Ich bin der Doktor Eisenbarth (1727)

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Ich bin der Doktor Eisenbarth

Ich bin der Doktor Eisenbarth
willewillewitt, bumbum!
kurier die Leut´ nach meiner Art
willewillewitt, bumbum!
Kann machen daß die Blinden gehn
willewillewitt, bumbum!
Und daß die Lahmen wieder sehn
willewillewitt, juchhei!

Zu Köln kuriert‘ ich einen Mann,
Daß ihm das Blut in Strömen rann,
Er wollt immun vor Pocken sein,
Ich impft’s ihm mit dem Bratspieß ein.

Zu Potsdam trepanierte ich,
Den Koch des Großen Friederich:
Ich schlug ihm mit dem Beil vor’n Kopf,
Gestorben ist der arme Tropf.

Des Pfarres Sohn in Donauulm,
Dem gab ich zehn Pfund Opium,
Drauf schlief er Jahre, Tag und Nacht,
Und ist bis jetzt noch nicht erwacht.

Es hatt‘ ein Mann in Langensalz
Ein zentnerschweren Kropf am Hals,
Den schnürt ich mit dem Heuseil zu:
was denkst du wohl, der hat jetzt Ruh!

Zu Ems da nahm ich einem Weib
Zehn Fuder Steine aus dem Leib,
Der letzte war ihr Leichenstein,
Sie wird jetzt wohl zufrieden sein.

Vor Hunger war ein alter Filz
Geplagt mit Schmerzen an der Milz,
Ich hab‘ ihn Extrapost geschickt,
Wo teure Zeit ihn nicht mehr drückt.

Heut früh nahm ich ihn in die Kur,
Just drei Minuten vor zwölf Uhr,
Und als die Glocke Mittag schlug,
Er nicht mehr nach der Suppe frug.

Ein alter Bau’r mich zu sich rief,
Der seit zwölf Jahren nicht mehr schlief,
Ich hab‘ ihn gleich zur Ruh gebracht,
Er ist bis heute nicht erwacht.

Zu Wien kuriert‘ ich einen Mann,
Der hatte einen hohlen Zahn,
Ich schoß ihn ‚raus mit dem Pistol,
Ach Gott, wie ist dem Mann so wohl!

Mein allergrößtes Meisterstück,
Das macht‘ ich einst zu Osnabrück:
Podagrisch war ein alter Knab,
Ich schnitt ihm beide Beine ab.

Der Schulmeister von Itzehöh
Litt dreißig Jahr‘ an Diarrhoe,
Ich gab ihm Cremor-Tart’ri ein;
Er ging zu seinen Vätern ein.

Es litt ein Mann am schwarzen Star,
Das Ding, das ward ich gleich gewahr;
Ich stach ihm beide Augen aus
und so bracht ich den Star heraus.

Zu Wimpfen accouchierte ich
Ein Kind zur Welt gar meisterlich.
Dem Kind zerbrach ich sanft das G’nick,
Die Mutter starb zum Glück.

Der schönen Mamsell Pimpernell
Zersprang einmal das Trommelfell;
Ich spannt‘ ihr Pergament vors Ohr,
Drauf hörte sie grad‘ wie zuvor.

Sodann dem Hauptmann von der Lust
Nahm ich drei Bomben aus der Brust;
Die Schmerzen waren ihm zu groß.
Wohl ihm! Er ist die Juden los.

Vertraut sich mir ein Patient,
So mach‘ er erst sein Testament,
Ich schicke niemand aus der Welt,
Bevor er nicht sein Haus bestellt.

Das ist die Art, wie ich kurier‘,
Sie ist probat, ich bürg‘ dafür,
Daß jedes Mittel Wirkung tut,
Schwör‘ ich bei meinem Doktorhut.

Text und Musik: Verfasser unbekannt
auf die gleiche Melodie wird gesungen

Geschichte dieses Liedes:
Liederthema:
Liederzeit: (1727)
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Zweite Melodie zu "Ich bin der Doktor Eisenbarth"

Zweite Melodie zu
aus dem Nassauischen und den Rheinlanden

Anmerkungen zu "Ich bin der Doktor Eisenbarth"

Spottlied aus dem 18. Jahrhundert auf den Oberviechtacher Arzt Johann Andreas Eisenbarth. „Nach dem Liede war Eisenbarth ein Kurpfuscher, der mit seinen rauhen Kuren vielen Patienten vorzeitigen Tod brachte, ein gewinnsüchtiger Prahlhans, der wegen seines Nichtskönnens hinter Schloß und Riegel gehört hätte. Das Volk glaubte daher lange, Eisenbarth habe nie gelebt und hielt ihn für eine dichterische Sagengestalt. Sie wurde in eine geschichtliche Persönlichkeit zurück verwandelt, als im Jahre 1837 auf dem Friedhof in Hannoversch Münden der Grabstein Eisenbarths gefunden wurde“. Eisenbarth wurde am 27. März 1663 in Oberviechtach geboren , er starb am 11. November 1727 in Hannoversch Münden . Über die wahren Hintergründe dieses Liedes.

