O Nachbar lieber Robert (Rolandston)

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O Nachbar lieber Robert (Rolandston)

Roland: O Nachbar, lieber Robert
Mein Herz ist voller Pein!
Robert: O Nachbar, lieber Roland
Umb was mag das wohl sein?
Roland: Johann Glöckner liebt mein Greta
Dasselbig bringt mir Schmerz.
Robert: Sei zufrieden, lieber Roland
Das ist noch wohl ein Scherz.

Roland: Sie sein mitnander aufm Kirchhof.
Robert: O weh und was schadt das?
Roland: Sie gaukeln da, ich fürcht
Sie tun, ich weiß nicht was.
Robert: Sei zfrieden, lieber Roland
Und tu du mein Gebot
Robert: Sie waren kommen zsammen
Nun ist mein Herz hier tot.

Robert: Leg nieder und verstecke dich
Und höre was sie sagen.
Roland: Nun so will ich aufstehn
Und will den Schelmen jagen
Robert: So verlaß ich dich, gut Roland
Roland: O Robert, was bist gesinnt!
Robert. Mein Klugheit soll dich helfen
Roland: Ich schlag den Glöckner blind

Glöckner: Was mangelt meiner Margaretha
Dass mich so fremd ansicht?
Margareth: Darum daß du mich nicht liebest
So wohl, als ich tu gen dich.
Glöckner: Hast du verloren Roland?
Margareth: Das ist nun längst geschehn.
Glöckner: So will ich dich nun haben!
Robert: Aber hie liegt Einer, spricht: Nein!

Robert: Gott grüß euch lieb Margrethe
Ich bring euch böses Neus!
Margareth: Und was ist das Gutes. Robert?
Tut mir dasselbig weis!
Robert: Euer Roland ist gestorben!
Margareth: O Robert, hast du ihn gsehn?
Robert: Darum daß ihr liebt den Glöckner
Glöckner: Laß ihn nur immer gehn!

Roland: O unbarmherzige Maguarit,
Hast Roland bracht ums Leben!
Glöckner:  Süßes Lieb verlasse ihn.
Ich will dir Schläge gebn.
Margareth: O Robert, das gereuet mich.
Robert: O daß ist dir ein Spott.
Glöckner:  Kehr um zu mir und liebe mich
Roland: Ich schlag den Glöckner todt!‘

Roland: Fürwahr allhie da lieget er,
Der dich hau‘ auserwählt.
Margareth: Vergib mir, lieber Roland,
Mein‘ Schmerz kann keiner zähln
Glöckner: Ei, umsonst ist alles Trauren,
Margarita, komm mit mir!
Margareth: Wir können Roland nit helfen,
Komm Glöckner, ich geh mit dir?

Glöckner:  Mein Hochzeit die soll jetzund sein.
Margareth: Mein‘ Willen hast bereit.
Roland: Aber hörst du, Nachbar Glöckner,
Antwort, eh ihr heimgeht!
Roland: Wen liebst du Margaretha?
Margareth: Ich lieb mein lieben Roland mein!
Roland: Nu» geh in d’Kirchen, laut‘ Glocken,
Heut soll mein Hochzeit sein.

Margareth: Ich lieb kein Andern denn Roland.
Roland: Du Glöckner, geh nur hinweg!
Glöckner: Will Margaretha mich verlassen?
Margareth: Du bist ein närrischer Geck!
Glöckner: Leichtfertigen Jungfraun trau ich nicht.
Roland: Geh Glöckner, mach das Grab.
Nun ist Margaretha Roland,
So bist du nun Schabab

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 488 „Rolandston“)

Der Roland war die Bezeichnung für ein um 1597 in Deutschland auftauchendes und rasch beliebt gewordenes Singspiel (Jigg) der englischen Komödianten. Der Anfang des achtzeilig abgefassten deutschen Textes ist „O Nachbar lieber Robert ….“ oder „Ach Nachbar Robert“. (Böhme)

Zweite Melodie zu "O Nachbar lieber Robert (Rolandston)"

Zweite Melodie zu O Nachbar lieber Robert (Rolandston)
Tabulaturbuch von 1613, Wolf Gerhard

Dritte Melodie zu "O Nachbar lieber Robert (Rolandston)"

Dritte Melodie zu O Nachbar lieber Robert (Rolandston)
Fabricius Liederbuch 1603: Der englische Rolandston

Vierte Melodie zu "O Nachbar lieber Robert (Rolandston)"

Vierte Melodie zu O Nachbar lieber Robert (Rolandston)
Ballade of Willoughby

Anmerkungen zu "O Nachbar lieber Robert (Rolandston)"

