig mit dem Kinde sprechen, wissen oft selbst nicht wie wohlthätig sie ihm sind. Ein verständiges Sprechen mit dem Kinde ist dagegen eher nachtheilig, denn es vermißt darin die Munterkeit des Spiels, es wird zum Ernste zu früh gewöhnt, es kommt um den Frohsinn und es wird so früh als möglich unwahr, weil die Natur gezwungen wird, mit Verstand aufzumerken, wo sie doch lieber noch mehr den bloßen Sinn beschäftigte und weil nun eine Menge Dinge gelernt werden, die das Kind beredet wird und wähnt zu verstehen, wovon es doch kaum den Wortschall recht gefaßt hat.

Was späterhin das Tiefe und Unbestimmte des Gefühls ist, das ist in den ersten Lebensjahren das, was nach dem Gesichte und Gehör verworrene und verflossene Eindrücke gewährt. Ein Kind, welches diese durchaus nicht leiden mag, wird wahrscheinlich einst mit einem gemeinen bürgerlichen Verstande auftreten, der nicht in der Welt anstößt aber es wird ihm an Innigkeit und Gemütsfülle fehlen.”

 

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Liederthema: Volksliedbücher
(1843)
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