Liederlexikon: Maibaum

| | 1908

Wir wenden uns zu dem andern uralten erotischen Brauch, zu dem Einholen des Maibaumes. Er wird bereits in Urkunden des XIII. Jhdts. als alt und traditionell bezeichnet. An bestimmten Tagen, am ersten Mai (Walpurgistag) oder zu Himmelfahrt, auch zu Pfingsten, besonders zu Johanni wurde ein festlich geschmückter, oft mit menschlichen Kleidern behangener Maibaum (Birke, Fichte oder Tanne, auch Eiche) unter großem Jubel aus dem Walde in das Dorf getragen und auf freiem Platz in der Mitte aufgepflanzt. Er wird in feierlichen Reigen umtanzt, man kniet auch nieder, betet ihn an, opfert ihm Geld und Früchte, ursprünglich auch Tiere, selbst Menschen.

Der Brauch ist in germanischen wie in slavischen Ländern verbreitet, in England und auch in Frankreich ; in den Pyrenäen findet er sich und hoch oben an der Ostsee bei den Esthen. —Der. Baum ist der neu zum Leben erwachte männliche Wald- und Vegetationsdämon, der zunächst den Frauen Segen und Fruchtbarkeit verleihen soll; denn die Frauen, das empfangende und fruchttragende Prinzip, sind in der ältesten Zeit die Hauptbeteiligten bei dieser Feier gewesen. Das sieht man deutlich daran, daß an manchen Orten ausschließlich die Weiber mit dem Recht begabt sind, den als Maibaum dienenden Baum aus dem Walde zu holen.

Es brachten bei den Russen die Weiber den mit menschlichen Kleidern geschmückten Pfingstbaum aus dem Walde. Bei den Wenden nördlich von Salzwedel richteten allein die Weiber alljährlich am Johannistage die Maibirke auf. In Saarlouis trägt ein Arbeiter als Weib verkleidet den geputzten Tannenbaum in der Hand. In der Eifel hauen am Donnerstag vor Fastnacht die Weiber den schönsten Baum im Walde um. —

Der Baum ist das Leben gebende, zeugende Prinzip, die Weiber das Leben empfangende, gebärende.
Diesen männlichen Vegetations-, Wald-, Baumdämon anthropomorphisierte man auch, indem man ihn nicht mehr als Baum, sondern als männliche Puppe oder gar durch einen Mann, einen Jüngling bei den Frühlingsfesten darstellte. Man gab ihn, genau den menschlichen Verhältnissen der Liebe und Ehe entsprechend, eine weibliche Gefährtin, eine weibliche Puppe oder eine Frau, ein Mädchen zur Seite.

Denn es waren Frühlingsfeste, die ja die Liebe und die Paarung in der Natur verherrlichten. Puppen, Männer, Frauen, Knaben, Mädchen mit Laub bedeckt, mit Kränzen geschmückt, mit Birkenzweigen umwunden, stellten den männlichen und weiblichen Naturdämon dar. Diese Bräuche finden sich nicht nur in Deutschland und Europa, sie finden sich in gröberen Zügen bei allen Naturvölkern. Solche anthropomorphisierten Vegetations – Wald – Baum-dämonen sind z. B. die wilden Männer, die wilden Frauen, in Laub und Tannen gehüllt, der Maikönig mit seiner Maikönigin, der Maibräutigam und seine Maibraut usw. —

Zu Johanni, da das Wachstum der Natur versiecht, trägt man den Dämon hinaus, ihn ins Wasser, Fluß oder Teich zu versenken (den „Tod“ austragen). — Dies Vegetationsdämonenpaar ist nun in allen Einzelzügen und in seinen Lebensschicksalen dem Menschen identifiziert. Es liebt, wirbt, hält Hochzeit: der Maibräutigam führt die Maibraut, der Maigraf seine Maigräfin heim. — Offenbar sind das alles jüngere Vorstellungen. Die älteste ist die, daß der Vegetations- und Baumdämon als männliches Prinzip gedacht ist, der besonders zu den Frauen in engster Beziehung steht, wie er schon als Lebensrute in solch engen Beziehungen zu ihnen stand. Das zeigt uns noch deutlich das Begräbnis des Jarilo, des Frühlingsdämons, am 29./3o. Juni in Weißrußland. Eine den Jarilo darstellende Puppe, mit einem ungeheuren Zeugungsglied versehen, wird von den Weibern unter Heulen und Klagen bestattet. Betrunkene Weiber umringen den Sarg und schreien: „Er ist gestorben! Er ist gestorben! Er war so gut! Was ist das Leben, wenn du nicht mehr da bist! Erhebe dich, wenn auch nur auf ein Stündchen!“ Endlich verscharren sie ihn in eine Grube. — Es ist der Vegetationsdämon mit seiner ungeheuren Zeugungskraft, den die Weiber, das empfangende Prinzip, beklagen : dessen Liebesstunden und Liebesspiele sie nun vermissen. Ende Juni, nach der Sommer-Nonnenwende, hört er auf zu leben. —

