Schule und Militär

Militärerziehung und Schulerziehung

(in: Quelle: Ernst M. Roloff (Hrsg.): Lexikon der Pädagogik, 3. Bd., Freiburg 1914, St. 679 - 682)

I. Allgemeines

Während es selbst an fachmännischen Stimmen nicht fehlt, die – ob mit oder ohne Recht, haben wir hier nicht zu untersuchen – sogar in der Armeedisziplin eine Milderung bzw. Umgestaltung des militärischen Drills befürworten (Deutsches Militärwochenblatt 1907, Nr. 59 u. 60; Oberst Gädke im Berliner Tageblatt 1907), macht sich, wohl mit unter dem Einfluß der „Jungdeutschlandbund-Bewegung“, in pädagogischen Kreisen, auch bei Schulaufsichtsbeamten, gelegentlich eine Richtung geltend, die auf Einführung des „militärischen Schneids“ in die Schulen abzielt.

Natürlich denkt man nicht daran, jener Form des blinden militärischen Gehorsams, die diesen zu einem bloß mechanischen Akte macht, das Wort zu reden; ist man doch weithin davon überzeugt, daß es auch dem deutschen Heere, unbeschadet seiner mit Recht von aller Welt bewunderten, hohen Vollkommenheit, nur zum Vorteile gereichen könnte, wenn in ihm die Disziplin psychologisch und pädagogisch vertieft und die „Subordination“ mit den Rechten der Persönlichkeit besser in Einklang gebracht würde, was übrigens neuestens in erfreulicher Weise angestrebt wird.

Gleichwohl besteht die Gefahr, daß in der Schulpraxis von einem oder dem ändern „schneidigen Herrn“ mehr oder weniger die gleichen Wege wie auf dem Kasernenhofe eingeschlagen werden. Darum muß der Pädagoge sich stets erinnern, daß zwischen der Soldatenerziehung und der Schulerziehung ein großer Unterschied waltet und eine möglichst reinliche Scheidung notwendig ist. Gilt für beide auch der gleiche Grundsatz zum vollkommenen Gehorsam zu erziehen und so die echte Disziplin zu schaffen, so streben sie doch in sehr verschiedenen Richtungen ihrem Ziele entgegen.

II. Charakteristik der Militärerziehung und Schulerziehung

Gemeinsam muß die Militärerziehung und Schulerziehung pflegen den Sinn für die Zugehörigkeit zu einer Gesamtheit, also den Gemeinsinn, den richtigen Korpsgeist, die Kameradschaftlichkeit, das Gefühl der Pflicht, den guten Ruf der Abteilung wie des Ganzen zu wahren, den Schwachen zu stützen den Leichtfertigen vor Torheiten zu bewahren usw. Im übrigen ist bei der Militärerziehung vor allem festzuhalten, daß sie durchaus ihrem Zwecke entsprechend nur eine Seite der menschlichen Erziehung im Auge hat: sie will die Jugend ertüchtigen zur Verteidigung des Vaterlandes.

Diese ihr gestellte Sonderaufgabe macht es nötig, daß sie ihr Augenmerk in erster Linie auf die Masse richtet, nicht auf das Individuum. Der einzelne kommt nicht in seiner Persönlichkeit, sondern bloß als Teil eines Ganzen in Betracht, der einen Eigenwillen kaum geltend machen kann. Nur wenn jeder einzelne Krieger in unbedingter Unterordnung und mit peinlichster Pünktlichkeit und Genauigkeit den ihm angewiesenen Platz ausfüllt, ist das Heer jenes furchtbare Kriegsinstrument, das dem leisesten Drucke der Hand des genialen Führers gehorchend dem Gegner Verderben bringt.

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