Der englische Originaltext ist bis jetzt nicht gefunden, sondern nur die hierstehende deutsche Bearbeitung. Auch eine niederländische Übersetzung: „Soet soet Roboertgen“ ist verloren gegangen. Dagegen vermögen wir die Melodie , die sich einer außerordentlichen Beliebtheit erfreut haben muß, auf ihrer Wanderung von England über Holland nach Deutschland zu verfolgen. In England erscheint sie, wie Chapvell (Popular music of the olden time 1855 — 1859, S. 114 und 770) angibt, in dem sogenannten Virginalbuch der Königin Elisabeth (Hs. in Cambridge Nr. 158, wohl erst nach 1620 entstanden); dort ist sie von dem berühmten William Bird (1538— 1623) gesetzt. In den Virginalbüchern der Lady Neville 1591 Bl. 46b und des William Förster 1624 Nr. 6 und in Thomas Robinson’s school of music 1693 führt sie den Titel „Lord Willobies wellcome home“, weil nach ihr auch eine Ballade auf Peregrine Berti Lord Willoughby of Eresby (gestorben 1691) gesungen wurde, der 1587 nach der Abberufung Leicester’s den Oberbefehl über die in Holland gegen die Spanier fechtenden englischen Truppen übernahm. Diese Ballade von 1204 steht bei Percy, Reliques vol. II, 2, 19 und The Rocksburghe Ballads 4,8.

Aus Holland bringt Dr. Land (Tijdschr. voor Nord Nederl. Musiekgesch. I 223)  vier verschiedene Aufzeichnungen der hier nur als Soet Robbertken bezeichneten Melodie, und zwar aus Thysius Lautenbuch. (um 1600), aus Peter Leenaerts van der Goes druyven-Tros der amourensheyt 1602, S. 102, aus Adrian Valerius, Nederlandtsch Gedenckclanck 1623, S. 695, und aus dem Paradijs der geesteliken en kerkeliken lofsangen 7. Aufl. 1670 S. 695. — Angeführt wird sie auch in Wouter Verhees‘ Liederhandschrift S. 219 zu: “ Een nieu liedeken op die voys von Soet Robbergen ; Door liefden reijn verwonnen ick blijuen moet (6. Str.).

Zuerst Willoughby-Lied oder Singspiel Roland?

Hat nun diese Melodie ursprünglich dem Willoughby-Liede oder dem Singspiel Roland angehört? Diese Frage läßt sich aus vorliegendem Material nicht mit ausreichender Sicherheit beantworten.

Wäre letzteres der Fall, so bliebe auffallend, daß die Melodie gerade in England nur einmal und ziemlich spät unter dem Namen Rowland auftaucht. Es ist aber wohl denkbar, daß die englischen Schauspieler, welche Leicester’s Gunst genossen und von ihm 1586 an den König Friedrich II. von Dänemark empfohlen wurden (s. J. Bolte, Jahrbuch der deutschen Shakespeare Gesellschaft, 23), auch seinem Nachfolger in den Niederlanden ihre Ergebenheit beweisen wollten und auf die Melodie eines zu seinem Ruhm gedichteten, allgemein beliebten Liedes jenes Possenspiel reimten, welches dann in der Fremde so außerordentlichen Beifall fand.

Endlich ist zu berücksichtigen, dass das Vorhandensein der Willoughby-Ballade schon für 1591 durch Lady Nivelle’s Virginalbuch bezeugt wird, während das Possenspiel zum ersten Male 1596 in einer gereimten Beschreibung der Frankfurter Messe von Marz Mangold als etwas ganz Neues genannt wird:

Einer sang: O Nachbawr Roland,
Ein Lied, kommen aus Engelland.

Bis auf weiteres hätten wir also anzunehmen, dass die Melodie des Rolandliedes älter ist als sein Text.

Diese Nachrichten verdanke ich Dr. Bolte’s Aufsatz im Jahrbuch für niederdeutsche Sprachforschung 13, S. 64. der auch dort als Musikbeilage 22 die Rolands-Melodie aus Fabricius‚ Lautenbuch und die bei Chappell mitgeteilt hat. Im Altd. Ldb. Nr. 85 habe ich bloß den Text gegeben, die Weise war durch ein Versehen weggeblieben.

Den englischen Originaltext zu der Melodie Rowland glaubte Chappell, der vom deutschen Lied nichts wusste, auf einem fl. Blatt um 1600 — 1625 zu erkennen. Dieser auch bei Bolte a. a. O. abgedruckte englische Text in zwei Teilen hat aber mit dem Rolands-Spiel nichts gemein. Der Anfang dort heißt:

John: Now welcome Neighbour Rowland
from London welcome home …

Der Rolandston wird mehrfach zu Singspielen von J. Ayrer (1598— 1618) angeführt: „In dess Rolands Ton“ — „Wie man den Englischen (Engländischen) Roland singt“ (s. Goedeke. Grundr. 415). Auch für geistliche Dichtungen finden wir den Rolandston vorgeschrieben. Im Hamburger Gesangbüchlein 1612, S. 32 ist ein Christliches Klag- und Trostlied überschrieben: „Im Ton: O Roland lieber Roland.“ Anfang nach Wackernagel III, 1016:

Ach Gott, wem soll ichs klagen
das herzlich leiden mein?
Mein Herz will mir verzagen
dass ich so elend bin
Vor Zeiten schien mir die Sonne
itzt mag es nit gesein
Elend hat Freud verdrungcn
der Unfall ist worden mein.

