Die Nationalhymnen hatten verstummen müssen, das Zusammengehörigkeitsgefühl suchte sich in Provinzialhymnen Ersatz zu schaffen, welche, da sie keinen politischen Charakter tragen durften, die Vorzüge der besungenen Provinz verherrlichten. Andere Lieder verdanken dem Umstände ihre Entstehung, daß bei provinziellen Veranstaltungen sich der Mangel einer neben der deutschen Nationalhymne gesungenen Heimathymne geltend machte. Auch literarische Einflüsse wurden von Bedeutung. Die Heimatkunst begann in der Literatur, insbesondere in der literarischen Prosa einen immer breiteren Raum einzunehmen. Mit großem Nachdrucke betonte sie die Sonderinteressen, die Stammeseigentümlichkeiten der deutschen Volksstämme, Landschaften und Gaue, die in dem alles nivellierenden Zeitalter der Industrie und des aufblühenden Kapitalismus ihre Eigenart zu verlieren drohten. Begünstigte die Heimatkunst die Entstehung neuer Heimathymnen, so setzte eine andere Zeitströmung die Schaffung solcher Lieder geradezu auf ihr Programm. Wie das allmähliche Schwinden der Stammesart, so ist es eine traurige Tatsache unserer Zeit, daß auch bei der Landbevölkerung die Liebe zur Scholle mehr und mehr verloren geht. Da nun behördlicherseits der enge Zusammenhang von Vaterlands- und Heimatliebe längst erkannt ist, so haben in den letzten Jahrzehnten Versuche Platz gegriffen, dem Volke die Liebe zur engeren Heimat zu suggerieren. Ganz besonders zahlreiche Versuche nach dieser Richtung hin wurden in dem Kolonisationsgebiete der deutschen Ostmark unternommen. Sie haben eine starke Heimatliteratur gezeitigt. Ihren Zwecken wird besonders das Lied, vor allem das Schullied dienstbar gemacht.

Alle diese Gründe erklären hinreichend die große Zahl der nach 1870 entstandenen Heimathymnen, die in Schulen,
auf Volksfesten, in Gesangvereinen zum Vortrage gelangen. Volkstümlich in dem Maße wie die Lieder der vierziger Jahre sind sie nicht geworden. Schon die Überproduktion hindert das Populärwerden der einzelnen. Dazu kommt, daß sie musikalisch tiefer stehen als die früheren Heimathymnen, da auf musikalischem Gebiete in den letzten Jahrzehnten die Schaffung wirklich volksmäßiger Weisen nachgelassen hat. Vielleicht ist der letz- tere Umstand zu dem Niedergange des deutschen Männergesanges in Beziehung zu setzen. Von der literarischen und künstlerischen Wirkung der Heimathymnen im allgemeinen wird im letzten Kapitel die Rede sein

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