Herzu – Der Deutsch-Franzose

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Herzu – Der Deutsch-Franzose

Herzu! ein neuer Pantalon
ist auf den Markt gekommen
Den Eierlatan jagt er darvon
hat ihm den Platz genommen.
Der seltsam Kund
in einer Stund
wird tausend Possen reißen
Bist du ein Mann trutz schau ihn an
unds Lachen tu verbeißen

Du musst anfangen bei dem Haar
Wenn d‘ nichts willst übersehen
Kommst dus zu Füßen, hast dus gar
Wie bald ist es gesehen
Die Zeit dir klein und kurz wird sein
Tu kecklich mir drum trauen
Wird weder dich noch reuen mich
Wann wir ihn mal beschauen

Was ist das für ein Strobbelhaar?
Ich glaub er zigle Ratzen
Vielleicht nur einmal in dem Jahr
Tun kämmen ihn die Klotzen.
Sein Haar ist gwest ein Storchennest
Krumm hin und wiederbogen
Er hat ein Schopf wie ein Wiedhopf
viel Volks darin erzogen.

Am linken Ohr hängt ihm herab
Ein a la mode Zotten
Den läßt er wohl nit stutzen ab
Bei Leibstraf ists verboten
Er dünkt sich toll, wenn ihm sein Woll
Herumschwebt vor den Augen
Ist lang und dick, für einen Strick
Tät es dem Henker taugen.

Bald flicht er ihn wie einen Zopf
Tut ihn zusammen drehen
Läßt doch für gehn ein kleinen Kopf
Damit man ihn könn‘ sehen
Er bindt darein ein Nestelein
Dass er beim Krämer gfunden
Ein Dama nennt, die ihn nie kennt.
Sagt, habs ihm eingebunden.

Sein Hut ist voller Federbüsch
Als wenn er wollte fliegen
Es gäb ein guter Flederwisch
Damit man kehrt die Stiegen
Er machts mit Fleiß halb gelb, halb weiß
Fein g’schecket wie die Narren
Er schwingt sich schon und schwingt darvon
Will hier nit länger harren.

Sein Bart ist spitzig überaus
Krumm hin und wider bogen
Ich glaub, es sei ein Fledermaus
Ihm für das Maul geflogen
Mich dünkt, wie dass unter der Nas
Die Flügel sie ausbreite:
Ein schöne Art von Ratzenbart
Braucht, dass man ihn beschneide

Das Streichen währt den ganzen Tag
Und sonderlich am Morgen
Bis er sich schickt leidt er viel Plag
Und wundergroße Sorgen
Muß spitzig sein, ein Nädelein
Könnt man damit einfödeln
Es ist kein End, all beide Händ
Haben daran zu knödeln.

Ein Leilach, wenn es klecken kann.
Braucht er für einen Kragen
Ein Hasengarn hängt unten dran
Tut Läus und Flöh drein jagen
Er dient ihm stets als Fazolett
Das Maul tut er dran putzen
Stärkt ihn mit Schmutz, der Hudelbutz
Mit Falten tut er stutzen

Um seinen Hals trägt er zumal
Ein breite rote Binden
Damit ihn kein Katarrh befall
Er könnt sonst nicht mehr schlinden
Das Hälfelin ist weiß und rein.
Es möcht’s die Sonne verbrennen.
Der lose Tropf verdeckt den Kropf
Man möcht den Schmid (Schelm) sonst kennen

Zu dem Reitmantel, den er trägt
Kaum zwanzig Ellen klecken
In Ärmeln, die er überschlägt
Könnt er zween Dieb verstecken
Das Tuch ist rot, es wäre Not
Wanns gibt ein großen Regen
Daß allemal ein Futteral
Er drüber tät anlegen

Da braucht es Müh und Arbeit viel
Den Mantel recht zu tragen
Wann er hinauf ihn ziehen will
So kriplet (runzelt) er den Kragen
Er tut allzeit auf einer Seit
Gar weit hinunter hangen
Liegt viel daran, dass man auch kann
In schönem Wammes prangen.

Das Wammes wie ein Vogelhaus
Zerhauen und zerstochen
Ach lieber Gott, wie manche Laus
Ist aus und ein gekrochen
Es ist dabei ein Vorteil frei
Er kanns nit besser z’reißen
Er bessert noch, wird nur ein Loch,
Wenn zwei zusammen schleißen

Damit er noch mehr Luft empfang
Tut er die Knöpf aufschließen
Im Winter ist ihm heiß und bang
Er würd sonst schwitzen müssen
Der Nestel viel ohn Maß und Ziel
Sind um und umher Kunden
Er gab wohl ab ein Nestel-Schwab
Wie man schon längst hat funden

Die Hosen sein nit genestlet ein
Daß Hemmet zeigt er allen
Ich fürchte oft, daß unverhofft
Die Hosen ihm ’nabfallen
Wiewohl er viel Knöpf aufgelöst
Der größt ist noch beschlossen
Er bleibt ein Dölpel, wie er g’west
Kann nichts als Schlösser Possen

Die Tätzle wie die Kuttelfleck
Jetzt auf jetzt nieder schlingen
Wann er die Händ vom Leib hinweg
Tut hin und wieder schwingen
Hat Händschuch an, die man wohl kann
Ein halbe Meil weit schmecken
Wo das nit wär, so stänk er mehr
Vor allen andern Böcken.

