Klaus Störtebeker und Gödecke Michels

Lied über die Vitalienbrüder vor 1550

Volkslieder » Raub-Mord-Totschlag

Klaus Störtebeker und Gödecke Michels

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Störtzenbecher und Gödeke Michael
die raubten beide zu gleichem Teil
zu Wasser und auch zu Lande
bis dass es Gott im Himmel verdroß
dess mußten sie leiden grosse Schande

Sie zogen für den Heydnischen Soldan
die Heyden wollten eine Wirtschaft han
sein Tochter wollt er beraten
Sie rissen und krischen wie zween wilde Bärn
Hamburger Bier trunken sie gerne

Störtzenbecher sprach sich allzuhand
die Wester See ist mir wohl bekannt
daß will ich uns wohl holen
Die Reichen Kaufleut von Hamburg
sollen uns das Gelag bezahlen

Sie liefen Ostwärts neben das Leik
Hamburg Hamburg nun tu deinen Fleiß
an uns kannst du nichts gewinnen
Was wir bei dir auch wöllen tun
das wöllen wir jetzt beginnen

Und das erhört ein schneller Bot
er war von einem klugen Rat
kam gen Hamburg eingelaufen
er fragt nach des ältest Bürgermeisters Haus
den Rat fand er zuhausen

Mein liebe Herren all durch Gott
nehmt diese Red auf ohne Spott
die ich euch will verkünden
Die Feindligen euch gar nahe hierbei
sie liegen am wilden Hafen

Die Feind liegen euch für der Tür
des habt ihr Herren zweier Kür
Sie liegen da an dem Sande
Laßt ihr sie wieder von hinnen ziehn
dess habt ihr Hamburger Schande

Der älteste Bürgermeister sprach zuhand
gut Gesell du bist uns unbekannt
wobei sollen wir dir glauben
Das sollt jhr Edle Herren tun
bei meinem Eid und Treuen

Ihr sollt mich setzen aufs Kasteel
So lang bis ihr eure Feinde seht,
Wohl zu diesen Stunden
Spürt ihr denn einig Wanken an mir
So senkt mich gar zu dem Grunde

Die edlen Herren von Hamburg
Gingen zu Segel wohl mit der Flut
Hin nach dem neuen Werke
Vor Nebel konnten sie nicht sehen
So dunkel waren die Wolken

Die Sonn brach durch, die Wolken wurden klar
Sie fuhren fort und kamen dar
Großen Preis wollten sie erwerben
Störtzenbecher und Gödeke Michael
Die mußten darum sterben

Sie hätten ein Hülk mit Wein genommen
Damit waren sie auf die Wiesen kommen
Dem Kaufmann da zu Leide
Die wollten damit in Flandern reisen
Aber sie mußten davon scheiden

Hört auf ihr Gesellen, trinket nun nicht mehr
Dort laufen drei Schiff in jener See
Uns grauset für der Hamburger Knechte
Kommen uns die Hamburger ans Bord
Mit ihnen müssen wir fechten

Sie brachten die Büchsen wohl an die Bord
Zu allen Schüssen gingen sie fort
Da hört man die Büchsen klingen
Da sah man so manchen stolzen Held
Sein Leben zum Ende bringen

Sie schlugen sich drei Tag und Nacht
Hamburg die war darauf bedacht
Wohl zu denselben Stunden
Das uns ist lang zuvor gesagt
Das haben wir jetzt befunden.

Die bunte Kuh aus Flandern kam
Wie bald sie das Gerücht vernahm
Mit ihren starken Hörnen
Sie gingen herbrausen durch die wilde See
Den Hollick wollte sie verstören.

Der Schiffer sprach zum Steu’rmann:
Treib um das Ruder zum Steur-Bord an
So bleibt der Holck bei dem Windel
Wir wollen ihm laufen sein Kasteel entzwei
Das soll er wohl befinden

Sie liefen ihm sein Vor-Kasteel entzwei
Traun, sprach sich Gödeke Michael
Die Zeit ist nun gekommen
Dess müssen wir fechten um unser beider Leib
Es mag uns schaden oder frommen

Störtzenbecher sprach sich allzuhand
Ihr Herrn von Hamburg tut uns kein Gewalt
Wir wollen euch das Gut aufgeben
Wollet ihr uns stahn vor Leib und Gesund
Und fristen unser junges Leben

Mein Herr, sprach sich Herr Simon van Utrecht
Gebt euch gefangen all auf ein Recht
Und laßt euch nit verdrießen
Hätt ihr dem Kaufmann kein Leid getan
Deß werd’t ihr wol genießen

Da sie nun auf die Richtstätt kamen
Nit viel Guts sie da vernahmen
Sie sahen die Köpfe stecken
Ihr Herren, das sind unsere Mit-Compan
So sprach sich Störtzenbecher

Sie wurden gen Hamburg in die Haft gebracht
Sie saßen da nicht länger als eine Nacht
Wohl zu denselben Stunden
Ihr Tod ward also sehr beklagt
Von Weibern und Jungfrauen.

