Schön, wir wählen also gleich für jedes der beiden Lieder einen Sänger, der es sich im Hause noch einmal recht durchüben soll. „Das dritte und vierte muß auch einer allein singen.“ „Das vierte nicht, das singen wir alle.“ „Nicht wahr“ Das muß einer singen.“ … Schließlich mische ich mich dazwischen: „Warum soll denn das vierte einer allein singen?“ „Weil das doch sein bester Freund singt, der mit ihm ausgezogen ist.“ „Da hast du recht; zum Schluß heißt es doch: „Ich aber, ich traf ihn mitten ins Herz“, nicht wahr?“ Da gibt sich die Gegenpartei zufrieden. „Aber „0 Straßburg“ singen wir alle.“ „Gewiß, das ist ja ihr gemeinsames Marschlied auf dem Heimweg.“ „Darf ich dann zum Schluß „Schier dreißig Jahre bist du alt“ singen?“ „Gern, Adolf, wenn die übrigen damit einverstanden sind.“ Da man Adolf seiner schönen Stimme wegen gern singen hört, sind natürlich alle einverstanden.

Nachdem wir so auch die Sänger bestimmt haben, taucht noch die Frage auf, wie die einzelnen Lieder zu begleiten seien. Es stehen uns drei Möglichkeiten zur Verfügung: Entweder werden die Lieder zweistimmig ohne Begleitung gesungen oder aber einstimmig und mit Geigen- oder Harmoniumbegleitung. Auch hierüber entspinnt sich wieder eine kleine Debatte, in der die verschiedenen Geschmacksrichtungen einander mit Grund und Gegengrund gegenüberstehen.

„Beim ersten Lied, „Morgenrot“, müssen Sie auf der Geige mitspielen.“ Findest du, Hermann?“ „Nein, das muß mit Harmonium gesungen werden,“ fällt Hans ein. „Warum denn?“ „Weil das viel weicher ist. Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ist alles noch so still.“ „Das Harmonium klingt viel feierlicher als die Geige,“ fügt Herbert noch hinzu. „Ist es denn morgens in der Frühe so feierlich draußen?“ „Ja, das ist so still, daß man gar nichts sagen mag – „Bei „Ich hatt` einen Kameraden“ müßte eigentlich einer die zweite Stimme sinqen, und dann die Geige auch noch.“ Das findet Beifall.

Wir wählen Heinrich für die zweite Stimme aus. So geht es weiter, bis für jedes Lied die passende Begleitung gefunden ist. Manche musikalischen Werte der einzelnen Weisen werden dabei wieder als solche in die Erinnerung zurückgerufen, und manche Wendung wird zur Erläuterung kurz noch einmal im Gesang skizziert. Als das alles erledigt ist und ich schon in unserem vorhin fallen gelassenen Thema fortfahren will, meldet sich Hans nochmals zum Wort und erklärt uns: „Nun fehlt ja aber noch einer, der die ganze Geschichte zwischendurch erzählt.“ Wir stutzten. Erzählt? Das haben wir noch gar nicht gemacht. Doch die Jungen finden sich schneller mit dem Gedanken ab. „O ja, man zu!“ werde ich von mehreren Seiten gebeten. Auch wird mir Hans selbst schon als Erzähler vorgeschlagen. Nachdem Einigung erzielt ist, wird ihm die Aufgabe zuerteilt, sich zur nächsten Stunde eine schöne passende Geschichte auszudenken. –

Die nächste Stunde. Alles sitzt erwartungsvoll, wie ich hereinkomme. Die Wandtafel mit dem Programm ist schon aufgestellt. Wir überzeugen uns, daß keiner von den Vorsängern fehlt und dann beginnt das Konzert. Hans tritt ans Fenster und erzählt. Er erzählt von zwei Freunden „aus einem Dorfe der Schweiz“, in dem „Mobilmachung angekündigt war“, dem Sohn des Großbauern und dem Amtmannssohn.

Zuerst klingen die Sätze noch ganz nach einer auswendig gelernten schriftlichen Arbeit in bombastischem Stil. Dann aber, als das Gedächtnis für die Form erlahmt und er sich mehr und mehr in seine Geschichte vertieft, werden die Sätze einfacher, kindlicher, und zugleich gewinnt die Darstellung an Bildhaftigkeit, so daß ihm nun alle aufmerksam zuhören. Jedesmal, wenn ein Lied gesungen werden soll, erhebt sich der Sänger – noch unter dem Eindruck der Erzählung – vorsichtig und leise, flüstert, wenn er noch etwas zu bemerken hat, und beginnt dann seine Weise, die allen im Rahmen der Erzählung nochmal so schön vorkommt.

Der Ernst der Situation, der sich in allen Gesichtern wiederspiegelt, malt sich auch in der Feierlichkeit und der Ausdrucksfülle bei den gemeinsamen Liede „0 Straßburg, o Straßburg“ das von den Jungen diesmal viel tiefer empfunden und darum auch viel herzlicher und wirkungsvoller gesungen wird als je zuvor. In schöner, ernster Feier singen wir unsere sechs Lieder, die durch den verbindenden Text zur Einheit werden, zu Ende. Beim letzten „Schier dreißig Jahre bist du alt“, stimmen wir ungewollt in Adolfs Sologesang mit ein und singen es gemeinsam bis zum Schluß

Am Ende der Stunde beim Hinausgehen kommt Willy auf mich zu: „Nächstes Mai müssen Sie aber auch wieder ein paar Lieder dazu singen wie neulich.“ „Gewiß gern, Willy; aber sieh, heute hätte das doch gar nicht hineingepaßt in unsere Geschichte. Dies war doch nett so.“ „0 ja, fein war das.“

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