Bedeutung des Spiels

A. Schlipköter (in: Was sollen wir spielen?)

Jean Paul sagt: »O, ihr alle, die ihr euch der Erziehung widmet, ich bitte euch, lernt mit Kindern spielen. Ihr werdet durch diese Übung drei wichtige Zwecke erreichen — die Kinder an euch ziehen und ihre Liebe und ihr Zutrauen erwerben, die Gabe, mit ihnen zu sprechen und sie zu behandeln, euch mehr zu eigen machen und Gelegenheit finden, in das Innerste eurer Kleinen zu sehen, da sie bei dem Spiel stets offener und freier handeln als in andern Lagen und sich mit allen ihren Fehlern, Schwachheiten, Einfällen, Anlagen und Neigungen zeigen, wie sie wirklich sind.«

Unter allen Freispielen sind die vielerlei Ballspiele diejenigen, welche auch besonders Erwachsenen angenehme Bewegung, Tätigkeit und Unterhaltung verschaffen; auch wirken diese Spiele allseitig auf Körper und Geist.

In welcher Weise kann man im Winter, wo es die Witterung oft nicht erlaubt, auch nur eine Stunde draußen zu verweilen, sich durch Spiel Erholung, Freude, Unterhaltung und Abwechslung verschaffen! Da sollten vor allem die Turnhallen und Tanzsäle dazu dienen, Bewegungsspiele aufführen zu können, wie die Ballhäuser im Mittelalter. Wenn manche von den Bewegungsspielen, welche für größere Plätze bestimmt sind, auch im Zimmer gespielt werden können, so ist diesem Bedürfnis noch nicht ganz abgeholfen.

Es ist ja selbstverständlich, daß Kinder und Erwachsene, wenn es an Wintertagen draußen schneit und stürmt, im kleinen, warmen Stübchen sich am wohlsten fühlen. Womit beschäftigt man aber an solchen ungemütlichen Wintertagen und an deren langen Abenden unsere Jugend? Da liest sie oft ganze Haufen von Geschichten, wodurch häufig genug die Phantasie zu stark angeregt wird und die Augen geschwächt.werden. Statt dessen sollte sie sich durchs Spiel eine Abwechslung verschaffen. Ist wirklich in dieser Hinsicht einmal ein Bedürfnis vorhanden, so greift man vielfach zu den Karten oder zu den Würfeln und spielt dann gewöhnlich noch um Geld, also um des Gewinns willen.

Solche Spiele sind keine Spiele mehr; sie befördern die Ehrsucht und Geldsucht und werden zur Leidenschaft. Überhaupt sind alle diejenigen Zimmer- oder Ruhespiele, welche Betrügereien und Arbeitsscheu hervorrufen, zu verwerfen und der Jugend ganz zu verschließen. Von den Ruhespielen sind die Rechenspiele und ähnliche, welche geringen oder gar keinen pädagogischen Wert haben, wenig ansprechend. Vielmehr.sind solche Spiele zu pflegen, welche zum Denken, Urteilen und Kombinieren anregen, ferner solche, welche die Hirntätigkeit, den scharfen Blick, ein gutes Gedächtnis, einen sicheren Griff, eine bewegliche Zunge und die Geistesgegenwart
verlangen.

So wie die Stimmung und Freude beim Aufenthalt im Freien durch das Spiel erhöht wird, so wird auch durch dasselbe Leben und Heiterkeit im engeren Familienkreis und in Gesellschaften hervorgerufen. Ich habe mich deshalb bemüht, auch einige derartige Spiele, welche von zwei Personen, von Gesellschaften, ja, von jung und alt ausgeführt werden können, in mein Büchlein aufzunehmen. Es wäre ja auch in unserer Zeit wohl angebracht und wünschenswert, daß besonders die Erwachsenen sich mehr und mehr dem harmlosen Spiele zuwendeten. Möchte auch im häuslichen Kreise das Spiel wieder mehr zu Ehren kommen, auf daß Eltern und Kinder, Alte und Junge, Gäste und Gesinde sich wie ehedem nach getaner Arbeit dann und wann um den Familientisch versammeln, und ein fröhliches Spiel treiben, anstatt im Theater, im Konzert- oder Tanzsaal ihren Aufenthalt und ihr Vergnügen zu suchen und zu finden. Da, wie wir gesehen, die Bedeutung der Spiele eine allseitige ist, so hat auch ein jeder von uns die Pflicht, sie zu pflegen, zu fördern und zu unterstützen, auf dass unserm Volke Gesundheit, Heiterkeit und Moral erhalten bleibe.

Quelle: Was sollen wir spielen? S. 5-13

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