Ihr Herren von Hamburg, wir bitten nur ein Bitt
Die mag euch zwar beschaden nit
Und bringen euch auch kein Quade,
Dass wir mögen den Trovenberg hingahn
In unserm besten Gewade

Die Herrn von Hamburg täten ihn‘ die Ehr
Sie ließen ihn‘ Pfeifen und Trommeln vorgehn
Sie hätten es erkoren
Wären sie wieder in der Heidenschaft gewest
Sie hätten es lieber entboren

Der Scharfrichter hieß sich Rosenfeld
Er hieb so manchen stolzen Held
Mit also freiem Mute
Er stand in feinen geschnürten Schuh
Bis an die Enkel im Blute

Hamburg, Hamburg, des geb ich dir den Preis
Die Seeräuber werden es nun weis
Um deinetwillen müssen sie sterben
Des magst du von Gold ein Krone trag’n
Den Preis hast du erworben

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 233)

Das berühmte Lied auf zwei 1402 gefangene und zu Hamburg enthauptete Seeräuber, Störtebeker und Gödje Michael, war ursprünglich in niederdeutscher Sprache abgefasst, ist uns aber bloß in hochdeutschen Texten erhalten.

Die Melodie (d. h. der lange gesuchte, zu andern Liedern im 16. Jahrhundert angeführte .Störtebekerton“) hat sich endlich gefunden. Sie ist aus Fabricius‘ Liederbuch … 1603 zu Rostock geschrieben) zuerst mitgeteilt durch Dr. Bolte im Jahrb. f. niederd. Sprachenforschung 13. Bd. Musikbeil. I. Danach hier. Eine sehr ähnliche Fassung bringt ein Fragm. bei M. Franck.“Fasc. quodlibeticus 1615, das ich im Altd. Liederb. Nr. 366 abdrucken ließ. Meine Vermutungen dort, auf andere damals übliche Singweisen gerichtet, sind damit abgetan. — Der Melodie hat Fabricius blos das Anfangswort „Störtenbeker“ beigeschrieben; wir haben zur Ergänzung das Textfragment von 1609 unter die Noten gesetzt. (Böhme im Liederhort)

Geschichte dieses Liedes:
Liederthema: , ,
Liederzeit: (1550)
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Anmerkungen zu "Klaus Störtebeker und Gödecke Michels"

Das Lied ist durch seine hohe Lebensdauer merkwürdig. Jedenfalls bald nach der hist. Tat 1402 gedichtet, wurde es im 16. und 17. Jahrhundert vielfach gedruckt und bis auf die Neuzeit (1840) noch gesungen: Auf der Insel Rügen hörte es Lappenberg (s. Zeitschr. d. Vereins f. Hamb. Gesch. II, S. 43) noch singen und kleine Bruchstücke wurden in Friesland gehört, die Möhlman a. a. O. mitteilt. —

Nur die Anfangsstrophe des Urtextes ist gerettet durch ein späteres Lied auf den Überfall in Aurich 1609 (Abdr. bei Hildebrand, hist. VL. Nr. 43). Dieser Druck von 1609 hat die Überschrift : „Der alte Hamburger Störtebeker verändert und auf die jüngst zu Aurich begangene Landfriedbrüchige Tat bezogen.“

Störtebeker und Godeke Michael
de roveden beide to glikcn deel
To water und to lande
So lange dar idt Gott von Hemmel verdroth
Do mosten se liden grote schande

Ausführliches über die dem Liede zu Grunde liegenden historischen Ereignisse im Jahr 1401 und ihr Fortleben in der Sage findet man bei Koppmann, Hansische Geschichtsblätter, 1877, S, 35 — S8. Auch in Mitteilungen des Vereins f. Hamb. Gesch., 1882 und 83; L. Frahm und F. Sundermann, „Klaus Störtebeker in Sang und Sage“, Hamb. 1885. Hier sei in Kürze nur folgendes bemerkt:

Während des Kriegs der Hansestädte mit den nordischen Reichen, zu Ende des 14. Jahrhunderts, gabs ein Haufe Abenteurer zur See, welche die Zufuhr von Lebensmitteln (Victualien) für die Kriegspartei besorgten und daher Vitalienbrüder genannt. Nach dem Frieden trieben sie sich als Seeräuber und Feinde beider Teile auf dem Meere umher; besonders waren es ihre beiden Hauptleute Klaus Störtebeker und Gödeke (Gottfried) Michel, welche die Seefahrer in Schrecken setzten. Störtebeker wurde im Jahr 1402 von den Hamburger Schiffen, die gegen ihn die Elbe hinabgefahren waren, nebst 70 seiner Gesellen bei Helgoland gefangen, nach Hamburg gebracht und hier auf dem Grasbrook enthauptet. In Friesland, wo er mit seiner Flotille die bereitwilligste Aufnahme und Unterstützung gefunden, hat die Sage über ihn sich lange erhalten. — Die übernatürlichen Kräfte des verfehmten Seeräubers Klaus Störtebecker werden in der Sage auf die Einwirkung seines Vaters — des fliegenden Holländers — zurückgeführt,

Worterklärungen:

  • 1 .1 Das Ambraser Liederbuch: Störtzenbecker, also eine andere Mischung von hochd und noch anders Canzler: Störtebecher, doch 19.1 Stürzebecher, Goldecke wohl nicht Druckfehler Ambraser Liederbuch; Gödeke, Möhlm Gödiche, Canzl Gödte
  • 1 2 Ambr Czl zu gl th auch der Schüttensam und seine Leute wagen es auf ainen gleichen tail der Beute Uhl 347 ziemlich dass ist bescheden del Uhl 537.538 Stortebeker und die Seinen hießen davon Likedeler
  • 2 2 Die Vitalienbrüder erstreckten ihre Züge bis Spanien, ein maurischer Fürst wird hier gemeint sein
  • 2 3 berathen ausstatten verheiraten vgl Grimms Wörterb 1 1487 – 2, 3 seine Tochter verheiraten ; es war ein Hochzeitsfest, an welchem die Seeräuber Teil nahmen und sich gütlich taten im Biertunken und dabei sich balgten und schrien.
  • 2 4 von kreischen braucht Jung Stilling Leben das Prät kriesch Schmeller 2 395 gibt vom Mit telrhein das Part gekrischen Czl rissen und splissen Möhlm sie rissen sie spl Das Brem Wörterb hat 5 297 wreussen ringen balgen 3,507 een rechten riet un spliet einer der viel Kleider zerreißt ein toller Junge ritt Zank Schlägerei Vom Hochzeitfest profitieren die Räuber nach ihrer Weise oder meinte das reißen Possenreißen und die Räuber wären beim Sultan gern gesehene Gäste vergl 24 4
  • 3 2 Nordsee auch Scheible flieg Blätter S 12 die Wester See a 1607 –   Westersee, Nordsee.
  • 3 3 daß das H Bier
  • 4 1 Czl langst des Lick
  • 4 4 Czl bey ihr Ambr bey dir auch was auch ist das mhd swaz bei in feindl Sinn vgl Grimms Wb 1 1352 unchristlich bei einem handeln
  • 5 5 beisammen
  • 6 5 Czl an wilder Have
  • 7 1 Czl hart für
  • 7 2 Möhlm Ambr Czl zweyer kür Wahl zweier Dinge da ein zweites nicht bestimmt genannt wird gemeint jedoch
  • 7 4 misverstand wol der Herausg v 1599 habt das zu eurem Ermessen freilich des dann unpassend
  • 8 5 Ambr Trewen obiges ist mehr eine mitteld Form die auch nd sich findet der Herausg suchte die Reime zu bessern
  • 9 1 Czl Vorkastel des Schiffes thurmartiger Aufbau ebenso ein Hinterkastell das man ja im Scherz am menschl Körper beibehalten hat
  • 10 4 Ambr von N alterthümlicher ebenso nicht
  • 10 5 Möhlm Czl schwercken das ist das origin Wort dunkle Wolkenmasse merkw auch in einem Nürnb Liederb v 1602 Hoffmann v F die D Gesellschaftslieder S 111 angels sveorcian alts suuercan verfinstern vgl Brem Wb 4 1132
  • 11 1 Czl die Schwercken brachen d
  • 12 2 Czl Weser Ambr wiesen Der Kampf war vielmehr bei Helgoland Gödeke ward bei diesem Kampfe noch nicht gefangen auf Weser und Ems war aber früher gegen sie gekämpft worden
  • 13 2 Ambr Czl jener
    13 4  Ambr die von Hamburg
  • 14 1 die Bort plur
  • 14 2 fortgehn unser jetz losgehn nicht ein Schuß versagte was in der Kindheit des Geschützwesens wol etwas Außerordentliches war
  • 15 2 Möhlm Czl Hamborg dir war ist ein böses bedacht gedacht dem Orig näher die Hamburger selbst reden
  • 16 1 das Schiff Simons von Utrecht
  • 16 2 Gerücht eig Gerüfte Geschrei hier im eig Sinn
  • 17 1 auf der bunten Kuh Czl Schipffer
  • 17 2 seltsamer Fehler Czl zur Stürbort Ambr sturbort Steuerbord
  • 17 3 Ambr winden
  • 19 3 das geraubte
  • 20 2 alle auf gleiches R näml das Recht der Seeräuber
  • 20 4 Ambr Hett jr schlechter dem Kauffman
  • 21 2 vernamen di bemerkten sahen s zu Nr 6 10 Zu mehrern Malen vorher waren schon Vitaliner auf dem Grasbrook hingerichtet worden die Köpfe blieben stecken auf Pfählen längs der Elbe
  • 22 1 Ambr hacht Möhlm Hechte Vgl die Theilnahme die Kniphof findet Nr 19 48 Bei seefahrenden Völkern galten häufig Seeräuber als Helden wie das auch Landräubern widerfahren ist in civilisierter Zeit In Smyrna wie Reisende erzählen hört man in der Griechenstadt im Hafen in Kaffeehäusern Lieder auf Seeräuber singen oft auf dieselben mit denen die türkische Polizei eben in Kriegszustand lebt
  • 23 2 Ambr nit wie meist
  • 23 3 5 sind im Druck verstellt 4.5 3 quad bös schlimm nd Ambr Trovenberg gewande Möhlmann trawren berg
  • 24 3 sichs erwählt ausgebeten
  • 24 5 dieser Ehre entboren Prät entbar die rechte alte Form
  • 25 2 Czl hawde
  • 25 3 Ambr frischem frech hatte nicht den bösen Nebensinn wie jetzt
  • 25 5 Enkel Knöchel engl ankles Uhl 404 von einem Kampfe Dar moste man went bis över de scho In dem blode waden 515 Im blut musten wir gan Biß über die schuch 518 biß eim rinnts blut in dschuch 547 het bloet liep over haer voeten Antwerp Liederb v 1544 Nr 195 6 Hor belg 11,300 Veel vanden boeren sachmen als dan Het bloet over die schoenen vlieten Ebenso in den Prophezeiungen von Kaiser Friedrichs Wiederkehr
  • 26 2 eines Dinges ein D weise werden es gut kennen lernen noch jetzt thür daher falsch einem etwas weiß machen vgl Schmeller 4 177
  • 26 1.5 gleichs den Habedank im Turnier

