Die Macht des deutschen Liedes im gegenwärtigen Kriege (1916)

Professor Dr. Hermann  Tardel , Gymnasiallehrer und Volkskundler (in: Preußische Jahrbücher , Jg. 1916, S. 75 f)

Und dann kam etwas, was ich von singenden Soldaten noch nie gehört habe: als sie schon außerhalb der Stadt waren, außerhalb der alten, zerbrochenen Festungswerke, verwandelte sich das Ende ihres Liedes in ein mit wirren und  hohen Stimmen durcheinanderklingendes Jauchzen und Jodeln, wie wir es kennen von unseren Hochlandsfesten bei strahlender Morgensonne. Sie jauchzten und jodelten wie junge Menschen in froher Trunkenheit! Und da war es in mir wie ein klares Sehen, wie ein festes und heiliges Wissen: daß solche Soldaten, die mit solchem Liede und mit solchem Jauchzen hinausmarschieren, der Gefahr und dem drohenden Tod entgegen, daß solche Soldaten siegen müssen!“

Besondere Beachtung erfordert, daß infolge des durch den Krieg allgemein erstarkten religiösen Gefühls auch das geistliche Lied neben den weltlichen mehr hervortritt. Ein im Felde stehender Student hebt in einem Briefe aus der Gegend zwischen Lilie und La Bassee vom 10. Januar 1915 die religiöse Grundstimmung vieler gesungenen, geistlichen wie weltlichen, Lieder ergreifend hervor: „Bei alten Volksliedern weinen Leute, denen man ganz Anderes zutraute, die einen wohl gar an das erinnerten, was man früher Proleten nannte. Vaterlandslieder, Soldatenlieder und Choräle fließen mit ganz neuer, ungehemmter Unmittelbarkeit hervor.

Fast immer auf Nachtposten hört man Choräle singen. Da war ein Kerl, mit dem ich gestern morgen noch im Graben Posten stand und im Wasser arbeitete, der sang einen Choral und dann eines von diesen alten, langsamen, immer etwas traurig klingenden Soldatenliedern, ein trotz aller Strapazen fröhlicher Bauernkerl – und einige Stunden später lag er tot, mit dem Gesicht im Dreck.“

Der Schlosser Eugen Bernzott aus der Umgegend von Bremen schreibt am 12. Dez. 1914 aus Ostpreußen:

„Als ich heute den Befehl erhielt, am Ufer der Angerapp Boote zu suchen, kam ich in die Stadt D. und hier hörte ich seit langer Zeit zum erstenmal wieder eine Orgel. Obgleich die Russen die Stadt arg beschießen, war doch einer von unseren Soldaten in die Kirche gegangen, um dort seinem Herzen Luft zu machen in einem Orgelspiel. Ich hatte mich an die Kirchentür gestellt und dem Spiel gelauscht. Es war sonderbar anzuhören: das schöne Orgelspiel und dazwischen das Heulen der Artilleriegeschosse, die dann etwa 75 Meter hinter der Kirche platzten. Sehr befriedigt und seltsam ruhig ging ich dann, meinen Schießprügel über den Buckel gehängt, um den mir gewordenen Befehl auszuführen.“

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