Er weiß gar nit mehr, wie er soll
Den Degen jetzt anhenken
Er will sich ninderst schicken wohl
Hat zwanz’gerlei Bedenken
Tut ihn vielmehr ganz hintenher
Als auf der Seiten tragen
’s leben noch all, die er zumal
Auf einen Streich erschlagen.

Die Bloderhosen um die Knie
Sind weiter als um d‘ Lenden
Die krummen Haxen (Schenkels) sieht man nie
Damit sie ihn nit schänden
Ein Spannen weit, drei Finger breit
Sind sie am End aufgschnitten
Dort kratzt er sich, wann er hat Stich
Von einem Floh erlitten.

Groß Fischerstiefel hat er an
Soweit als ein Rührkübel (Waschkübel)
Nit gnugsam er drein prangen kann
Wiewohl sie stehn gar übel
Ein Regenfaß kann man zum Spaß
Gar leicht daraus formieren
Sie wackeln nicht, sind fest gericht
Auf Stöcklein sich fundieren.

Groß Sporenleder hat er an
Seind breit ein halbe Ellen
Gallotschen hangen unten dran
Ich mags nit alls erzählen
Wie ein Pflugrad er Sporen hat
Mit Resonant hell klingen
Wiewohl er sie (sich) vielleicht gar nie
Tut auf ein Pferd ’nauf schwingen.

Bisher hast du besichtigt zwar
Den Affen aufgeputzet
Jetzt nimme die Geberden wahr
Ob er schon drüber stutzet
Wie er sich hält zu Haus, zu Feld
Bei andern Seinesgleichen
Er fecht‘. er reit‘, er tanz‘, er streit
Es soll uns nichts ausweichen.

Der trutzig Gsell prangt (tritt) da herein
Als wollt er alle fressen
Ist allzeit doch beim Sonnenschein
Hinter dem Ofen gsessen
Die deutsche Sprach ist all sein Sach
Kann kein Hund anders locken
Sein Vater sitzt und Stecken schnitzt
Sein Mutter sitzt am Rocken.

Kommt er zur Bursch, tät er zur Stund
Basalamana schneiden
Zeucht ab den Hut, fährt zu dem Mund
Sagt Servitor von weiten
Macht Cortesie, biegt doch die Knie
Gar nicht oder nur wenig
Das Haupt er bückt, die Achseln zuckt
Und stellt sich untertänig

Wann er dann in die Kirchen geht
Auf ein Fuß kniet er nieder
Er macht kein Kreuz, spricht kein Gebet
Er greift nur hin und wieder
Er dreht sein Bart zusammen hart
Streicht d’Ratzenschnauz zur Seiten
Gar weit von hin mit seinem Sinn
Tut er spazieren reiten

Sein Red ist lauter Phantasei
Viel schwätzen und viel lügen
Er lügt daher ohn alle Scheu
Dass sich die Balken biegen
Erzählet frei, wie dass er sei
In fremden Landen gwesen
Er könnt viel Sprach, kann allem nach
Ja kaum ein Buchstab lesen

Er lügt daher manch Rittertat
Die er nit hat begangen
Wie er belagert jene Stadt
Und jenen Kriegsmann gfangen
In einem Streich Hab er zugleich
Zween Kürassier erschlagen
Kein toten Hund hat er verwundt.
Er tät an ihm verzagen

Er schwätzet noch viel anders mehr.
Kein keusches Ohr sollt’s hören
Er schneidt grob drein mit seiner Scher
Ein Speck fürs Maul tät hören
Das Herz und Maul seind beide faul
Tun gar unflätig stinken
Man schmeckt gar wohl, der grobe Knoll
Ghört nur zu den Mistfinken.

Wann er dann auf die Fechtschul geht
Sich da zu exerzieren
Und einer ihm entgegen steht
Die Wehr tut präsentiern:
Da zaust (zuckt) er zwar, jedoch nit gar.
Er tut zuletzt eins wagen
Fängt fechten an, er muß wohl dran
Man thät ihn sonst ausjagen.

Jetzt nimmt er ein Postur an sich
Jetzt spanisch, jetzt französisch
Passiert jetzt durch jetzt über sich
Haut drein zuletzt poläkisch
Weil ers nit kann, so lauft er an
Und tut die Nas verstoßen
Das rote Blut verderbt den Mut
Ihm gfallen nit die Possen

Auf dem Tanzboden läßt er sich
Im Jahr nit zweimal sehen
Er hupst in d‘ Höh gar wunderlich
Kann nichts als rummer drehen
Macht Capriol als wär er voll
Tut hin und wieder fallen
Hurtig darzu als wie ein Kuh
Fällt nieder, dass tut knallen.

