Ist doch in allen Landen kein Zucht

Zeitenlied

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Ist doch in allen Landen kein Zucht

Ist doch in allen Landen
kein Zucht noch Ehrbarkeit
Der Glaub ist gar zu Schanden
gemacht durch Trug und Neid
Fuchsschwänz und Schelmenstücken
sein jeztzt in großer Ehr
damit tut man sich schmücken
kein Treu ist nirgend mehr

Man darf keim Menschen mehr vertrauen
Hinfort auf dieser Welt
Noch auf kein Red nicht bauen
Wie fromm er sich gleich stellt
Man kann sich wohl erzeigen
Gegen einen als mein man’s gut
Mit Referenz und Neigen
Geschieht alls aus falschem Mut.

Ihr Viel’n Hab ich vertrauet
Und oft vor Freunde geacht
Das hat mich nun gereuet
Und oft in Schaden gebracht
Gleich wie die Katzn tun schleichen
Ganz heimlich um den Brei
Also tun sie dergleichen
Mit Praktiken mancherlei

Ihr viel tun mich beklaffen
Die mich nit habn erkannt
Und sind doch selbs groß Lasten
Darzu voll aller Schund
Die unverschämet lügen
Und machen Plauderei
Was sie erdenken mögen
Reden sie von mir ohn Scheu

Auch die ich Hab vor Freunde
Am allermeisten geacht
Die han sich mir zum Feinde
Ohn all mein Schuld gemacht
Und halten sich so alber
Gleich ob ichs nit verständ
Sie werden sich selbs betrügen
Die ungetreuen Hund.

Ich muß von manchem Orte
Sein, da ich nit hinkam
Da macht man viel der Worte
Und schänd mir meinen Nam
Ein jeglichen laß ich bleiben
Ich sei beim Bier oder Met
Und könnt auch sehr wohl leiden
Das man mir dergleichen tät.

Ich schäm mich, mehr zu klagen
über solch lose Schwänk
Jedoch will ich nicht sagen
Was ich heimlich gedenk
Sölchs hat ein gut Gesell gesungen
In Eil und kurzer Zeit
Darzu hat ihn bezwungen
Untreu und schwätzig Leut.

Text: Verfasser unbekannt
Musik: auf die Melodie von „Der Sommer fährt uns von hinnen“
in Deutscher Liederhort II (1893, Nr. 292 „Zeitenlied“)

Anmerkungen zu "Ist doch in allen Landen kein Zucht"

Anmerkungen von Böhme im Liederhort: “

Text und Melodie im Dresdner Cod. 51. 53. Abschrift eines fl. Blattes aus der Zeit von 1550 — 1560: „Ein ander Lied, Ist doch in allen landen, kein zucht noch erbarkeyt. Im Thon, Der Sommer fert vns von hinnen.“

Ein anderes Lied gleichen Anfangs, das über Luxus und Trachten sich ausspricht, besaß Uhland (Schriften IV, Nr. 1), daraus er folgende Stelle mittheilt: „Daffetbänder dergleichen, Rosen daran gemacht, das zimpt Edlen und Reichen, so wil der Arm auch han sein Pracht.“

Die Melodie ist echte Volksweise, ihr Urtext war aber nicht aufzufinden. Das Lied: Der sommer fert vns von hinnen (Bergkreyen 1530, Nr. 4) hat zwölfzeilige Strophen, passt also nicht. Ein ebenfalls altes Lied: Der Sommer er fährt schon von hinnen (Büsching S. 170; Görres 93; Vulpius, Curios. 4. 217 ; Erlach I, 136) ist zwar achtzeilig, hat aber im Abgesang anderen Versbau.

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