Wiederholt ist dies Klaglied im Coburger Gesangbüchlein 1621, S. 75 mit der Tonangabe : O Rolandt, lieber Roland. — Derselbe geistliche Text steht schon 1582 im Greifswalder Gesangbuch S. 328 hat aber zur Überschrift: Im Ton, Ich dank dir lieber Herre. —

Zu historischen Liedern diente der Rolandston. So zu einem Gedicht auf die Hansa um 1600, von Joh. Domann: „Im Ton des Ruland oder wie es eimb besser gefällt.“ Anfang nach Gödeke, § 174, Nr. 19:

Wolan last uns eins fingen.
Ein Liedt und news Gedicht.

Ein Lied auf die Braunschweiger Fehde 1606 ist überschrieben; „Im Thon Rolandt lieber Rolandt oder Mit lust vor wenig Tagen ein Jäger kam in Sinn.“ Anfang:

Mit lust vor wenig Tagen
Ein Krieger kam in Sinn,
(Cod. hist. 198 der Göttinger Univ. Bibl.)

Ein Abschiedslied auf einem Druck zu Anfang des 17. Jahrhunderts (jetzt im Britt. Museum zu London) ist betitelt: Ein gar newes und schönes Lied, Einer Bayrischen Jungfrawen von Adel zu Ehren gemacht. Im ton: Warumb wiltu wegziehn, Mein Schatz :c. Oder Ins Rulands Thon:

Jungfrau, es ist mir leide
wann ich gedenck der zeit,
daß ich muß von euch scheiden
vnd habt mich nie erfrewt.
Wie muh ich, hertzigs lieb,
die fach jetzund greinen an?
sagt mirs, ich stirb vor kummer,
ach lieb, ich muß darvon.

W. Grimm in seiner Ausgabe des Rolandsliedes (1838) kannte von unserem neueren Rolandlied bloß die Anfangsworte aus der Tonangabe im Coburger Gesangbuch 1621. vergl. J. Bolte, Über die große Verbreitung des englischen Rolandstones seiner Zeit in Korrespondenzbl. f, niederd, Sprachf. IV Bd. S. 38 und dessen Aufsatz im Jahrb. des Vereins f. niederd. Sprachf. 1887. XU, S. 64—68.

"O Nachbar lieber Robert (Rolandston)" in diesen Liederbüchern

in: Hainhofer’s Lautenbücher 1603 (Handschrift zu Wolfenbüttel, Aug. 18: 7. 8.) Text daselbst II. Band Blatt 32 (offenbar Abschrift eines Druckes). Mel. S. 36. – Nach einem fliegenden Blatt (o. J.) ist das Rolandlied abgedruckt in den „Fastnachtspielen“ von A. Keller II 1021, Stuttgart 1853: „Zwey Schone newe Lieder“, genannt der Roland von der Männer vnd Weyber Untreu. Das erste von den Männern (Ein wyl last uns beisamen bleiben). Das ander Lied von den Weybern: O Nachbar Robert, mein Hertz ist voller pein)

Den deutschen Text findet man abgedruckt hier und im Altd. Liederbuch Nr. 85 nach Hainhofer’s Lautenbuch 1603. Auch bei A. Keller: Fastnachtspiele des 15. Jahrhunderts II, 1021 und im Niederdeutschen Liederbuch 1883, Nr. 148. Ferner finden sich auf zwei fliegenden Blättern. der K. Bibl. in Berlin yc 726 und 731, das eine von 1599 o. O. , das andere o. J. Magdeburgs. Weiter stehts in einer um 1600 — 1603 zu Jausen in Tirol entstandenen Liederhandschrift, eine Abschrift in K. T. Heintze’s Volksliedcrsammlung, Hs. der Univ. Bibl. in Bonn S. 504.

Die Melodie in Lautentabulatur 1603 in Hainhofer’s Lautentab. in Fabricius‚ Liederb. 1603 Nr. 9 einem anderen Texte (einem Namenlied auf Sophia) angepaßt und bei Chappell I, 115. Ein Fragment bei M. Franck.

Der Ton (Rolandston) wird weiter angeführt in dem bei Lantzenberger in Nürnberg 1609 erschienenen Liederbüchlein Nr. 68 (vergl. Weller, Annale« I, 268, Nr. 396 und 409), in einem Druck 1627 s. Birlinger’s Alemannia 16, 84 und in von Ditfurth’s Liedern des 30jährigen Krieges S. 152.

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