Krieg und Gesangunterricht


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Es würde zu weit führen, hier den Unterschied von Kunst- und Schulgesang zu erläutern, nur soviel sei gesagt, daß auch der Schulgesang nichts lehren und ausführen soll, was gegen die Gesetze des Kunstgesanges verstößt.

Die neuen Lehrpläne, durch die eine außerordentlich unfruchtbare Methode des Schulgesangunterrichts zum Abschluß gebracht werden soll, legen entscheidenden Wert auf die Methode des Unterrichts. Sie fordern einen systematischen, die Selbständigkeit des Schülers fördernden Unterricht, der auf Singen nach Noten, Stimm- und Tonbildung mehr Zeit verwendet als auf das sinnlose Einüben von Volksliedern und Chorälen. Wir hoffen dadurch das Singeelend eher zu beseitigen, als durch den geistlosen Singedrill.

Unser Soldat, dem man die Liederarmut zum Vorwurf macht, überhaupt unsere gesamte Jugend, die lieber Gassenhauer als Volkslieder singt, hat zum überwiegendsten Teil einen Gesangunterricht genossen, der es als einzige Aufgabe betrachtete, eine möglichst große Anzahl von Volksliedern und Chorälen „einzudrillen“. Acht Jahre lang wurde in der Gesangsstunde weiter nichts getan als mit der Fiedel in der Hand ein Volkslied nach dem andern gesungen, im 8. Schuljahr genau dieselben Anforderungen an die Geistestätigkeit der Schüler stellend wie im 1. Jahre. Und welches war der Erfolg dieser für die Erwerbung eines Liederschatzes scheinbar so trefflichen Methode? Die Liederarmut, über die heute so lebhaft geklagt wird! Die Kriegszeit, in der die Liederarmut auch dem Laien zum Bewußtsein gekommen ist – dem Sachverständigen war sie schon vorher bekannt -, hat den untrüglichen Beweis geliefert, daß der Schulgesangunterricht bisher in falschen Bahnen wandelte,daß durch mechanisches Liedersingen dem Singelend nicht abgeholfen werden kann.

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Volkslieder-Thema: Lied und Erster Weltkrieg
Liederzeit: (1918)
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