Singe wem Gesang gegeben

Singe, wem Gesang gegeben
in dem deutschen Dichterwald
Das ist Freude, das ist Leben
wenn´s von allen Zweigen schallt
Nicht an wenig stolze Namen
ist die Liederkunst gebannt
ausgestreuet ist der Samen
über alles deutsche Land

Deines vollen Herzens Triebe
gib sie keck im Klange frei
Säuselnd wandle deine Liebe
Donnernd uns dein Zorn vorbeil
Singst du nicht dein ganzes Leben
Sing‘ doch in der Jugend Drang
Nur im Blütenmond erheben
Nachtigallen ihren Sang

Kann man’s nicht in Bücher binden
Was die Stunden dir verleihn
Gib ein fliegend Blatt den Winden
Muntre Jugend hascht es ein
Fahret wohl, geheime Kunden
Nekromantik, Alchimie
Formel hält uns nicht gebunden
Unsre Kunst heißt Poesie

Heilig achten wir die Geister
Aber Namen sind uns Dunst
Würdig ehren wir die Meister
Aber frei ist uns die Kunst
Nicht in kalten Marmorsteinen
Nicht in Tempeln dumpf und tot;
In den frischen Eichenhainen
Webt und rauscht der deutsche Gott

Text: Ludwig Uhland (1813)
Musik: Christian Schulz. Böhme schreibt: „Im Original haben die drei Noten unter * einen Punkt, darauf folgende Achtelnote; das ist für richtige Phrasierung und guten Textvortrag verfehlt. Die beiden Noten 2.1 hab ich umgestellt und zwei darauf folgende, unmotivierte Zweiunddreißigstel, welche den Melodiefluß stören, getilgt.“
Die bekannteste Melodie ist von Josef Hartmann Stuntz („Auf ihr Brüder lasst uns wallen“)

Weitere Melodien von Felix Mendelssohn-Bartholdy, Friedrich Schneider

Uhland schrieb den Text zur Eröffnung der Zeitschrift „Deutscher Dichterwald“, herausgegeben von Justinus Kerner, Uhland u. a. in Tübingen. Die vorletzte Strophe wurde nicht gesungen („Kann man’s nicht in Bücher binden“) . „Singe wem Gesang gegeben“ wurde in der Vertonung von Josef Hartmann Stuntz überaus populär. Besonders die Nachdichtung „Auf ihr Brüder laßt uns wallen“ war bekannter als das Original.

"Singe wem Gesang gegeben" in diesen Liederbüchern

in: Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895, Schulz) —  Albvereins-Liederbuch (ca. 1900, Stuntz ) — Der freie Turner (1913, dort auf die Melodie “ Auf ihr Brüder laßt uns wallen“ von Stuntz) – Wander-Liederbuch (1927) —

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