Bremer Stadtmusikanten

Ich war erst sechzehn Sommer alt (Phidile)

Liebeslieder | , | | 1770 |

Ich war erst sechzehn Sommer alt
Unschuldig und nichts weiter
Und kannte nichts als unsern Wald
Als Blumen, Gras und Kräuter

Da kam ein fremder Jüngling her
Ich hatt ihn nicht verschrieben
Und wußte nicht wohin noch her
Der kam und sprach von Lieben

Er hatte schönes langes Haar
Um seinen Nacken wehen
So einen Nacken, als der war
Hab ich noch nie gesehen

Sein Auge, himmelblau und klar!
Schien freundlich was zu flehen
So blau und freundlich, als das war
Hab ich noch kein´s gesehen

Und sein Gesicht, wie Milch und Blut
Ich habs nie so gesehen
Auch was er sagte, war sehr gut
Nur konnt ichs nicht verstehen

Er ging mir allenthalben nach
Und drückte mir die Hände
Und sagte immer O und Ach
Und küßte sie behende

Ich sah ihn einmal freundlich an
Und fragte, was er meinte
Da fiel der junge schöne Mann
Mir um den Hals und weinte

Das hatte niemand noch getan
Doch war´s mir nicht zuwider
Und meine beiden Augen sahn
In meinen Busen nieder

Ich sagt ihm nicht ein einzig Wort
Als ob ich´s übel nähme
Kein einzigs, und – er flohe fort
Wenn er doch wieder käme

Text: Matthias Claudius , 1770 (1740-1815) , aus dem Kleine Balladen und Lieder Heft VII , zuerst in den von Matthias Claudius herausgegebenen Hamburger-Adreß-Comptoir-Nachrichten von 1770, 28. Stück, 5. April 1770
Musik: Johann Friedrich Reichardt (1779) , auch von Kapellmeister Schulz
in Die Volkslieder der Deutschen (1834) — Als der Großvater die Großmutter nahm (1885) —

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