Ich armes Käuzlein kleine

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Ich armes Käuzlein kleine

Ich armes Käuzlein kleine
wo soll ich fliegen aus
Bei Nacht so gar alleine
bringt mir so manchen Graus
das macht der Eulen Ungstalt
ihr drauen mannigfalt

Mein Gfieder will ich schwingen
Gen Holz in grünen Wald
Die Vöglein hören singen
Durch mancherlei Gestalt
Ob allen liebt mir die Nachtigall
Der wünsch ich Glück und Heil

Der Ast ist mir entwichen
Darauf ich ruhen sollt
Sein Blättlein all verblichen
Erst ward mein Freud verzalt
Das schafft der Eulen böse Tück
Ihr Treu dient mir zu Rück

Text und Musik: Verfasser unbekannt
Bei Forster III, 1549, Nr. 11, mit Tonsatz von J. v. Brant, wie hier.
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 432a, weitere Fassung unter 432b)

Das arme Käuzlein steht bildlich für einen Liebenden, der sich bei Tage nicht sehen lassen darf, darum zur Nacht zu seiner Geliebten (der Nachtigall) geht. Trotzdem hat er aber kein Gluck, weil Kläffer (der Eulen böse Tück) ihn überall verfolgen. —

Liederthema:
Liederzeit: (1549)
Schlagwort: |

Anmerkungen zu "Ich armes Käuzlein kleine"

Erklärung:

  • 1, 6 drawen, drauen, dräuen, drohen, warnen (nicht „trauern“ wie das Wdh. setzt)
  • 2, 5 liebt mir, gefällt mir
  • 3, 3 deutet auf das Grün der Hoffnung
  • 3, 4 verzalt, partizip von verzellen, abgesprochen, verworfen, geächtet.
  • 3, 4 erst, nun erst recht ward meine Freude vereitelt.
  • 3, 6 zu Rück, zurück, verkehrt: ist mir hinderlich.

Eine längere, allegorische Klage des Käuzleins von seiner Liebe zur Nachtigall: „Ich armes fogelin, ein Kuilin ist mein nam …“ — aus einer Handschrift zu Anfang des 13. Jahrhunderts steht in Fichards Frankf. Archiv III, 263; neunzeilige Strophen. — Wieder ein Text vom Jahr 1537 mit 8 Strophen im Weimararer Jahrbuch I, 117. — Die Melodie nochmals bei Forster daselbst Nr. 64 mit Tonsatz von Othmeyer, Text in einigen Worten anders: 1 2 „Wo soll ich armer aus“ und 1,3 „bei Nacht fliegen allein (so Uhland 14 B)

Das Wunderhorn I, 210 (a. A. 233), bringt Forster’s Text abgeändert und mit Zusatz, Goethe bemerkt dazu:  „Wunderlich, von tiefem, ernstem, köstlichem Sinn.“ —  Die Wunderhorn-Fassung vertont von Luise Reichardt (1779-1826), Robert Alexander Schumann (1810-1856) und  Julius Weismann (1879-1950)

Die Version in „Des Knaben Wunderhorn“ (1808):

Ich armes Käuzlein kleine
Wo soll ich fliegen aus
Bei Nacht so gar alleine
Bringt mir so manchen Graus
Das macht der Eulen Ungestalt
Ihr Trauern mannigfalt

Ich wills Gefieder schwingen
Gen Holz in grünen Wald
Die Vögel hören singen
In mancherlei Gestalt
Vor allen lieb ich Nachtigall
Vor allen liebt mich Nachtigall

Die Kinder unten glauben
Ich deute Böses an
Sie wollen mich vertreiben
Das ich nicht schreien kann
Wenn ich was deute tut´s mir leid
Und was ich schrei ist keine Freud´

Mein Ast ist mir entwichen
Darauf ich ruhen sollt´
Sein Blättlein all‘ verblichen
Frau Nachtigall geholt
Das schafft der Eulen falsche Tück
Die störet all mein Glück

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