Die Sage von Klaus Störtebeker und Gödeke Michels


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Als die Raubgesellen einstmals die Nordsee recht rein geplündert hatten, fuhren sie nach Spanien, um dort zu rauben. Störtebeker und Gödeke Michels machten wie immer gleiche Teile der Beute, nur die Reliquien des heil. Vincentius, die sie aus einer Kirche genommen, behielten sie für sich und trugen sie seitdem unter ihrem Wams auf der bloßen Brust. Und daher ist’s gekommen, daß sie hieb- und schußfest gewesen sind; kein Schwert und Dolch, keine Armbrust, Büchse oder Karthaune hat sie je verwunden, geschweige denn töten können, so ging die Sage.

Nach ihrer Vertreibung aus der Ostsee haben sie von ihren Schlupfwinkeln auf Rügen und andern Orten lassen müssen. Darauf haben sie aber in Ostfriesland gute Freunde gewonnen und dort ihren Raub bergen und verkaufen können. Sonderlich bei Marienhaven haben sie viel verkehrt und dort an der Kirche den alten Turm zu bauen begonnen, und daselbst gibts noch viele Erinnerungen an Störtebeker, so einen Kanal mit dem Namen Störtebekertief und Ringe an der Kirchhofsmauer, an denen er seine Schiffe befestigte. Der Häuptling Keno ten Broke wurde sein Schwiegervater, denn die schöne Tochter desselben verliebte sich in den kühnen, mächtigen Mann und folgte ihm auf sein Schiff und in sein schwankend Reich.

Wenn Störtebeker Gefangene machte, die ein Lösegeld versprachen, so ließ er sie leben. Waren sie aber arme Teufel und alt und schwächlich dazu, so wurden sie gleich ohne Weiteres über Bord geworfen. Erschienen sie ihm jedoch tüchtig und brauchbar, so machte er erst eine Probe mit ihnen. Wenn sie nämlich seinen ungeheuern Mundbecher voll Wein in einem Zuge leeren konnten, dann waren sie seine Leute, dann nahm er sie als Gesellen an. Die es aber nicht konnten, die wurden auch abgetan. Man sagt aber, nur ein einziger Mensch, ein Junker Sissinga aus Gröningen habe diese Probe bestanden.

Störtebeker und Gödeke Michels haben auch zuweilen Reue über ihr Leben gefühlt, und deshalb soll jeder von ihnen dem Dom zu Verden sieben Fenster zur Abbüßung ihrer sieben Todsünden geschenkt haben; das Störtebekersche Wahrzeichen, zwei umgestürzte Becher, ist in einem dieser Fenster angebracht. Auch Brotspenden an dortige Arme haben sie gestiftet, und hierin finden viele eine Bestätigung der Angabe, daß beide Verdensche Landeskinder gewesen seien.

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Liederthema: Sagen
(1850)
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