Es steht ein Lind in diesem Tal (1550)

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Es steht ein Lind in diesem Tal

Es steht ein Lind in diesem Tal
Ach Gott, was macht sie da?
Sie will mir helfen trauren
Daß ich kein Buhlen Hab

So traur, du feines Lindelein,
Und traur das Jahr allein!
Hat mir ein brauns Meidlein verheißen,
Sie wöll mein eigen sein.

Ich kam wol in ein Gärtelein,
Darinnen ich entschlief;
Mir träumet also süße
Wie mein feins Lieb gegen mir lief.

Sie thät mich freundlich umfangen,
Sie gab mir viel der Freud;
Nach ihr steht mein Verlangen,
Ich wünsch ihr viel der guten Zeit.

Und da ich auferwachet.
Da war es alles nicht:
Denn nur die lichten Röselein
Die reisten her auf mich.

So reis, so reis, feins Röselein,
So laß dein Reisen sein;
Hat mir ein feins Meidlein verheißen
Sie wöll mein eigen sein.

Da brach ich mir der Blättlein ab
Als viel als ich ihr fand.
Und gabs der Allerliebsten mein
In ihr schneeweißen Hand.

Da macht sie mir ein Kränzlein drauö
Und setzet mirs auf mein Haar;
Das Kränzlein thät mich erfreuen
Viel länger denn ein Jahr

Und da das Jahr Herumher war
Das Kränzlein mir verdarb
Was fraget ich nach dem Kränzelein
Da ich mein feins Lieb erwarb?

Das Liedlein sei gesungen
Der Liebsten zu Dienst gemacht
Ich wünsch ihr viel Freud und Wunne
Und auch viel guter Nacht

Text und Musik: Verfasser unbekannt
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 406 „Die Linde im Tal“)

Liederthema:
Liederzeit: (1550)
Schlagwort: |

Zweite Melodie zu "Es steht ein Lind in diesem Tal"

Zweite Melodie zu
aus "68 Lieder" von Berg und Newber 1550

Anmerkungen zu "Es steht ein Lind in diesem Tal"

  • 5, 2 Nicht in älterer Sprache für nichts (s. Grimm, Gr. 3, 67),
  • 5, 4 reisen, mhd. risen, herabfallen. In der Tonangabe ist aus Mißverständnis; reuff statt reif (falle) gedruckt. —

Text: Fl. Bl.. 8°, 4 Bll.: „Gedruckt zu Nürnberg, durch Valentin Newber“ (ca. 1550). Von 2 Liedern das erste „Im thon So reuff, so reuff, du küler thaw.“ Abdruck: Wdh. 4. S. 1. Der Druck hat bald do, bald da; wir haben das letztere durchweg gesetzt. Gleichlautender Text Uhland, Nr. 27 nach einem fl. Bl. aus Augsburg. Erste Melodie und bloß eine Strophe bei Forster, frische Liedlein, V, 1556, Nr. 18. Anfang in zwei Worten bei Forster abweichend (wie man oben sieht). Verwandte Texte Wdh. II, 223 (a. A. 221); III; 10« la. A. 105) ; Büsching, S. 200. Weiter unten werden noch ähnliche Traumlieder folgen, die hier an Strophe 3 sich anschließen (Böhme)

* Die Linde spielt in der Volkspoesie, besonders in Liebesliedern, eine Hauptrolle. In ihrem Schatten und Abends in ihrem Blütenduft kosen so gern die Liebenden. Hier klagt und träumt ein Jüngling unter der Linde über entschwundenes Liebesglück, überhaupt war sie der National- und Lieblingsbaum der Deutschen von jeher: ihn pflanzten sie vor ihren Höfen und Dörfern, auf ihren Begräbnißplätzen und Marktscheiden (Flurgrenzen) , später vor Kirchen und Kapellen, Unter dem breiten, schattigen, heilsam duftenden Laubdache der Linde sammelten sich die spielenden Kinder, führte der Jüngling das Mädchen zum Reigen, spielte der fahrende Sänger seine Weisen, erlabte sich der Hausvater zum Feierabend im Kreise der Seinen oder im traulichen Gespräche mit seinen Nachbarn; unter ihr pflog der Hofmaier, der Dorfschulheiß, der Gau- oder Landgraf seines Gerichts. (Böhme, Liederhort II S. 218)

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