Ein Reislein am Hute

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Ein Reislein am Hute

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Ein Reislein am Hute, den Stab in der Hand
zieht rastlos der Wandrer von Lande zu Land
betritt manche Straßen und sieht manchen Ort
darf nirgends verweilen, es rufet ihn fort

Viel Rosen sieht er am Wege blühn
Muss eilenden Schrittes vorüber fliehn
Sie duften so lieblich, sie nicken ihm zu
Er darf sie nicht brechen, es lässt ihm nicht Ruh

Es winket ein Häuslein am Bergesgesenk
Umgürtet mit üppigem Traubengehäng
Da wollt’s ihm gefallen, da sehnt er sich hin
Da kann er nicht weilen, muss weiter ziehn

Ein liebliches Mädchen redet ihn an
Seid freundlich willkommen wandernder Mann
Er sieht ihr in’s Auge, sie drückt ihm die Hand
Doch fort muss er wieder in anderes Land

So bietet das Leben ihm manchen Genuss
Das Schicksal bestraft ihm den zögernden Fuß
Und steht er am Grabe und schauet zurück
Nicht hat er genossen das irdische Glück

Text und Musik: Konrad Rotter (1825)
in Volkstümliche Lieder der Deutschen (1895)

Anmerkungen zu "Ein Reislein am Hute"

Das Original von Text und Melodie mit Klavierbegleitung (letztere war sehr einfacher Art: Vorschlagen des Basses und zweimaliges Nachschlagen des Akkordes für jeden Takt) hatte die Witwe Rotters während ihres Berliner Aufenthalt 1868 an Ludwig Erk abgegeben mit folgendem Briefe:

„Unter den vielen deutschen Gesängen, die in der Neuzeit mit Angabe des Autors und des Komponisten der Melodie in verschiedenen Buchhandlungen als Liederbücher gesammelt erscheinen, befindet sich ein Liedchen, welches sich durch seinen Text wie einfache ansprechende Melodie viel Freunde erworben. Es wird in so vielen Gegenden Deutschlands vom verschiedensten Publikum gesungen, es wird in einem neuern Liederbuch in schwäbischer Mundart als von dort stammend angeführt, und doch liegt es uns näher, da in Schlesien der Dichter lebte. Ich als die Witwe desselben vermag darüber nähere Auskunft zu erteilen. Das Liedchen „Ein Reißlein am Hut (nicht Sträußchen), den Stab in der Hand“ etc wurde von meinem Manne als Student, als er mit einigen Kommilitonen im Jahre 1825 eine Ferienreise durch die Grafschaft Glatz unternahm, einer jungen Dame zu Ehren, die er kennen lernte, sich aber schnell von ihr trennen musste, verfasst und führt in seinem Tagebuch die Aufschrift „Wandrers Unglück“.

Auf welche Weise es sich so allgemein verbreitet, war ihm oft selbst undenkbar, da eben nur seine Freunde wie die junge Dame darum wussten, es war ihm aber stets ein herzliches Vergnügen, es vom Postillon, Handwerksburschen oder in andern Kreisen zu hören, seine große Bescheidenheit gestattete ihm nicht, sich als Verfasser zu bekennen. Mein Gatte war geboren 1801 den 23. November zu Wünschelburg am Fuße der Heuscheuer in der Grafschaft Glatz, Sohn des dortigen Schulrektors Rotter, bezog er das Gymnasium in Glatz, um später in Breslau Philologie zu studieren und erwarb sich durch seinen Geist, persönliche Liebenswürdigkeit und Genialität wie musikalisches Talent, einen großen Freundeskreis. Seine erste Anstellung erhielt er in Gleiwitz am katholischen Gymnasium, wo er bis 1839 blieb, wurde von dort an das Matthias-Gymnasium in Breslau versetzt, wo er bis zu seinem Tode (25. Februar 1851) als erster Oberlehrer wirkte.  Seine übrigen Gedichte befinden sich als Originale in meinen Händen.

Berlin am 4. 4. 68
B. Rotter geb. Bogdahn
z. Zt.  in Berlin in der Familie des Herrn Dr. Kletke

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