Die Reitschul sucht er selten heim
Er tut vorbei nur schnurren
Er hat ein hinkend Pferd daheim
Ein alte krumme Gurren
Gibt ihr kein Heu, kein Futterei
Läßt sie nur wenig grasen
Sie geht den Zelt, bis daß sie fällt
Den vierten Schritt auf d‘ Nasen.

Hiermit so end ich mein
Vom Allomodo g’sungen
Wer es nit leiden mag, der
Und binde mir die Zungen
Der Eitelkeit zu dieser Zeit
Dienen viel solcher Lappen
Welche zumal verdienen all
Ein große Narrenkappen

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 310)

„Das ist ein Straf- und Spottlied auf die damaligen Modetorheiten der Deutschen und ihr Nachäffen der französischen Moden. Das Stutzertum nach französischem Zuschnitt beginnt in deutschen Städten von 1628 ab (s. G. Freytag, Bilder der Vorz. 3. Bd.. 1867. S. 200).

Liederthema:
Liederzeit: (1637)
Schlagwort: |

Anmerkungen zu "Herzu – Der Deutsch-Franzose"

Texterläuterungen:

  • Allsmodo (a la mode), Spottnamen für einen Mann nach der Mode, feiner Weltmann, Stutzer. —
  • 2, 5 kecklich, dreist, mutig.
  • 3, 2 ziglen, von ziehen, heranziehen, fangen.
  • 5, 5 Nestlein, Nesteln, gebogene Nadeln zum Befestigen.
  • 9, 1 Leilach, Betttuch; Necken, helfen, reichen.
  • 9, 7 Fazolett, ital. fazzoletto, Nastuch.
  • 14, 7 Anspielung auf die 7 Schwaben (Spiegelschwab, Knöpflesschwab etc )
  • 16. 1 Tätzle, Handkrause. Manschette.
  • 16, I Kuttelfleck, in Stücke geschnittene Eingeweide und Magen vom Rind, eine Speise.
  • 16, 6 schmecken für riechen.
  • 17, 3 ninderst, nirgends.
  • 18, 1 Pluderhosen, weite, faltige lange und schlotternde Beinkleider.
  • 23, 1 Bursch, Burs, Zusammenkunft zum Vergnügen auf gemeinsame Kosten, zur Bursch kommen, zur feinen Gesellschaft,
  • 23, 2 Basalamana, vom span. baso las manos — ich küsse die Hände.
  • 29, 1 Positur, Stellung.
  • 31, 7 Zelt, langsamer, wiegender Gang.

Text und Melodie auf einem fliegenden Blatt: 8°, 8 Bll., K. Bibl. Berlin VS 7854, 32, Titel: Newes Allarnodo Lied. Allen Teütschcn Frantzosen zu Lieb und zu Ehren gemacht. In seiner aygenen hinzugesetzten Melodey zu singen, Getruckt im Jahr 1638. —

Aelteres fl. Bl. mit derselben Melodie und denselben 32 Strophen war in Maltzahns Sammlung 423b(geschrieben) : „Teutscher Frantzoß. Das ist: Ein newes Allamode-Gesang. Im Ton: dem Narren hengt man Schellen an, vnd laußt jhm mit dem Kolben,“ Gedruckt zu Innsbruck, bei Johann Güchen. Anno MDCXXXVII. —

Ein abweichender Text von bloß 28 Strophen im Wunderhorn II, 470 (Birlinger’s Ausg. II, 559) mit dem Anfange : Hört zu, ein neuer Pantalon. Die Quelle ist nicht angegeben, die Angabe 1650 zweifelhaft und der Titel selbst gemacht. Die Abweichungen hat Dr. J. Bolte in der Alemannia, XVIII S. 72 zusammengestellt. Er nimmt an: der Druck aus Amim’s Sammlung, der dem Wunderhorn zn Grunde liegt, sei ein späterer und schlechterer.

Ich halte die Fassung dort für eine Umarbeitung und Kürzung durch die Wunderhorn-Herausgeber, darin manche Rohheiten gemildert, andere entfernt sind. — Ich folge dem fl. Bl. und nur an einzelnen eingeklammerten Stellen, wo die Unfläterei zu stark auftritt, habe ich die Lesart vom Wunderhorn vorgezogen. (Böhme)

Verwandte Texte sind: Das Klagelied der Landsknechte über Pluderhosen 1555 (s. Altd. Ldb. 414 und Uhl. 192), ein Lied bei Scheible, die fl. Blätter des 16. und 17. Jahrh., Stuttg. 1850 S. 20. Opel und Cohn, der dreißigjährige Krieg, 1862, S. 112. Rothmann, Lustiger Poete, 1711, S. 19. Alemannia 9, 53. — Über die ganze Gattung solcher Lieder und damalige Zeitrichtung handelt Erich Schmidt. Charakteristiken, 1886. S. 63—84: Der Kampfe gegen die Mode. —

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