Ich war noch so jung (Der Bettelvogt)

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Ich war noch so jung (Der Bettelvogt)

Ich war noch so jung, und war doch schon arm,
kein Geld hatt ich gar nicht, daß Gott sich erbarm,
So nahm ich meinen Stab und meinen Bettelsack
und pfiff das Vaterunser den lieben langen Tag.

Und als ich dann auch kam vor Heidelberg hinan
Da packten mich die Bettelvögte gleich hinten und vorne an
Der eine packt mich hinten, der andre packt mich vorn
Ey ihr verfluchten Bettelvögt, so laßt mich ungeschorn

Und als ich kam dann auch vorn Bettelvogt sein Haus
Da schaut der alte Spitzbub zum Fenster heraus
Ich dreh mich gleich herum und seh nach seiner Frau:
Ey du verfluchter Bettelvogt, wie schön ist deine Frau.

Der Bettelvogt den faßt einen grimmen Zorn,
Er läßt mich ja setzen im tiefen tiefen Turm,
Im tiefen tiefen Turm bei Wasser und bei Brot,
Ey du verfluchter Bettelvogt, krieg du die schwere Not!

Und wenn der Bettelvogt gestorben erst ist
Man soll ihn nicht begraben wie nen andern Christ,
Lebendig ihn begraben bei Wasser und bey Brot,
Wie mich der alte Bettelvogt begraben ohne Not.

Ihr Brüder seid nun lustig, der Bettelvogt ist tot,
Er hängt schon im Galgen ganz schwer und voller Not,
In der vergangenen Woch am Dienstag um halb neun,
Da haben sie  ihn gehangen in den Galgen fest hinein.

Er hätt die schöne Frau beinahe umgebracht,
Weil sie mich armen Lumpen freundlich angelacht.
In der vergangenen Woch, da sah er noch hinaus,
Und heut bin ich bei ihr in seinem Haus.

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in: Des Knaben Wundern (1806) — Die deutschen Volkslieder mit ihren Singweisen (Band 2, 1841, Erk) –  Oskar Schade: Deutsche Handwerkslieder (1865, S. 221 f) –
Eine ähnliche Geschichte von Anfang des 16. Jahrhunderts

Liederthema: ,
Liederzeit: vor 1806 : Zeitraum:
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Zweite Melodie zu "Ich war noch so jung (Der Bettelvogt)"

Zweite Melodie zu Ich war noch so jung (Der Bettelvogt)
Mündlich aus der Gegend von Magdeburg (1841)

Abweichungen im Text

In Deutsche Handwerkslieder (1865) steht eine weitere Textfassung mit identischer erster Strophe, dann ab Strophe 2:

Und als ich nun kam in eine Stadt hinein
Da sollt ich von dem Bettelvogt gefangen sein
Der eine zupft mich hinten der andre zupft mich vorn
Ei du verdammter Bettelvogt laß du mich ungeschorn

Da führten sie mich ins Zuchthaus hinein
Da drinnen sollt ich sitzen und dabei lustig sein
Da drinnen sollt ich sitzen bei Wasser und bei Brot
Ei du verdammter Bettelvogt krieg du die Schockschwerenot

Da führten sie mich zum Zuchthaus hinaus
Da schaut der alte Bettelvogt zum Fenster heraus
Da zog ich meine Hosen ab und weiste ihm den A…
Ei du verdammter Bettelvogt leck du mich doch im A …

Den Degen den er trägt den trägt er nicht mit Recht
Darunter steht geschrieben du alter Schindersknecht
Darunter steht geschrieben der Galgen und das Rad
Was so ein alter Bettelvogt verdienet hat

Und wenn erst so ein Bettelvogt gestorben ist
Begraben soll man ihn nicht wie einen andern Christ
Man soll ihn schmeißen ins Scheißhaus hinein
Das soll dem alten Bettelvogt sein Begräbnis sein

Text: „Häufig von Gesellen und jungen Handwerksmeistern in Weimar gesungen Hat noch andere Strophen, die aber nicht mitteilbar sind“ (Deutsche Handwerkslieder, Oskar Schade, 1865, S. 222 f)

Anmerkungen zu "Ich war noch so jung (Der Bettelvogt)"

Die Mel Nr 69 ist von F. H. Himmel komponiert und findet sich auf S.10 und 11 unter Nr. 4 des folg. Werks „Zwölf alte deutsche Lieder aus des Knaben Wunderhorn mit Begleitung des Pianoforte komponiert von F. H. Himmel, Königl Preuß Hofkapellmeister und Kammerkompositeur, 27 Werk Leipzig bei A. Kühnel

Vergl Wunderhorn B 1 S 100 -101 — Schlesische Volkslieder von H. Hoffmann v. F. Leipzig 1849 S 245 246 Mel v Himmel –  A Kretschmer’s Deutsche Volkslieder Berlin 1840 Th I S 272 – 273, T. II S 150 151