Wohlauf mit mir auf diesen Plan (Totentanz)

Volkslieder » Lieder vom Tod

Wohlauf mit mir auf diesen Plan (Totentanz)

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Tod:
Wohlauf mit mir auf diesen Plan
Ein Tanz will ich euch stellen an
darbei müßt ihr mir All erscheinen
ihr tut gleich lachen oder weinen

Der Vortanz mir allein gebührt
der Tod an euch zum Meister wird
Liest euch eine kurze Lektion
Memento mori, gedenk oft dran!

Ihr seid groß, klein, zagt, unverzagt
Der Tod euch all zu Haufen schlagt!
Papst, Kaiser, König müssen mit
Wann er anklopft, da hilft kein Bitt

Derhalb Eur Päpstlich Heiligkeit,
Hui auf, wohllan zur Ewigkeit!
Dem Rei(g)en müßt ihr den Anfang machen
Die Präzedenz ist euch beschaffen

Papst:
Sei nicht so gäch, wart noch ein Weil
Ich Hab groß Gschäft, mich nicht übereil
Plenipotenz Hab ich auf Erden
Du wirst mir auch zu Willen werden

Tod:
G’schäft hin, Geschäft her, es muß nur sein.
Drum gebt euch nur gutwillig drein
Mir fügt also, ich gib nicht Acht
Obs einem gefällt oder verschmacht

Papst:
Du blinder Tod wie bist so grob,
Muß ich dann tun die erste Prob,
So walt es Gott, fecht an die Pin
Ade, ade, ich fahr dahin!

Tod:
Ihr Kardinal, kommt, laßt euch führen
Die Vesper will ich intonieren
Und singen In Adjutorium
Und ihr das Saecula saeculorum

Kardinal:
Du bist ein unverschämter Gast
Kein Witz noch Hirn du mehr hast
Du meinst, du wöllst gleich Alles fressen
Mein Gsell, wie kannst sein so vermessen?

Tod:
Ei was darfs da viel Disputieren
Jetzt ists an mir das Dominieren
Bald will ich euch das Häubl rucken
Kein Knie soll sich vor euch mehr bücken.

Ihr Bischof, Tumbherrn und Prälaten
Zum Tanz tu ich euch auch erwarten
Spectatum admissi, kommt herein
In ein Loch scharr ich euch all hinein

Nun hebt ihr Pfäfflein die Complet an:
In manus tuam animam
Seid keck und gebt ein gutes Exempel
Wie ihr habt predigt in dem Tempel

Bischof:
Wer wird darnach die Andern begraben?
Geh ins Spital, willst Kranke haben!

Tod:
Vos, vos venite, meine Herren
Die Kranken werden mir auch schon wehren.

Bischof:
In Gottes Namen gescheh sein Will
Und sei heut unser letztes Ziel
Nun reisen wir mit Sorgen fort
Adventieren an eim andern Ort

Tod:
Macht auf, ihr Geiger, einen Tanz!
Dem Kaiser bind ich da ein‘ Kranz.
Eur Majestät wöll einher prangen
Man wird ein Galliard anfangen.

Kaiser:
Pack dich hindan, du Faßnachtsmann
Weit andre Gedanken muß ich han
Als Tanzen und die Zeit verlieren
Krieg gleich mir alle Land verwirren

Tod:
Ich schreib mich auch für ein Soldaten,
Mich zieren meine Ritters-Taten,
Ich nimm sie alle in mein Schanz
Hui auf mit mir zum Totentanz!

Kaiser:
Hilft denn so gar kein sagen nicht
So klag ichs Gott und reis‘ halt mit.
Glück zu, o Welt, such jetzt ein Herren,
Der könnt dem Tod sein Reich zerstören

Tod:
Holla, holla, Edle Kaiserin
Eur Herr erwart Euer auf der Bühn
Und wollt mit euch ein Tänzl tun
Euer Majestät beliebt allein

Kaiserin:
Ohn mich mag er wohl tanzen hin
Ich tanz nit in der Klag ich bin

Tod:
Ei, seid gebeten, verschmächt mich nit
Wollt ihr, so bring ich Spielleut mit

Kaiserin:
Muß ich dann sterben also jung
So klag ichs Gott im Himmel drub’n
Was nützt mir jetzt mein Hochheit groß
Ich sink dahin, dem Tod in d’Schoß

Tod:
Hört zu ihr König, laßt euch sagen
Das Glöcklein hat den Garaus gschlagen
Heut ist eur letzte Knöpflins-Nacht
Der Tod klopft, euch den Garaus macht.