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Böhme schreibt in „Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895): „So der gekürzte Text in vielen Volkslieder-, Kommers- und Taschenliederbüchern des 19. Jahrhunderts. Der Text hat noch viele Zusätze und Varianten, z B in Schauenburgs „Allgemeines deutsches Kommersbuch„. Dieses Scherz- und Spottlied von Studenten seit anderthalbhundert Jahren gesungen und später bis heute auch dem Volke sehr bekannt, ist auf einen berühmten Arzt gedichtet, den man bis auf die Neuzeit für eine mythische Person gehalten hat, doch es hat wirklich ein Dr. med Andreas Eisenbart gelebt. Sein Leichenstein steht in der Aegidiuskirche zu Münden.

Danach war Joh. Andreas Eisenbart Königl Großbrit und Kurfürstl Braunschweig-Lüneburgischer priviligierter Landarzt wie auch Königl. Preußischer Rath und Hofoculist von Magdeburg, geb. 1661, gestorben am 11 Nov. 1727 in seinem 66 Lebensjahre und zwar, wie das Kirchenbuch bemerkt, auf der Durchreise im Gasthof zum Wilden Mann nach fünftägiger Krankheit. Er heißt in der Grabschrift der „Hochedle Hocherfahrene weltberühmte“. Diese historische Kunde brachte zuerst Ludwig Boclo in „Der Begleiter auf dem Weser Dampfschiff von Münden nach Bremen“, Göttingen, 1844 S. 9, daher bei Hoffmann Volkstümliche Lieder S. 183 wiederholt. Der Grabstein ist abgebildet in der Illustrierten Zeitung 1862.

Boclo in obiger Schrift bemerkt: Als Verf 1808-1805 in Marburg studierte und das altbekannte Lied „Ich bin der Doctor Eisenbart“ etc im Kreise seiner Kommilitonen oft sang, da konnte er freilich nicht ahnen, dass er nach 40 Jahren zu dokumentieren im Stande sein würde, dass jener parodierte Mann eine Historische Person und ein sehr achtungswerter Arzt gewesen, denn obige Grabschrift ist unmöglich Persiflage. Woher aber solche Verhöhnung eines würdigen Priesters des Aeskulap? Wahrscheinlich gebar sie der Neid der Kollegen, wozu noch etwas Scharlatanerie kam, damals freilich zum Handwerk gehörend. Außer jenem Spottliede gibt’s auch eine dramatische Posse „Der Doctor Eisenbart“, die von herumziehenden Schauspielern noch hie und dort aufgeführt wird.“

Wenn Hoffmann sagt, das Eisenbartlied sei zu Anfang unseres Jahrhunderts [1800] oder noch früher entstanden, so ist seine Angabe dahin zu berichtigen, dass schon 1745 das Lied vom Doctor Eisenbart bekannt war, weil das im selbigen Jahre gedruckte Krambambuli Lied in Str. 53 dasselbe erwähnt. Kurz nach Eisenbarts Tod mag das Lied unter Studenten entstanden und gegen herumziehende Scharlatane gerichtet worden sein. Von obigen Strophen sind einige späterer Zusatz, denn zur Zeit der Entstehung des Liedes und selbst bis 1745 gab’s noch keine Kuhpocken-Impfung (Str. 4) und noch weniger ein kurierter Leibkoch von Friedrich II, da Eisenbart schon 1727 starb.

Doch Studentenulk fragt nicht nach Anachronismen. Auch in der Schweiz ist der Dr Eisenbart gekannt. Im einem Fastnachtsspruche (Tobler: Appenzeller Sprachschatz, S 177) heißt es „I bi der Tokter Eisehurt, i bi zu ala Sacha guet, i hab en altes Weib kuriert …“ Sogar in Frankreich wird es gesungen nach einer französisch zugestuzten Weise „Je suis le Docteur Isembert“

"Ich bin der Doktor Eisenbarth" in diesen Liederbüchern

Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) — Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895) — Gesellenfreud (1913) — Was die deutschen Kinder singen (1914) — Weltkriegs-Liedersammlung (1926) —

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