Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? (Erlkönig) (1782)

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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? (Erlkönig)

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht?
Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif?
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.

Du liebes Kind, komm geh‘ mit mir!
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
In dürren Blättern säuselt der Wind.

Willst feiner Knabe du mit mir geh’n?
Meine Töchter sollen dich warten schön,
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort?
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau.

Ich lieb dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
Erlkönig hat mir ein Leids getan.

Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind,
Er hält in den Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not,
In seinen Armen das Kind war tot.

Text: Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) – nach einer alten Ballade
Musik: vielfach vertont: a) zuerst von Corona Schröter (1782) – b) J. Fr. Reichardt (1752-1814) – c) Schubert — d) mehr als 50 andere Kompositionen bis 1893
Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895)

Zweite Melodie zu "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? (Erlkönig)"

Zweite Melodie zu
Die Melodie von Reichardt

Anmerkungen zu "Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? (Erlkönig)"

Ballade von Goethe 1781 oder 82 entstanden und eingelegt in „Die Fischerin“, ein Singspiel. Auf dem natürlichen Schauplatz zu Tiefurth vorgestellt 22. Juni 1782. Dort hat sie Dörtchen zu singen. Zuerst gedrudt in Bertram’s Litteratur und Theaterzeitung 1782 III B S 593, dann erst in Goethes Werken VII 1808. Bei der Tiefurter Aufführung wurde die Ballade von Corona Schröter, damaliger Kammersängerin in Weimar, nach einer von ihr selbst komponierten Melodie gesungen. Ich gebe oben die beschriebene Melodie aus „Fünfundzwanzig Lieder mit Clavierbegleitung“ von Corona Schröterm Weimar, 1786, Nr 17.

Musikalisch wertvoller ist schon die Musik von Fr Reichardt (s. oben). W. Tappert hat in der neuen Berliner Musikzeitung 29 Juli 1893 nicht weniger als 50 ihm bekannt gewordene Kompositionen des Erlkönigs verzeichnet. Wir vermögen jetzt Goethes Ballade nur mit der unvergleichlichen Musik von Franz Schubert op 1 zu genießen, wenn wir uns nicht mit bloßer Rezitation begnügen wollen. In Studentenkreisen sang man zum Ulk die Ballade nach der Melodie „Ich bin der Doktor Eisenbarth“.

Goethes Erlkönig gehört bekanntlich in den Kreis der Elfenmärchen. Inhalt und Anfang erinnern sehr an die nordische Ballade „Herr Oluf reitet so spät und weit“ (s Liederhort I S 18) Man hat darum Goethes Gedicht eine glückliche Nachbildung dieser kurz vorher von Herder übersetzten Ballade genannt. Mag aber auch für Goethe die Anregung von dorther gekommen sein, immerhin bleibt sein selbständiges Schaffen an diesem Meisterwerke unverkennbar. Am Inhalte derselben macht Vilmar (Handbüchlein S. 160) einige Ausstellungen.

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