König:
Das wär mir eins, wo ist die Guardi?
Wo seind die Doctores und 8picinardi
Die mich tun schützen und tun laben?
O weh, lauft zu, ihr Edelknaben

Tod : Es hilft kein Apothekrei
Spreizt euch nit, kommt nur frei herbei
Eur Hofgesind laßt stehn beiseits
Tanzt wie ihr wöllt. Welsch oder Deutsch

König:
Was soll mir Jetzt mein Königs-Kron
Wenn ich so eilends muß darvon?
Gesegne dich, Laub, Erd und Gras
Mein Weg ich nehmen muß fürbaß

Tod
Frau Königin, weil ihr so heult
Nach eurem König so langweilt
So kommt, wir wollen an Haingart gehn
Ob euch die Langweil möcht vergehn

Königin:
O weh mir armen Königin
Weint, trauert mit mir, ich fahr dahin
Wann mein er nit verschont der Tod
Wie wirds euch gehn? Erbarm es Gott!

Tod:
Ihr Herzog und ihr Fürsten all
Geistlich und weltlich allzumal
Des Reichs Herold ich komm und sing
Euch diese Fledermaus zubring.

Den Augenblick sollt ihr mit mir
Fürs Kaisers Kammer und Stubentür
Allda ist gangen breit die Klag
Daß ihr so ring schätzt Jahr und Tag

Herzog
Mein Bot, wir haben dich vernommen
Zeuch fort, wir wöllen nach dir kommen
Gar viel zu kurz ist der Termin
Ein Augenblick; wo denkst du hin?

Tod:
Ihr Herren, ohn euch darf ich nit gahn
Wohl auf und stracks mit mir darvon!
Ich will euch selbsten einfurieren
Doch lassen vor ein Tanz probieren.

Drum kommt, ihr edles Frauenzimmer
Zum letzten Tanz, und nachher nimmer
So ist die Hofburch ganz beisammen
Mir nach, wir fahren in Gottes Namen!

Schlag auf, hörst, Trummelschlager gut
Mach Lerma, Lerma, schlag guts Mut
Dem Kriegsmann wollen wir die Praxen wetzen
Sei lustig, es wird ein Trinkgeld setzen

Kriegsmann:
Bots Floderment, was kommt uns da?
Lauf, Bub, bring mir die Bixen rab!
Das Ungeheur will ich wohl verjagen
Schlag zu, schieß drein, tu nit verzagen

Tod:
So will ich gehn, mein Bogen spannen
Wie gefällts dir? Pfui, wie tust du zannen

Kriegsmann:
O weh mir armen Krieger wund
Der Tod mir nicht das Leben gunnt

Tod
Ihr Ritter und ihr Edle Herren
Der gut Mut wird noch länger währen
Kommt laßt uns in die Masqurata reiten
Ein Mummschanz schlagen den Hochzeitleuten

Ritter
O Gott, wir haben Weib und Kind
Daheim ein großes Hausgesind
Wir dürfen nit von ihnen lassen
Mein Tod, reit vor in d‘ Webergassen

Edelfrau:
Ach, ach, ich bitt, laß mir mein Herrn

Tod:
Ja, wann ihr wollt für ihn gehn, gern.

Frau
Wie? Ich soll gehn? das tu ich nicht
Ehr‘ zehn Männer Hab der Ritt

Ritter:
Siehe da! die Treu von meinem Gspan
Also wird gleich oft mancher Mann
Glück zu, Weib, zu viel tausend Nacht
Ich stirb, sich meiner Niemand acht

Tod
Herr Bräutigam, gefällt euch euer Braut?

Bräutigam: Billig, dann sie ist mir vertraut

Tod
Mit Nichten; sie ist mein von allen
Adieu, ich führs zur Mausefallen

Ihr Bauern und ihr Burgersleut
Ihr junge Gsellen, seid bereit
Ein Vorders ich euch tu antragen
Ein jeder soll die Wahl da haben

Bauer
Was sagst du? hä? wir hören nit wohl

Tod
Die Ohren ich euch raunen soll
Drum folgt mir nach in mein Badhaus
Da blitzt das Feur zum Fenster aus

Bauer:
O Klag, o Leid, o Tod, o Mord
Die Tyrannei ist unerhort

Tod
Es hilft kein Panzer gegen mich
Alls muß zu Boden, was ich triff

Hui, Spieler, Saufer, Taler-Narren
Ich leg euch all auf meinen Karren

Spieler
Gemach, laß michs Geld vor investieren
Und uns vor recht die Wehrt probieren!

