Störtebeker (Überfall von Aurich 1609)

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„Der alte Hamburger Störtebeker verändert und auf die jüngst zu Aurich begangene Landfriedbrüchige Tat bezogen.“

Störtebeker und Godeke Micheel
De roveden beide tho gliken deel
Tho water vndt tho lande
So lange dat idt Gott vom hemmel verdroth
Do mosten seliden grote schande

Euen also vnd mit gelikem pries
Heben de Fresen recht vp rouers wies
Bestolen ehren eigenen Heren
Tho Aurigk vpm huese vnd in der Statt
Tho ewigen schanden vnd vnehren

Sewern ehrn Heren mit schulden hoch verplicht
De se in vel Jaren betalen konden nicht
Do lepen se als dulle hunden
Van Embden na Aurich vor de Port
Dar se keine viende funden

Roueden aldar und drogen alle wech
Nichts waß tho schwar licht noch so schlecht
Se stolent alle mit schanden
Ihres Heren Dener schlogen noch bartho
Und nehmen de Räthe gefangen

Dat hebben all gedaen des landes Collectorn
De dar den gemeinen Man verleiden und verfören
und bringen in verderf und noden
Se werden ook geschunden bes up den gradt
Von ehren eigenen Ludenn

Wiltu nu wethen duße Rouers quaet
De bar bedriuen duße bose daet
Ick sall se dy alle vertellen
Wo se schinden und schauen dat ganze landt
Mit allen ehren gesellen

Schwer van Dehlen und Jost Grimersum
Schotto van Aphues und Enno van Midlum
Dusse vehr sint ut dem Adel
Und so se noch schinden ummer so vorth
So maken se uns gar to Schlauen

Abbo Remeß unde Focke Crumminga
Heinrich Fuers und Otto Loringa
Dusse vehr sint uth den Stetten
Darbey finden sick der bueren acht
Darunter sint twe geden

Abbo Folrichs vnd Hero Boienna
Wileff Circs und Hero Ankenna
Dat sint vehr lose bonenn
Darbey gehoeret der Hellebrandt
Dartho oc Hewe Vden

Darnegst so folgen de beide Narren ock
Wo de dar springen und dantzen mit gesang
Sualrich Schatteborgen
Mit enem oge und Luwert Claeß
Den Narren holt de verborgen

Recht twe mal achte Sestein euen sint
Legge dar noch twe by vnd rekene dan tom endt
So hesstu der bouen achteine
Neinolot Reiners einer ist daruan Gecke Gerdes ock Violeine

Merke doch recht du Junge Fresenkindt
Ist nicht din Vader gewesen dull und blint
De duße bouen hefft erkaren
To schatten to schinden dat gantze landt
Verdrucken ock die Armen

in: „Einhundert Deutsche Historische Volkslieder“, II, 1856

Liederthema:
Liederzeit: (1609)
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Anmerkungen zu "Störtebeker (Überfall von Aurich 1609)"

Worterklärungen

  • 2 3 Das ganze Schloß war bis auf die Tapeten ausgeräumt worden der Schaden wurde nach Zehntausenden Thlr berechnet
  • 2 4 Haus als Schloß, Burg althergebracht
  • 3 5 Die Bürger waren von den Wällen gegangen um auf dem Markt über die angetragne Capitulation mit zu stimmen
  • 4 1 alle, ausgedehntes al, alles
  • 4 4 Bürgermeister Bolo Hayen ward „durchgeprügelt“
  • 5 1 doch wohl, was Wiarda die „landschaftlichen Ordinar-Deputierten und Administratoren“ nennt Repräsentanten der Stände, sie hatten sich mit den Emdenern gegen den Landtag erklärt
  • 5 4 bis auf den Grat (Gräte), wörtlich vom Fisch, schon mhd „unz ûf den grât“, bis auf den Knochen merkw. das halbhochd. bes für bet, wenn es nicht vom Drucker herrührt, wie andere hochd. Anklänge
  • 6 4 schinden und schaben, alte Aliterationsformel für diese Tätigkeit, die Stegreifritter des 15 Jh. aber stellen mit Selbstgefühl ihr Wegelagern dem heimlichen Schinden und Schaben der Duckmäuser entgegen, oben S. 191, Solt. 299, „sie schabents gelt von leüthen und nement gute pfandt“, schinden aber auch eben vom Geschäft der Straßräuber „so ließen sie auf der straßen ihr schinden“ Rosenplut bei J. A. Göz, Auswahl von Hans Sache, 3, 157. —  G Schambach: die plattd Sprichwörter der Fürst. Göttingen und Grubenhagen S. 92 „schinnen un schaben geit beter asse hacken un graben“
  • 7 1 Sonst herrscht in diesen Liedern eine eigne Scheu Namen zu nennen daher die häufige Auskunft Ich brauche sie nicht zu nennen ,  Ihr kennt sie alle recht wol Man weiß wol wer er ist oder so um so gewichtiger ist dieser Seeräuberkatalog auf den eigentlich das Lied angelegt ist
  • 7 5 Schlaven Sclaven und Slaven beides zugleich eig „kriegsgefangner Slave“. Diez etymol Wörterb der rom Spr 308. In einer polit Flugschrift 1628 in Sachen Stralsunds, die General Arnheims Verlangen an die Stadt kaiserliche Einquartierung aufzunehmen ins rechte Licht stellt, heißt es, die freien Snder sollten damit ihre „Schlüssel zu Kirchen und Toren, in Summa sich Spanier und Bapst zu Slaven offerieren. In Leipzig war am 2 Febr 1702 ein Anschlag am Schwarzen Brett, eine agitatorische Ansprache an die Studenten, beginnend (Bibl der Deut schen Gesellschaft zu Leipzig):
  • Du werthes Volck das Gott zur Freyheit selbst erkohren
    Das Keyser König Fürst stets hat für frey geacht
    Das nicht in Wenden ist und Sclaverey gebohren
    Das sich durch Klugheit selbst und Kunst hat frey gemacht

