Vater ist es nicht erschaffen für mich eine Männlichkeit

Das verschmähte Nonnenkleid

Volkslieder » Dialoglied

Vater ist es nicht erschaffen für mich eine Männlichkeit

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Vater, ist denn nicht erschaffen
für mich eine Männlichkeit?
Dass ich ganz allein muß schlafen
in dem Bett der Einsamkeit?
Und in meinen jungen Jahren
meine Haare lasse scheeren
die von Gold beglänzet sind ?

Nein, mein Kind, auf dieser Erden
Bilde dir nichts anders ein
Du mußt eine Nonne werden
Und mußt bleiben keusch und rein
Du mußt, wann die Glocken klingen
Gott zu Ehren Messen singen
Gib dich nur gelassen drein

Vater, wollt ihr denn begehren
Dass ich soll, als euer Kind
Mir die Haare lassen scheeren
Die wie Gold geflammet sind?
Soll ich in den jungen Tagen
Eine Nonnenkappe tragen?
Hab ich das an euch verschuld?

Ich Hab mir nun vorgenommen
Du mußt in ein Kloster ziehn
Mir gefällt die Art der Nonnen,
Weil sie keusch und heilig sind
Du mußt, wenn ich werd verwesen
Mir die Totenmesse lesen
Daß ich mag erlöset sein!

Vater, wollt ihr denn begehren,
Daß ich soll, als euer Kind
Diesen großen Stand verschwören
Den Gott selber hat bestimmt?
Denn er spricht : durch euch auf Erden
Soll die Welt vermehret werden
Seid ihr denn noch mehr als Gott?

Ich muß deinen Frevel strafen
Du verliebtes Amors Kind!
Muß ich doch alleine schlafen
Der ich krank und elend bin
Ich erleide täglich Schmerzen
Und du kannst mit frohem Herzen
Deine Tage bringen zu.

Vater schweigt von euren Schmerzen
Ich weiß wie mir ist zu Mut
Ihr habt Ruh in eurem Herzen
Ich erleide Höllenglut
Meine Glut ist nicht zu dämpfen
Bis ich einstens werde kämpfen
Mit dem Amor bis aufs Blut

Geh nur hin, du Weltgesinnte!
Du verführst mir meinen Geist
Der ich dir als meinem Kinde
Alle Lieb und Güt‘ erweist
Aber nun will ichs verschwören
Mich nicht mehr an dich zu kehren
Denn du hast die Welt so lieb.‘

Vater, laßt mich Gnade finden
Seht nur meine Jugend an!
Lasset die Gedanken schwinden
Und gebt mir doch einen Mann!
Wenn ich ohne Mann sollt leben
Müßt ich meinen Geist aufgeben:
Drum gebt mir nur einen Mann!“

Text und Musik: Verfasser unbekannt

Fliegendes Blatt aus dem Ende des 18. Jahrhunderts. Danach in Büsching’s Volksliedern 1807, Nr. 19. Daher bei Erlach III. S. 95 und bei Kretzschmer II, Nr. 217. Ein anderes fliegendes Blatt des 18. Jahrhunderts, abgedruckt bei Mittler Nr. 847, stimmt ziemlich überein, aber Str. 4 und 5 fehlen.

Eine neuere und kürzere Lesart aus Volksmund am Niederrhcin bei Zurmühlen Nr, 91 hat einen anderen Ausgang: des Kindes Bitte wird erhört. Die Anfangsstrophe heißt:

„Vater, ist denn nichts erschaffen
als für mich ein Nonnenkleid?
Soll ich denn alleine schlafen
in der Zell der Einsamkeit?
Und in meinen jungen Jahren
mich nur härmen und nur plagen
gönnt ihr mir denn keine Freud?“ —

Darauf folgt Strophe 2 und 9 wie oben und endlich Schluß:

Ja, mein Kind, es soll geschehen,
Du sollst haben einen Mann!
Wenn es dir wird übel gehen
Trag ich keine Schuld daran
Aller Schuld mußt du dich ergeben
Weil du mir tust widerstreben
Und willst haben einen Mann

Alle Schuld die will ich tragen
Herzallerliebster Vater mein
Weil Ihr mir nicht tut abschlagen
Dass ich eine Frau soll sein

Anmerkungen zu "Vater ist es nicht erschaffen für mich eine Männlichkeit"

Eine weitere Version nach der Grazer Handschrift um 1830, Handschrift Nr. 840 des steiermärkischen Landesarchivs, geht so:

Vater, ist es nicht beschaffen
Für mich eine Männlichkeit?
Muß ich denn alleine schlafen
In dem Bett der Einsamkeit?
Soll ich stets in meinen jungen Jahren
Eine so rauhe Kutte tragen,
Die mein‘ Busen zehret ab ?

Nein, mein Kind, auf dieser Erden
Bild dir nie was solches ein
Eine Nonne mußt du werden
Und mußt leben keusch und rein
Mit den Frommen mußt du dienen
Gott zu Ehren mußt du singen
Gib dich nur geduldig drein

Vater, könnt ihr das verbieten
Was Gott selbst geboten hat?
Sollte ich denn ohne lieben
Wandeln bis in’s kühle Grab?
Dann Gott sprach: auf dieser Erden
Soll die Welt vermehret werden;
Seid ihr dann jetzt über Gott?
Vater, das wäre ja euch ein Spott!

Diesen Frevel muß ich strafen,
du verblendtes Amorkind
Muß ich auch alleine schlafen,
Da ich krank und elend bin
Und ich duld dabei doch Schmerzen,
Du kannst mit gesundem Herzen
Deine Tage bringen hin

Vater schweigt mit euren Schmerzen,
Denn ich fühl es gar zu gut
Ihr habet Furcht in eurem Herzen,
Mich aber drückt die Liebesglut.
Diese Glut ist nicht zu dämpfen,
Bis man sie tut niederkämpfen
Mit des Amors heisser Glut.

Amorskind, du bist verblendet
Ganz verwirret ist dein Geist
Ich hab auf dich so viel gewendet
Alle Hilf und Dienst geleist
Laß mich von dir nichts hören,
Tu von mir nichts mehr begehren
Von mir bist du abgespeist

Vater, laß mich Gnade finden,
Sieh nur meine Tugend an,
Laßt nur eure Gedanken sinken,
Und gebt mir nur einen Mann.
Wann ich ohne Mann muß leben,
Lieber will ich mein Geist aufgeben !
War das nicht die größte Pein?
Vater, gib dein Willen drein!

Graz ca. 1830. — Handschrift Nr. 840 des steiermärkischen Landesarchivs in Graz aus dem Besitze Anton Meixners, S. 130 ff , Nr. 85. (Handschrift Anton Meixner  — Vgl. Köhler-Meier, Volkslieder von der Mosel und Saar [1896], S. 153, Nr. 147 und 409, Nr. 147, mit weiterer Literatur; John Meier, Kunstlieder im Volksmunde [1906], S. 84, – Nr. 538. – Zum Stoff vgl. A. Kopp, Ältere Liedersammlungen [1906], S. 22 f.). – mit Anmerkungen in Schamperlieder, Emil Karl Blümml, 1908:

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