Tod
Allda dusch einer mit dem andern
Die Stiegen ein! Ihr müßt nur wandern

Spieler
Ach Gott, hat es denn gar kein Bitt?
Wir fahren und wissen die Herberg nit

Tod
Noch stehn mir die alten Weiber aus
Und Kinder in dem Bruderhaus

Altes Weib
Schau, Mädl, der Wanaw klopft an

Mädchen
Er sucht mich auch, ich lauf darvon

Altes Weib
Pfui, laß mich gehn, du Aas, du Gstank
Die Mädl nimm, die ist schon krank

Mädchen
Ich bin ein Kind, bin nicht gescheit

Tod:
Fort! ich brauch Küh- und Kälberhäut.

Jetzt bin ich worden ein Sackpfeifer
Und ruf zusammen all Landläufer
Bot, Kramer, Schüler. Sternsinger
Ein neues Jahr ich ihn‘ wollt abg’winnen

Bote:
Hab dir das Jahr und alle Plagen
Du dürrer Hund und Storkenkragen

Tod
Nun zottel frei nachher, ich treib den Stern

Sternsinger
Wehe, immer Wehe, wer stirbt dann gern

Der Dichter spricht
Derhalben laßts euch sein gesagt
Fürcht euch, der Tod ist unverzagt
Keins Menschen tut er hier verschonen
Seim Tanz muß alles Fleisch beiwohnen

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 1059)

„Der Todten Tantz.“ Ein geistliches Gesang, wie der Tot über alle Menschen herrschet, und keinen verschonet. Im Ton, wie man die „Kaiserin“ singt.  Gedruckt zu Augsburg. bei Johann Schuttes. 4 Bll., 8°, ohne Jahr (um 1650). K. Bibl. Berlin VS 7854. 23. Original mitgeteilt durch Dr. Johann Bolte in Birlinger’s Alemannia XVIII. Bd., S. 65 ff.

Anmerkungen zu "Wohlauf mit mir auf diesen Plan (Totentanz)"

  • Tumbhern = Domherrn
  • wehren = werden
  • drub’n = droben
  • Guardi =  it. Guardia = die Wache
  • Doctores und 8picinardi = Doktor und Apotheker (Spezereihändler mit Narden)

Eine frühere Ausgabe des Totentanzes, in Frauenfeld befindlich, ist „Gedruckt zu Innsbrugg durch Daniel Paur 1627“. Nach der Angabe in Weller’s Annalen I, 391, Nr. 601 soll sie 52 Strophen haben.

Das Gedicht ist, wie wie Bolte bemerkt, wohl eine zu Anfang des 17. Jahrhunderts im katholischen Süddeutschland entstandene Umformung der alten Dichtung über den Totentanz. Die Reihenfolge der vom Tode davongeführten Personen ist im ganzen dieselbe geblieben, wie in jener, aber die Wechselnden sind ungleichmäßiger, lebendiger und dramatischer geworden. Dass das strophisch abgefasste Gespräch nach einer bestimmten Weise gesungen werden soll, erinnert an die zur selben Zeit beliebt gewordenen Singspiele der englischen Komödianten. —

Die Melodie der „Kaiserin“, deren ursprünglicher Text nicht aufzufinden war, fehlt zwar im Drucke, ist aber am Schlusse des Berliner Sammelbandes von einer Hand des 17. Jahrhunderts hinzugeschrieben. Abschrift in Erk’s Nachlasse und gedruckt nach Bolte oben. Dieselbe Melodie ist in demselben Berliner Sammelband 7854 noch zwei anderen Liedern beigesetzt: „O Welt, O Welt. O falsche Welt“, 1655. (Im Ton: „Grüß dich Gott, du schöne Dirn“), b) „Wann wird dann unser Aufbruch sein“ (Im Thon, wie man die Kaiserin singt), (s Bäumker III. S. 193.)

Über ähnliche gesungene und aufgeführte Totentänze aus noch späterer Zeit vergl. Schröter. Germania 12. Bd. Böhme, Gesch. d. Tanzes I, 45 ff. und 60.

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