    J.H Voß in den Anmerk zu seiner 2 Idylle 1825 4 189 indem er von der Leibeigenschaft in Pommern und der Nähe spricht, die Leibeigenen selbst nennen ihren Zustand Sklaverei, nicht aus der Buchsprache und der urspr deutsche Freibauer verachtet sie also in urspr slavischen Gegenden Sclaverei Slaventhum und umgekehrt. Was wendisch noch vor hundert Jahren hieß, zeigt der Franzosenaffe Hr Simon in Gellerts Loos in der Lotterie 3 3:   „Ich weis nicht, es klingt im Deutschen alles so hölzern, man kann in dieser Wendischen Sprache gar keinen charmanten Gedanken anbringen, die deutsche Sprache ist zur Fuhrmannssprache gebohren“ vgl Lessings 65 Literaturbrief bei Lachmann 6 183

  • 8. 5 geck, das hochd gauch Gukuk ,Narr, der über seinen Stand hinauswill, mhd gouch, Geck und Gauch scheinen wirklich dasselbe Wort zu sein, man fühlte es wenigstens so, denn in einem Erfurter Spottlied auf die Lutherischen, bei Haupt 8 338, reimt „geile pock und stincket geck, seint bodie, achten sich ihre (der Mutter Gottes) gleich, geck: gleich, übersetzt aus hochd: gäuch gleich Geck, gecken hat aber schon Fischart ja einmal schon S Brant 76 1 neben dem herrschenden gouch 1 Zarnack SL u XLVIII. Eine vermittelnde Form scheint geck ebend S CXXVa ,  anderseite findet sich nd gôk (rôk) bei Mone Schausp des Mittelalters 2 57
  • 9 4 Hildebrand zugleich aber Höllenbrand hat Gregor VII diese noch häufige Auslegung veranlaßt
  • 10 1 Narren mank darunter
  • 10 5 Holt d i holdet mhd haltet hält man behandelte den Narren als ein dämonisches Individuum für sich das den Menschen heimsuchte und ihm bei wohnte ihn in den Nacken schlug aus ihm herausgukte us w vgl Zarnack zu Brant S XLIX
  • 12 3 gedr erforen
  • 12 4 schatten dhaßen ogl brandschaßen

Mitgeteilt von Petersen und Lappenberg in der Zeitschr. des Vereins für Hamburg. Gesch. 2, 595, aus einer polit. Flugschrift: »Apologia, d.i. Wahrhafte Verantwortung des Ostfries. Bauren Dantzes u. s. w. durch Abbo Ennen. Gedr. zu Emden, d. J. H. Langebarth.. Dieser Mitteilung verdanken wir der Wichtigkeit  der ersten Strophe des Liedes, die wenigstens ein Bißlein des originalen Stoertebekers gerettet hat.

Doch hat das Lied für sich hohen Wert; der Fall ist einzig, dass das Original, dessen musikalischen Rahmen der Dichter entlehnt, in der ersten Str. wie gewöhnlich nicht parodisch umgesungen wird, sondern mit Haut und Haaren wie es ist vorangestellt, um die Melodie des Liedes und die darein verwachsene Stimmung und Gemütslage sicher zu haben für den vorliegenden Fall.

Der gräflich gesinnte Dichter macht in seinem Zorn aus den Friesen, deren Häupter er ja mit Namen herzählt, Seeräuber, ja Störtebekers und Godeke Michaels, die jeder von Jugend auf kennen lernte als Ausbund aller Seeräuber, d. h. als das schlimmste Ungeziefer, das es für eine Seehandelsstadt geben kann. Die bloße Mel. genügte nicht mehr zu dem Zweck, denn darin wurden schon lange auch viele andere Lieder gesungen. Es war das
das äußerste Mittel des Parteihasses in den Schranken der Poesie. —

Zwischen dem Grafen von Ostfriesland, Enno III. und der stolzen Seestadt Emden waren langjährige Zerwürfnisse im Gange, der Haß der Parteien ging schon bis zum Schimpfen in den amtlichen Schriftstücken; der Graf hatte einen Landtag zur Ausgleichung ausgeschrieben auf den 11. Sept. 1609, aber in zum Teil widerrechtlichen Formen, in gehässiger Sprache und, was der mächtigsten Stadt Emden am meisten zuwider war, nach seiner Residenz Aurich.

Die Emdener verboten die Teilnahme an dem „Schandtag“, drohten sogar sie als Friedensstörung und Verrat zu behandeln. So erschien denn niemand als ein paar aus der Ritterschaft, von den Emdenern aber 600 Bewaffnete, die Aurich einschlossen und unter seltsamen Umständen erstürmten. Darauf Plünderung in den Häusern der Gräflichen und besonders im Schloß, dies jedoch ohne Auftrag der Emdener. S. Wiarda, Ostfries. Gesch. Z, 556 ff.

 

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