Die Legende von Störtebeker ist seit den 1550er Jahren in 26 Strophen überliefert. Eine Melodie dazu findet sich aber erst Anfang des 17. Jahrhunderts in dem Lauten- und Liederbuch des Rostocker Studenten und späteren Pastoren Petrus Fabricius. „Den bis jetzt ältesten Text gab Möhlmann a a O aus einem fliegenden Blatt um 1550“, Lied über Klaus Störtebeker, nach Deutsche historische Volkslieder (Soltau), 1856, 2. Band, Nr. 1

"Klaus Störtebeker und Gödecke Michels" in diesen Liederbüchern

Hochdeutsche Drucke des Stortebekerliedes haben wir folgende-

  • a) Fl. Bl. um 1559: .Ein schön Lied, Von Störtzebecher und Gödiche Michael. Wie sie so schendtlich geraubt haben.“ (4 Bll. 8° mit Holzschnitt). Mitgeth. von Möhlmann im Archiv für friesische-westfäl. Geschichte, Leer 1841. I, S. 47. Benutzt von Liliencron, hist. VL. Nr. 44. —
  • b) Fl. Bl. Nürnberg, Val. Newbr. (um 1550). K. Bibl. Berlin Vä 8860. —
  • c) Fl. Bl. Erffordt bey Jacob Singer. Verl. Bibl. 8865. —
  • d) Fl. Bl. Augsburg, Val. Schönigk um 1580 (von Weller, Ann. II. 354).—
  • e) Fl. Bl. Magdeburg, Wilh. Roß, (c. 1600). f. Weller I, 125. —
  • f) Fl. Bl. Erfurt 1598 (Abschr. in Erks Handschriften, 20. Bd., S. 160. —
  • g) Ambraser Liederb. 1582, Nr. 215; danach altd. Liederb. —
  • h) Franks. Liederb. 1599. Abdr. bei Hildebrand Nr. 1 .
    Alle diese Drucke find nur in wenig Worten abweichend. —
  • i> Venusgärtlein, Hamb. 1659. Daraus bei Canzler und Meißner, Vierteljahrsschr. für ältere Litteratur 1784, II. Jahrg. S. 167. Mit willkürl. Abänderungen im Wunderh. II, 162 sa. A. II, 167). —

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