Die Sage von Klaus Störtebeker und Gödeke Michels


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Von Störtebeker aber gibt es noch vielerlei Reminiscenzen. Sein Hemd und seine Pantoffeln sind zu Emden bis auf den heutigen Tag aufbewahrt worden und werden dort gezeigt. Zu Marienhaven aber spukt es noch jetzt zur Nachtzeit seit jener Zeit. Wenn nämlich die Turmuhr die Mitternachtsstunde verkündet, hört man in den untern Räumen des dasigen Kirchturms ein gewaltiges Poltern und lautes Stöhnen; zuweilen sieht man dort auch eine männliche Gestalt wandeln, welche ihren blutigen Kopf unter dem Arme trägt.

Das ist ein Räuber aus der Schaar Störtebekers, der hingerissen von der Schönheit einer Edeljungfrau aus der Umgegend daselbst um dieselbe freite, da sie aber seinen Antrag ablehnte, weil sie bereits einem jungen Ritter verlobt war, mit seinen Helfershelfern sie raubte, entführte und in den Turm zu Marienhaven brachte. Aber die Unglückliche zog den Tod der Schande vor und stürzte sich aus dem Fenster des Gemaches in die sie verschlingende Flut. Der Räuber ward später enthauptet, allein das Grab konnte ihn nicht behalten, sondern er muß wandeln bis zum jüngsten Tage.

In Hamburg gibt es ebenfalls noch verschiedene von Störtebeker aufbewahrte Merkwürdigkeiten. So soll da eine kleine Flöte oder Pfeife, mit der er auf dem Schiffe im Sturm oder Kampf seine Signale gab, nebst der dazu gehörigen silbernen Halskette in der Kämmerei gewesen sein. Eine 19 Fuß lange eiserne Kanone, eine sogenannte Feldschlange, sowie Störtebekers Harnisch hat man daselbst in dem vormaligen Zeughause aufbewahrt. Das Richtschwert Meister Rosenfelds kann noch jetzt im Arsenal des Bürgermilitärs gesehen werden. Eine kleine Holzfigur, einen Neger vorstellend, zeigte man als »Störtebekers Pagen« in der Schiffer-Gesellschaft, sie ist aber beim Brande von 1842 abhanden gekommen.

Als größte Merkwürdigkeit Hamburgs aber und als zweites Wahrzeichen der Stadt (das erste und älteste war der Esel mit dem Dudelsack im Dom) galt sonst der sogenannte Störtebeker, ein silberner Becher, aus dem er getrunken haben soll. Auf diesem Becher, der etwa 11/2 Elle hoch ist und vier Bouteillen faßt, ist eine Seeschlacht dargestellt, die mit dem andern Bildwerk darauf Störtebekers Leben andeuten soll. Er ist aber, wie schon die darauf eingegrabenen schlechten hochdeutschen Verse lehren, später angefertigt und sicher nicht von ihm gebraucht gewesen. Er befand sich früher in der Schiffer-Gesellschaft, und wer sonst nach Hamburg kam, pflegte dorthin zu gehen, einen Trunk daraus zu tun und seinen Namen in ein dabei liegendes Buch einzutragen. Jetzt befindet er sich im Schiffer-Armenhause.

Daß Störtebekers Besiegung für ein höchst denkwürdiges Ereignis angesehen ward, beweist der Umstand, daß man darauf eine Medaille mit seinem Bildnisse und passender Inschrift schlug. Als sein Portrait hat man Jahrhunderte lang einen oft vervielfältigten alten Kupferstich, welcher einen grimmig ausschauenden Mann darstellt, angesehen, allein neuere Forschungen haben bewiesen, daß derselbe gänzlich unecht ist. Das alte »Störtebeker-Lied« ist dagegen noch vor 150 Jahren vielfach im Volke gesungen worden, sein Name aber heute noch an der Küste von Ostfriesland populär.

Quelle: S. Beneke, Hamburgische Geschichten u. Sagen. Hamburg 1854 S. 110,  Deecke, Lübische Sagen S. 161., daher in: Johann Georg Theodor Grässe: Sagenbuch des Preußischen Staates 1–2, Band 2, Glogau 1868/71, S. 990-995

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Liederthema: Sagen
(1850)
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