Die deutsche Flotte (1908)

E. Hölzel (in: Reden und Ansprachen bei Schulfeierlichkeiten)

Aber von dem Hintergrunde dieses düstern Krieges hebt sich leuchtend die Gestalt eines kraftvollen Fürsten ab, der in dem Trümmerfelde des alten Deutschen Reiches den Grundstein legt zu unserm neuen Reichsbau und, gewiß nicht zufällig, auch den Gedanken an Macht und Größe   zur See wieder aufnimmt: die Gestalt des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg. Als Jüngling hatte er längere Zeit in Holland gelebt, das damals ein blühender Handelsstaat war, groß vor allem durch Benutzung der See und des Verkehrs, den sie nach außen hin eröffnete. Für das scharfe, offene Auge des Jünglings eine nicht verlorene Lehre: er hatte erkannt, daß Handel und Schiffahrt auch einem kleinen Staate Macht und Reichtum geben können, wenn er durch eine starke Flotte geschützt wird. In ihr sah er eines der Mittel, seinem Staate, der durch den unseligen Krieg verödet und verarmt war, wieder aufzuhelfen.

Dem Flottengedanken ist er darum treu geblieben, allen Hindernissen und Schwierigkeiten zum Trotz. Ein Holländer schuf ihm eine kleine Kriegsflotte, die schließlich 9 Schiffe mit 194 Kanonen zählte und ihm wertvolle Dienste in seinen Kriegen mit Schweden, Frankreich und Spanien leistete. Den Schweden machte er in der Ostsee zu schaffen, und selbst der französische König Ludwig XIV. begann den kühnen Mann zu fürchten. Wie erstaunte man über den wagemutigen Markgrafen von Brandenburg, dessen Seeleute bis in die südlichen Gewässer Europas vordrangen, spanische Handelsschiffe wegnahmen und sogar die Silberflotten angriffen, von denen die Erze der amerikanischen Bergwerke nach Spanien gebracht wurden!

Da er keinen einzigen wertvollen Hafen an der Ostseeküste besaß, wo Schweden, Dänen und Polen Herren des Meeres waren, schuf er sich in Emden an der Nordsee einen Stützpunkt am offenen Meere, um von hier aus seine Pläne von Seeherrschaft, von Gründung überseeischer Handelsgesellschaften und Erwerbung von Ländereien in der heißen Zone zu verwirklichen. Um Absatzmärkte zu schaffen, wurde von den Dänen ein Stück ihrer Insel St. Thomas pachtweise erworben; wurden Verträge mit den Negerhäuptlingen an der Guineaküste abgeschlossen; wurde eine afrikanische Handelsgesellschaft gegründet, an der er und die Prinzen mit Geldeinlagen beteiligt waren. Um den Handel zu schützen, wurde an der afrikanischen Goldküste eine Niederlassung und die Festung Groß-Friedrichsburg angelegt und am 1. Januar 1683 unter dem Donner der Schiffsgeschütze die brandenburgische Flagge gehißt.

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Wahrlich ein großer Erfolg bei kleinen Mitteln und widrigen Umständen! Ein Erfolg, der schließlich auch in barem Gelde und Überschüssen statt der früheren Zubußen sich geltend machte. Als Friedrich Wihelm seine Augen schloß, stand er auf der Höhe seiner Bestrebungen. Aber auch in diesem Bilde deutscher Seeherrlichkeit fehlt der dunkle Punkt nicht: Nicht verstanden und unterstützt von dem Kaiser, geradezu bekämpft von den Fürsten und Herren, hatten einst die deutschen Kaufleute allein ihre großen Gedanken in die Wirklichkeit umgesetzt, und der große Kurfürst sah sich vom Neide des Kaisers gehemmt und vom deutschen Bürgertum, in dem der Hansageist erloschen war, verlassen.

Das lenkt unsern Blick von der Vergangenheit zurück in die Gegenwart. Die drei Gewaletn des Kaisers, der Fürsten und des Bürgertums, die wir im alten Reiche aus Neid und Eifersucht, Unverstand und Engherzigkeit sich gegenseitig  bekämpfen, das Vaterland zerstückeln und zertrümmern sahen – im neuen Reiche sind sie einmütig, eines Sinnes gerade in dem Gedanken, daß Deutschlands Größe undenkbar ist ohne eine große starke Flotte, ohne Teilnahme am Weltverkehr und Weltbesitz. Diesen Gedanken in der kurzen Formel „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser!“ zum Gemeingut des ganzen deutschen Volkes gemacht zu haben, ist nicht das kleinste Verdienst Kaiser Wilhelms II., und daran erinnern wir uns heute mit ganz besonderer Freude. Möge unserm Kaiser noch manches Jahr glücklicher, erfolgreicher Regierung beschieden sein, zu seinem Ruhme, des Reiches Größe, des Volkes Wohlfahrt und Zufriedenheit! Gott   segne, Gott schütze, Gott erhalte unsern Kaiser!

in: E. Hölzel :  Reden und Ansprachen bei Schulfeierlichkeiten , Leipzig 1911 , S. 26ff . Dr. Hölzel war Schulrat und Direktor des Lehrerseminars zu Frankenberg in Sachsen –

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