Zu unterscheiden von dem großen Dorfmaienbaum und die vor den einzelnen Häusern aufgepflanzten Maien. Zu Pfingsten (Deutschland), auch am ersten Mai (Frankreich, Italien), auch am Himmelfahrtstage (Rumänien) netzen die jungen Burschen einen Maien (Birke oder Tanne) nachts vor das Haus (Tür, Fenster, Dachgiebel) des geliebten Mädchens. Der Brauch ist ebenfalls alt, schon im XIII. Jhdt. bezeugt, und durch ganz Deutschland, Frankreich, England, Rußland, auch Spanien, Italien, Rumänien verbreitet. Auch hier haben wir es mit uralten erotischen Vorstellungen zu tun: der männliche Baumdämon wird mit dem verliebten Burschen identifiziert; er ist der männliche Doppelgänger des Burschen, der statt des Burschen zu eigen der Geliebten wird. Das tritt noch deutlicher hervor, wenn der Geliebte seinen Namen in die Rinde des Baumes gekratzt hat. —

Dies ist der alte, ursprüngliche Sinn des Brauches; ein jüngerer, späterer ist der, daß dieser Maienbaum das Abbild und Symbol des geliebten Mädchens selbst ist. Die Maie ist die Doppelgängerin des Mädchens geworden. Sie ist das Wesen, die Seele, das alter ego des Mädchens selbst. — Ein Nachklang solcher Vorstellungen liegt in der Sitte, den Namen geliebter Mädchen in die Rinde eines schönen Baumes zu kratzen. Er wird damit der Geliebten geweiht, er ist ein Teil von ihr, ihr Abbild geworden. Die Sitte ist uralt, wird. schon bei den Hellenen bezeugt. Man dedizierte Bäume den Göttinnen wie den Geliebten, indem man ihre Namen in die Rinde der Bäume schnitt. So weihten die Bojäer der Artemis Soteira eine Myrthe, so weiht Properz die Fichte und die Buche seiner Cynthia und schreibt ihren Namen auf sie (Prop. I. 18, 21 fg.). Kallimachos sticht den Namen seiner Kydippe in die Blätter des Baumes (Schol. Aristoph. Acharn. 144). —

So schön die Maien war, so hoch schätzte man Schönheit, Jugend und Tugend der Geliebten ein. So heißt es in der slavonischen Jugend: „schöner Maienbaum, schöne Mädchen“. Und darum stellte man zuchtlosen, anrüchigen, gefallenen Mädchen andere Bäume als die jungfräuliche Tanne oder Birke vor das Haus, etwa die Basel, die auf die unehelichen Kinder hinzielt, oder den Hollunder, den Baum der Schwangeren, oder einen Nußbaumast, eine Eberesche. Schlechten Weibern, schlimmen Mädchen oder Witwen setzte man auch verdorrte oder entblätterte Bäume vor das Fenster. Ein vertrockneter Baumstamm gilt vielfach als Spott für alte und verhaßte Mädchen.

In dem Laub sah das Volk die Jugend, Schönheit und Unschuld; so heißt es im Volkslied (Uhland, Volkslieder Nr. 7A):

Und wann die Lind ihr Laub verliert
Behält sie nur die Äste
Daran gedenkt ihr Mägdlein jung
Und haltet eu´r Kränzlein feste

in Volkserotik und Pflanzenwelt (1908, Dr. Aigremont)



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